Chris Barber in memoriam: Ice Cream, schnelle Autos und Millionenhits

Zusammen mit Kenny Ball und Acker Bilk war Chris Barber einer der  “Three B’s”, die den Traditional Jazz in Großbritannien definierten und verantwortlich waren für das große  “Trad”-Revival der späten 50er- und frühen 60er-Jahre. Am 2. März ist der Jazz-Posaunist ist gestorben. Das bestätigte die Plattenfirma Last Music heute unter Berufung auf seine Witwe. Der britische Posaunist und Bandleader Chris Barber war 2014 in Stuttgart mit der German Jazz Trophy der Stiftung Spardabank Baden-Württemberg, der Kulturgesellschaft Musik und Wort und der Jazzzeitung geehrt worden. Lesen Sie hier die Laudatio von Andreas Kolb und Marcus A. Woelfle auf Barber in voller Länge.


Ice Cream, schnelle Autos und Millionenhits

Stuttgart, 21. Juli 2014

Eigentlich ist Chris Barber Multiinstrumentalist: Er lernte zunächst Violine und Sopransaxophon. Später studierte er dann Posaune und Kontrabass an der Guildhall School of Music. Heute ist sein Name untrennbar mit der Posaune verknüpft, und er ist – endlich – unser erster trombone player in einer inzwischen langen Liste von illustren Preisträgern. Das Instrument entdeckte er rein zufällig für sich, sagt er: „Gekauft habe ich meine erste Posaune eigentlich nur deswegen, nachdem ich gesehen hatte, dass sie sehr billig war.“ Das war natürlich nicht der einzige Grund, denn von Anfang an war ihr Sound für ihn mit der Musik verbunden, die er liebte von dem Moment an, als er sie das erste Mal hörte: mit Jazzmusik.

Das klingt einfach, war es aber nicht. Versuchen wir uns zurückzuversetzen in die Zeit Anfang der vierziger Jahre. England befindet sich im Krieg mit Hitlerdeutschland und der am 17. April 1930 in Welwyn Garden City, Hertfordshire, geborene Barber kennt als Teenager zwar das furchteinflößende Geräusch deutscher V2 Raketen auf ihrem Weg nach London, hat aber noch keinen einzigen Ton Jazz gehört. Musik war im Gegensatz zu heute nicht überall und gleichzeitig verfügbar. Jazzmusik gleich gar nicht. Natürlich gab es das Radio, aber Jazz? Jazz wurde da nicht gespielt. Wollte man damals Jazz hören, dann musste man aktiv werden, und das wurde der junge Barber. Zu Kriegsbeginn kam er in den Besitz eines kleinen Bakelit Radios. Sein Lieblingssender war natürlich der AFN, die American Forces Network – denn da lief Jazz – oder zumindest was er damals dafür hielt. Da konnte die altbackene britische Radiotante BBC (für British Broadcasting Corporation) nicht mithalten.

„I remember thinking, ‚I like that’“, schreibt er in seiner Autobiographie. Die „Idee Jazz“ setzte sich damals fest in Barbers Kopf und er begann, systematisch Platten zu sammeln. Als Schüler der King Alfred School in seiner Heimatstadt Roysten musste er einmal die Woche zum Geigenunterricht nach Cambridge fahren. Statt den Bus zu nehmen, fuhr er mit seiner Geige am Lenker auf dem Fahrrad und das gesparte Geld fürs Busticket investierte er Woche für Woche in neue Schallplatten – 78 Umdrehungen pro Minute hatten die damals noch, von Stereo keine Rede. Durch diese lernte er Louis Armstrongs Hot Seven kennen, die Columbia Records von Bessie Smith, Aufnahmen von Jelly Roll Morton und Duke Ellington. Auch britische Bands etwa die British Hot Blues Society u.a. waren darunter.

Die Titel auf diesen Platten – die Barber größtenteils heute noch hat – waren die Basis für seine autodidaktische Jazzausbildung. Der Posaunist hatte 1950 eine von King Oliver inspirierte Amateurband gegründet. „Das Schöne am traditionellen Jazz ist ja, dass man nicht unbedingt ein Experte sein muss, um diese Musik halbwegs akkurat spielen zu können“, sagt er in einem Interview. Doch die Ansprüche wurden bald höher. Nach ungefähr drei Jahren in der Amateurband kam der Punkt, an dem Barber merkte, dass es sich lohnen würde, nicht nur einmal die Woche zu proben, sondern die Sache professionell anzugehen.

Klarinettist Monty Sunshine und Gitarrist Lonnie Donegan spielten wie Barber in einer Amateurband. „Als wir uns trafen, passte das ganz gut. Ich besuchte die Musikhochschule, Sunshine eine Kunsthochschule und Donegan absolvierte seinen Militärdienst. Wir drei waren uns einig, dass wir Musik vernünftig spielen wollten. Nun gab es natürlich keine Kurse oder Schulen, wo man Jazz lernen konnte. Jeder von uns hatte eine kleine Sammlung mit den unterschiedlichsten Platten. Unser Repertoire haben wir durch das Abhören dieser Schallplatten zusammengestellt. Wir haben dann angefangen, diese Musik zu spielen, so als würde unser Leben davon abhängen. Das ist ja im Kern die Definition davon, was einen Profi ausmacht.“

Ins Profilager übergewechselt übernahm Barber 1954 die Leitung der Band, die zuvor Ken Colyer mit weit puristischeren Vorstellungen vertreten hatte. „Chris Barber’s Jazz Band & Skiffle Group“ jener Tage löste denn auch mit einer neuartigen Musik eine Welle aus. Plötzlich musizierte halb Europa auf Waschbrettern und selbstgebastelten Instrumenten. Der zwischen Folk, Country, Blues und Jazz vermittelnde und Rock’n’Roll – affine Skiffle wurde zu einer der populärsten britischen Musikrichtungen der 50er Jahre. Lonnie Donegan, der König des Genres, war bis 1956 Barbers Banjo-Spieler und Sänger.

Barber war mit der Bluessängerin Ottilie Patterson verheiratet, die bis 1963 der Band angehörte. Es ist Barbers Verdienst, in dieser Zeit auch einige der bedeutendsten Blueskünstler Amerikas nach Europa gebracht zu haben, darunter Big Bill Broonzy, Sister Rosetta Tharpe, Brownie McGhee, Sonny Terry und Muddy Waters. Damit stand er auch am Anfang jener Welle der Begeisterung für authentischen Blues, die England, bald ganz Europa in den 60er Jahren erfasste und Nährboden britischer Rockbands wie der Rolling Stones wurde.

Mit dem 1954 aufgenommenen Titel „Ice Cream“ gelang ihm ein Welterfolg, der als die Dixieland-Hymne schlechthin zu seinem Markenzeichen wurde: Seitdem ist der Ohrwurm aus dem Repertoire der Chris Barber Band nicht mehr wegzudenken und markiert den Höhe- und Schlusspunkt jedes ihrer Konzerte. Fast noch am Beginn seiner Laufbahn kaufte sich Chris Barber eine Schellackplatte aus den Roaring Twenties, mit einer Instrumentalfassung von „Ice Cream“ und verliebte sich in die eingängige Melodie. 1954 ließ sie der frischgebackene Bandleader im Studio neu einspielen und seinen Trompeter, den 2013 verstorbenen Pat Halcox, einen Text improvisieren, da ihm der Originaltext nicht bekannt war: “ I scream, you scream, everybody wants ice cream. Rock, oh rock my baby roll”. „Ich glaube unser Text ist der Hauptgrund dafür, dass „Ice Cream“ in Deutschland ein Hit wurde, denn er enthielt die paar englischen Wörter, die der durchschnittliche Deutsche damals verstehen konnte“, glaubt Barber.

Der definitive Durchbruch gelang dem Bandleader mit der LP „Chris Barber Plays (Vol. 3)“ – sie wurde ein Millionenseller. Für diese LP griff Barber eine Komposition des aus New Orleans stammenden Klarinettisten Sidney Bechet auf, die dieser erstmals am 21. Januar 1952 in Paris aufgenommen hatte: „Petite fleur“.

Die Geschichte ist erzählenswert: Als Barber und seine Band 1959 bei den Aufnahmen zu ihrer dritten „third inch-LP“ waren, brachte Klarinettist Monty Sunshine das Stück „Petite fleur“ mit zu Aufnahmen. Er hatte das Stück in der Originalaufnahme mit Bechet gehört und da sein Plattenspieler etwas zu schnell lief, hatte er es Ton für Ton in As-Moll abgehört, der Paralleltonart zu H-Dur, anstelle von G-Moll, der Tonart, in der es Bechet spielte. „Der Grund dafür, dass wir diese LP (und das Stück) millionenfach verkauften und Sidney Bechet nicht“, meint Chris Barber, „lag darin dass die Wendung von As-Moll nach H wundervoll klingt, im Gegensatz zu Bechets Auflösung von G-Moll nach B-Dur. Ein kleiner Punkt, der den großen Unterschied ausmacht.“

Barbers Band war als Folge dieses Hits die erste britische Jazzband in den USA, die am 8. März 1959 live in der Ed Sullivan Show auftreten durfte und ebenso am 2. Oktober 1959 die erste britische Band, die beim Monterey Jazz Festival auftrat. Zwischen 1959 und 1963 besuchte die Chris Barber Band sieben Mal die Vereinigten Staaten. Vor den Beatles war Barber damit DER populäre Re-Import in die USA.

Barber war Mitbegründer des Marquee Club, der Keimzelle der britischen Bluesrock-Szene, von denen wiederum Schlüsselfiguren wie Alexis Korner mit ihm musikalisch verbunden waren. Durch seine Offenheit gegenüber Beat und Rock, Musikstile, die ihn in den späten 60er Jahren paradoxerweise aus der Publikumsgunst drängten, kam er unbeschadet in die 70er Jahre, die sich durch noch größere stilistische Offenheit auszeichneten und seiner Band wieder besondere Popularität bescherten: Seine Musik fand nach wie vor ihre Grundlage im Oldtime Jazz. Doch das war eine Startrampe von der es überall hingehen konnte, mal in Richtung R & B, mal in Richtung Ellington. Er hatte Bandmitglieder wie den im Rock berühmt gewordenen Jazzdrummer Pete York, und gänzlich unterschiedliche Stargäste wie Chicago-Jazz-Urgestein Wild Bill Davison oder John Lewis vom MJQ. So zählen zu den Musikern mit denen er zusammengearbeitet hat Muddy Waters, Rory Gallagher, Eric Clapton, Keith Emerson, Mark Knopfler, Van Morrison, Dr. John u.v.a. mehr. Zu hören ist das alles auf der Doppel CD „Memories of my trip“. Mein persönlicher CD Tipp von den über 50 derzeit noch lieferbaren Barber-CDs.

Die 80er Jahre sahen ebenso eine Verstärkung des allerdings zeitgenössischen New Orleans–Sounds, unter anderem durch Stargast Dr. John. Doch ebenso konnte man Barber als Komponisten und Solisten eines Konzertes für Jazzposaune und Sinfonieorchester erleben. Jahrzehntelang war die „Chris Barber Jazz and Blues Band” eine achtköpfige Gruppe. Doch weil einer wie Barber eigentlich nie stehen bleibt, erweiterte er die Besetzung seiner Band im 21. Jahrhundert zur elfköpfigen „Big Chris Barber Band“.

2014 feiert er sein 65. Jahr als Bandleader und sein 60. Jahr als Leiter professioneller Barber-Bands – Grund genug, auch ein bisschen zurückzuschauen: Im Februar erschien seine Autobiographie unter dem Titel „Jazz Me Blues“. Das Geheimnis seines Erfolges hat er aber schon einmal in einem Satz zusammengefasst: „Wir spielen glückliche Musik und wir machen die Leute glücklich. Deswegen mögen sie uns.“

Barbers Karriere ist eine lebenslange Erfolgsstory, in den sechziger Jahren war der Automobilenthusiast sogar erfolgreich als Rennfahrer unterwegs. Doch trotz erster Erfolge beließ er es hier im Gegensatz zum Jazz bei seiner Rolle als Amateur, als jemand der etwas aus Neigung, oder besser Zuneigung betreibt, ohne kommerzielles Interesse. Eigentlich ist ihm nur eine Sache nicht geglückt. Das finde ich persönlich schade, denn da hätten wir beide heute nochmals ganz anders fachsimpeln können: Zusammen mit Harold Pendleton war Barber eine Zeit lang Herausgeber des Magazin „Jazz News“. Barber erinnert sich: „Harold und ich versuchten alles, doch egal ob wöchentlich, zweiwöchentlich oder monatlich, wir brachten das Magazin nie in die schwarzen Zahlen.“

Ich denke dennoch, letztlich profitieren wir alle davon, dass dies nur eine Episode in Barbers Karriere blieb und wir daher heute Abend zum Glück nicht in den Genuss noch einer (!) Rede über Jazz kommen, sondern direkt in die klingende, funkelnde und swingende Welt des Jazz der Chris Barber Band.

Das Beitragsbild von Hans Kumpf zeigt Chris Barber bei Aufnahmen in den Bauer Studios in Ludwigsburg im Jahr 1984.

 

 

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