Ludwig’s Finest – Matthias Schriefl mit Beethoven in der Unterfahrt

Manchmal wirkt Matthias Schriefl wie ein Grimmelshausen des Jazz. Dann schlüpft er in die Rollen eines Simplizissimus’, um Aberwitziges mit der Geste des Naiven zu präsentieren. Ein bisschen Unsicherheit ist auch dabei, etwa dem strukturell rätselhaften Medium des Streams gegenüber, das der Unmittelbarkeit des Live-Erlebens die Glocke des Artifiziellen überstülpt, ohne künstlich sein zu wollen. Famos einerseits, weil es das Verbotene – den Kontakt mit der Musik in der Gemeinschaft von Künstler und Publikum – als mediale Mischform zugänglich macht, bleibt es für jemanden wie Schriefl ein Konstrukt, das er irgendwie zu untergraben versucht. Denn normalerweise zehrt seine Präsenz von der Interaktion mit den Zuhörern, vom Aberwitz schräger Aktionen, seltsamer Kostüme und schriller akustischer Überraschungen in Kombination mit betörender Musikalität und hinreißender Virtuosität. Beim Medium Stream bleiben davor noch enigmatisch alberne Ansagen übrig und die Konzentration auf den gestalterischen Gehalt, der allerdings vor Opulenz nur so brodelt. Ein rasantes Gipfeltreffen Und der die beteiligen Musiker des Septetts Six Alps & Jazz schwitzen lässt. Denn Schriefl hat eingedenk des fast vergessenen Jubeljahres ein Beethoven-Programm konzipiert, das einige Gassenhauer des Meisters mit einer Mischung aus Frechheit und …

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BMW Welt Young Artist Jazz Award 2020: Preisträgerkonzert mit Philipp Schiepek im Jazzclub Unterfahrt

Vor fünf Jahren wurde der seit 2009 stattfindende BMW Welt Jazz Award um einen jährlichen Nachwuchspreis erweitert. Mit dem BMW Welt Young Artist Jazz Award fördern die BMW AG und die Stadt München gezielt junge, regionale Talente aus dem Jazzbereich und stiften neben zwei Konzerten bei den Leipziger Jazztagen und im Münchner Jazzclub Unterfahrt, zusätzlich ein Preisgeld von 3.000 Euro. Dieses Jahr ging der Preis an den herausragenden Münchner Gitarristen Philipp Schiepek, der 2018 nach seinem Studium der Jazzgitarre an den Musikhochschulen in Würzburg und München noch ein Masterstudium für klassische Gitarre absolvierte. Dass Schiepek musikalisch vielseitig und offen ist, zeigt nicht zuletzt sein bisheriger Werdegang und Zusammenarbeit in verschiedensten Genres, angefangen beim Hard Bop, über lyrischen Jazz bis hin zur musikalischen Avantgarde. Beim Abschlusskonzert der Leipziger Jazztage präsentierte Schiepek am 24. Oktober (im Opernhaus noch mit Publikum) sein aktuelles, während der Coronazeit entstandenes, Programm „Meadows & Mirrors“. Am vergangenen Samstag war dann das zweite Konzert im Jazzclub Unterfahrt angesetzt. Wie bereits im Frühjahr während des ersten harten Lockdowns, hatte der Jazzclub bereits ein einzigartiges Streaming-Konzept auf die Beine gestellt und dies im Laufe des …

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Transatlantisches Miteinander beim Jazzfest: Berlin und New York rückten online ganz dicht zusammen

Nach jedem Konzert entsteht ein kurzer Moment der Leere, bei dem auch die Musikerinnen und Musiker etwas verunsichert wirken. Denn dort, wo sich nach intensivem Miterleben schließlich der Applaus entlädt ist – erst mal nichts! Auch dieser Eindruck blieb hängen nach vier virtuellen Jazzfest-Berlin-Tagen, wo – wie überall sonst auch zurzeit- das Publikum draußen bleiben muss. Trotzdem wurde nach Kräften und mit Erfolg demonstriert, wie auch in schwierigen Zeiten ein Festival zum Vorzeigeprojekt wird. Schon vor Verlegung des gesamten Jazzfests Berlin 2020 in den virtuellen Raum stand dafür eine gute Infrastruktur bereit. Sämtliche ARD-Sendeanstalten hatten online-Übertragungen und zugespielte Beiträge aus den Funkhaus-Studios von München und Köln zugesagt. Als dann der Lockdown 2.0 das Unvermeidliche eintreten ließ, verhalf die völlige physische Ortsgebundenheit vor allem den Kulturmetropolen New York und Berlin zu gemeinsamer Augenhöhe. Wo sich Gesellschaften zu spalten drohen, baut Jazz mit all seinen Randzonen die Schranken zwischen Kulturen, Nationen, und Stilistiken immer weiter ab – die zeitgleichen Tandemkonzerte zwischen Berlin und New York demonstrierten dieses Zusammenrücken vorbildhaft Weise. Fazit: Diesseits und jenseits des Atlantiks ist eine unbändige Lust vorhanden, beständig neue musikalische Welten zu erschaffen. …

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Smartphone trifft auf E-Gitarre: Jazzkünstler Regensburgs begegnen sich beim Improvisers Pool

Neukombination altbekannter Musiker Aus der Geometrie kennt man die Vorstellung, dass sich zwei parallel verlaufende Linien „im Unendlichen schneiden“. Solange haben die Musiker des Improvisers Pool nicht gewartet. Ex-Negerländer Bertl Wenzl, nach vielen Seiten hin offener Saxophonist, hat schon in höchst unterschiedlichen Konstellationen mit jedem der sechs anderen Mitspieler gespielt, die mit ihm beim ersten Konzert im Corona-Modus auf der Bühne im Leeren Beutel standen. Die anderen dagegen haben zwar auch teils untereinander zusammen musiziert, aber bislang nie jeder mit jedem. Generationsübergreifend, unterschiedlich, provokativ Geboren worden ist die Idee, Musiker aus Regensburg zusammenzubringen, die improvisieren können und Lust haben sich auszuprobieren, bei einem „bierologischen meeting“. Wenzl und der aus der Ecke Freejazz kommende Multiinstrumentalist Markus Heinze fanden den Gedanken höchst reizvoll und holten jüngere und ältere Musiker mit unterschiedlichen Backgrounds und Vorlieben mit in den Pool, der bei jedem Auftritt anders aussehen kann. Beim Jazzclub-Konzert spielten die aus dem Grunge- und Electronic-Umfeld kommenden Markus Stark (E-Bass, electronics), Peter Asanger am Schlagzeug und Keyboarder Sebastian Voigts mit. Gitarrist Mane Schimchen, der mit wüsten Lärmorgien bei Delir Noir in den 80er-Jahren schockte und provozierte, fand ebenso Gefallen …

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Sound wie ein tollkühner Vogelschwarm: Cécile Verny auf Bayerntour

Von Monden und Träumen Während im ersten Dämmer gerade noch ein abnehmender Halbmond zu sehen war, ging innen im Leeren Beutel bereits der Vollmond auf. Und das gleich zweimal hintereinander. „Of Moons and Dreams“, von Monden und Träumen, heißt das jüngste Album der deutsch-französischen Sängerin Cécile Verny, mit dem sie gerade eine kleine Bayerntour durch verschiedene Clubs, darunter den Jazzclub Regensburg, absolviert. Coronatauglich vor deutlich weniger Publikum, als bei früheren Auftritten. „Das ist heute überall so“ Um dennoch mehr Menschen die Möglichkeit zu geben die großartige Sängerin live zu erleben und den Musikern eine anständige Gage zahlen zu können, spielte sie mit ihrem Quartett zwei kürzere Konzerte hintereinander. „Das ist heute überall so“, verglich Verny den ausgedünnten Leeren Beutel mit Clubs in Paris und New York, „dort kratzen auch schon die nächsten an der Tür, um unsere Musik endlich wieder live zu hören“. Die klingt bei der in Abidjan aufgewachsenen Verny nach Jazz und Rhythm ’n‘ Blues, Funk und Fusion, mit ein wenig Pop hier, Groove dort, mal swingend mal straight. Vielseitig tiefgründige Songs In den Songs, die manchmal durchaus poptauglich klingen und in denen …

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+++News:+++Jazzclub Unterfahrt nimmt regulären Spielbetrieb wieder auf+++Herbst-Konzerte in Bayreuth+++Gründungsmitglieder-Treffen JazzDayGermany+++

Jazzclub Unterfahrt nimmt regulären Spielbetrieb wieder auf Der Münchner Jazzclub Unterfahrt ist seit 11. Juli 2020 wieder für Live-Konzerte zugänglich. Nach einer langen Phase, in der ausschließlich Konzerte gestreamt wurden, wurden Kabel verlegt, Wände gestrichen und eine neue, großzügige Bühne in den Club gebaut. So konnte Anfang September musikalisch mit dem Pianisten und Organisten Matthias Bublath, seinen Trio Partnern Tim Collins am Vibraphon im Wechsel mit Bassist Thomas Stieger und Christian Lettner am Schlagzeug sowie dem Saxophonisten Tony Lakatos gefeiert werden. Nun ist der Live-Besuch von Konzerten für bis zu 35 Jazzfans gleichzeitig wieder möglich. Um diesen Bruchteil der eigentlichen Kapazität der Spielstätte zu erweitern, werden sämtliche Konzerte in zwei Shows stattfinden. Das zweite Konzert eines jeden Abends wird außerdem zusätzlich als Livestream auf YouTube und Facebook übertragen. Der Jazzclub begrüßt erstmals seit dem Lockdown auch wieder internationale Musiker auf seiner Bühne. Weitere Informationen finden sich im Artikel von Ralf Dombrowski in der kommenden nmz Oktober 2020. Die neuen Zeiten im Überblick: Show 1: Beginn 19 Uhr, Einlass 18.15 Uhr. Dauer ca. 70 Min. Ohne Pause, Ende: ca. 20.10 Uhr Show 2: Beginn 21Uhr, Einlass: …

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+++News:+++Eröffnung des Jazzclub Erfurt+++44. Leipziger Jazztage+++

Eröffnungswochenende des Jazzclub Erfurt Der Jazzclub Erfurt musste nach fast 39-jähriger Geschichte Ende des Jahres 2019 seine Räumlichkeiten unter dem Gildehaus am Fischmarkt aufgeben. Der seit 1998 verwendete Jazzkeller wurde durch die Handwerkskammer Thüringen gekündigt. Mit Hilfe der Stadt Erfurt wurde nun eine neue Spielstätte in den Räumen des Thüringer Volkskundemuseums gefunden und durch die Jazzclubmitglieder spielbereit gemacht. Diese neue Spielstätte wird morgen, am Freitag, den 4.9.2020, um 18 Uhr mit einem Open-Air-Konzert der Eisenacher Band Travelling Blues eröffnet. Das Eröffnungswochenende wird am 5.9.2020 mit einem Konzert von Helmut „Joe“ Sachse und Heiner Reinhardt, die eine Hommage an Jimi Hendrix anlässlich seines 50. Todestags auf dem Programm haben, fortgeführt. Weitere Informationen: www.jazzclub-erfurt.de Titelfoto Sachse/Reinhardt: Michael Scheiner 44. Leipziger Jazztage „Transitions“ Unter dem diesjährigen Festivalmotto „Transitions“ finden die 44. Leipziger Jazztage vom 15. bis zum 24. Oktober 2020 statt. Das zehntägige Festival wird im Kunstkraftwerk mit der Verleihung des Jazznachwuchspreises der Stadt Leipzig mit Unterstützung der Marion Ermer Stiftung und einem anschließenden Konzert eröffnet. Neben vielerlei Konzerten findet am 15. und 16. Oktober das 25. Jazzforum der Deutschen Jazzunion „Jazz Now!“ mit einem Fachprogramm aus Workshops und …

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Das Jazzfestival Saalfelden als Weekender – Durchhaltewillen kann so schön klingen

Man lernt viel in diesen Tagen. Über die Blechlawinen des Individualverkehrs zum Beispiel, die die An- und Abreise zu einem an sich dezentral gelegenen Ort umfassend verlängern können. Oder über rudelweise auftretende Kubikrentner, die ihren Ruhestand alpentälerweise mit knatternd akustischer Umweltverachtung zu krönen versuchen. Man lernt auch etwas über Quarantäneverordnungen, die kurzfristig Konzertpläne über den Haufen werfen, über Sicherheitsbestimmungen, die ein 32-seitiges Konvolut in Bürokratenösterreicherisch umfassen oder über die Segnungen von QR-Codes, die eine weitgehend lückenlose Erfassung des Publikumsgeschehens ermöglichen. Man lernt aber auch anderes. Zum Beispiel, dass ein Publikum belastbar sein kann und sich nicht nur ohne Murren in lange Schlangen reiht, das eigene Konterfei bereitwillig mit vielfältig gestalteten Masken verhängt, Hände in Desinfektionslösungen badet, Tanzschritte domestiziert, entgrenzende Sitzordnungen akzeptiert, ja sogar den eigenen Rausch im Griff zu haben scheint. Man erfährt, dass Veranstalter über alle Schatten springen können und aus havarierenden Programmplänen neue Konstellationen improvisieren, die sich als inhaltlich stimmig und stellenweise sogar grandios herausstellen. Man bekommt vor allem mit, dass sich Künstler gegen die pandemische Absurdität zu stemmen verstehen, indem sie sich der Resignation mit einer Mischung aus Wut, Gestaltungslust und Selbstbewusstsein …

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Auf Sicht in die Zukunft fahren – Das außergewöhnliche „Look Into The Future III“-Festival in Burghausen

Einen viel aktuelleren Festivaltitel kann man derzeit wohl kaum finden als „Look Into The Future“. So nennen die Brüder Johannes Tonio und Cornelius Claudio Kreusch das seit drei Jahren von ihnen für die Stadt Burghausen kuratierte Format, das aktuelle Musik aus allen Genres mit anderen Kunstgattungen im eindrucksvollen Ambiente des Klosters Raitenhaslach zusammenspannen und nach dem wegweisenden Stand kreativen Denkens befragen soll. Schon, dass das Festival nun statt an Pfingsten als Rumpfveranstaltung im August mit allen derzeit nötigen Einschränkungen stattfand, lenkte den Fokus verstärkt auf die Rahmenbedingungen musikalischer und künstlerischer Betätigung. Und wie unter einem Brennglas wurde bei allen fünf Veranstaltungen – nicht zu vergessen die anschließenden Künstlergespräche des Elbphilharmonie-Pressesprechers Tom R. Schulz, die mit den sich dabei ergebenden Porträts und Innensichten der Künstler einen entscheidenden Unterschied zu anderen Festivals ausmachen – deutlich, wie entscheidend das Verhältnis ist zwischen dem Erbe der Vergangenheit, dem Weg, den die Künstler dank ihres Talents finden, es in die Gegenwart zu transportieren, und den Möglichkeiten der Rezeption, die mitentscheiden, ob er in die Zukunft führt. Am sinnfälligsten war dies vielleicht beim letzten Programmpunkt am Sonntagmittag im Anker Filmtheater (einem …

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Die Corona-Ausgabe des „Inntöne“-Festivals

Wiese, Stimmen, Sensationen Natürlich war in diesem Jahr auch beim „Inntöne Festival“ alles anders. Lange war nicht klar, ob es überhaupt würde stattfinden können, der übliche Pfingsttermin war wegen Lockdown ohnehin schnell vom Tisch. Aber Paul Zauner, als Posaunist, Labelbetreiber („Pao“), Veranstalter (unter anderem auch des praktisch kompletten Jazzgeschehens in Passau) und Biobauer (mit Studium der Tiermedizin und Agrartechnik) in Personalunion sowieso ein Phänomen, wollte sein liebstes Kind nicht fallen lassen. Zumal es nebenbei auch einen runden Geburtstag feierte – seit 25 Jahren gibt es die aus dem schon 1986 von Zauner gegründeten „Jazzfestival Siegharting“ hervorgegangenen Inntöne, seit 2002 veranstaltet auf dem inzwischen von Zauners Sohn hauptverantwortlich geführten elterlichen Hof nahe Diersbach bei Schärding. „Jazz am Bauernhof“, wie es im Festival-Untertitel so schön heißt, blieb es. Aber nun ging es von der wegen ihrer exzellenten Akustik berühmten Scheune raus auf die Wiese, in die man für die notwendigen Abstände ein Schachbrettmuster eingemäht hatte. Die Gastronomie im Innenhof-Zelt, die Laufwege der in der Zahl reduzierten Zuschauer, auf die Masken- und Reservierungspflicht zukam – alles wollte organisiert sein, bis Zauner sich schließlich auch noch auf die Schnelle …

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