»Ego kills« – Killing Popes veröffentlichen neues Album

(Von Mathias Bäumel) »Jazz from Hell«: Ältere unter den Lesern bzw. Hörern können mit dieser Bezeichnung etwas anfangen; es handelt es sich dabei sowohl um eine Komposition als auch einen LP-Titel von Frank Zappa. Die 1986 veröffentlichte Platte rief sofort Pro und Kontra hervor. Der Rockjournalist Barry Miles soll gesagt haben, dass der Rhythmus der Stücke »merkwürdig« sei und wie eine »maschinelle Version einer singenden Säge« klinge. Andererseits erhielt Zappa für diese Veröffentlichung 1988 einen Grammy Award für die Beste Darbietung eines Rockinstrumentals. Wie dem auch sei – zwei Dinge zeichnen dieses Album aus, das dadurch innerhalb der Populärmusik entgrenzend fungierte: eine künstlich wirkende Klanglichkeit, die in Sound und Melodik vom fast alle Tracks dominierenden Synclavier geprägt ist, und eine konzentrierte Perkussivität mit variablen Metren und Tempi sowie komplexen Rhythmen. Diese Kombination aus klanglicher und rhythmischer »Künstlichkeit« (besonders deutlich bei »G-Spot Tornado« und »Massaggio Galore«) macht den eigentlichen Wert von »Jazz from Hell« aus – und führt mich direkt zu Oli Steidles Killing Popes mit ihrer neuen CD »Ego kills«! Die Musik besticht mit einer spannungsgeladenen, im positiven Sinne widersprüchlichen Klangwelt, in der sich »künstliche« …

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Wenn Kaa auf der Duduk gleitet – Hörbuch mit Musik von Martin Auer

Grimmig widersetzt sich Mutter Wolf dem Herr des Dschungels, Shir-Khan: „Das Menschenjungen gehört uns. Es bleibt hier!“ Verärgert wendet sich der hungrige Tiger, nachdem er seine Chancen auf einen Kampf abgewogen hat, und zieht davon. Begleitet vom Geheul des Wolfsrudels und drohendem Geklöppel auf dem Marimbafon, welches sich im Zusammenspiel mit Blech- und Holzbläsern, Perkussion und Streichern zu einem majestätisch-stolzem Orchesterklang entwickelt. (Beitragsbild Martin Auer von Michael Scheiner) Klassiker im Kinderzimmer Martin Auer, Trompeter und vielbeschäftigter Arrangeur, hat im Auftrag der Deutschen Oper Berlin die Musik für eine musikalisches Erzählkonzert geschrieben, dessen Thema in fast jeder Familie präsent ist. Die Story um das Findelkind Mowgli, das von Wölfen aufgezogen wird, gehört zu den Klassikern in Kinderzimmern. Meist in der fröhlich-bunten  Fassung des gleichnamigen Disney-Animationsfilms von 1967. Für das Liveprojekt mit der Bigband der Deutschen Oper ist die Abenteuergeschichte von Rudyard Kipling von Rüdiger Ruppert bearbeitet worden. Verknüpft mit der Musik von Auer ist eine spannende, reduzierte Fassung des Originaltextes entstanden. Gesprochen mit der unverwechselbaren Stimme von „The Voice“ Christian Brückner kann diese regelrecht Gänsehaut erzeugen und so tief hineinziehen, dass eine ganze schaurig-schöne Welt entsteht. …

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Im Dada-Marsch Berge bezwingen  – neue CD von Pago Libre

Wenn der Berg ruft ist der Jodler nicht weit. Komplettieren Jazz und Schweiz das klangsensible Duett, ist es meist eine erfrischend uncoole Jodlerin, die in diversen Suchmaschinen aufploppt. Bei den Mountain Songlines des in der Schweiz angesiedelten europäischen Quartetts Pago Libre ist es eher umgekehrt: Nicht der Berg ruft hier, sondern die vier Musiker um Pianist John Wolf Brennan und Gastjodlerin Sonja Morgenegg huldigen den Bergen um sie herum. Das beginnt mit der stimmungsvoll-getragenen „Hornborn Hymn“ und endet mit der etwas pathischen „The Melody of the Earth“, einer ruhigen Komposition des Alphornbläsers Arkady Shilkloper. Den melancholisch-feierlichen Klang von Klavier und Geige (Florian Mayer) erweitert Morgenegg mit ihren wortlosen Vokalisen. Klanglich fein ausgewogen Fast ist man erleichtert, dass ein angehängter Bonus Track mit einem Exzerpt aus verschiedenen Stücken noch einmal zu grooven beginnt und das Stimmungsruder  herumreißt. Insgesamt wirkt das klanglich fein ausgewogene und exzellent produzierte Album sehr verhalten und emotional ausgeglichen. Genremäßig und stilistisch ist es weit offen, lässt sich weder auf Jazz, Klassik/neue Musik noch Heimatsound festlegen, sondern mäandert durch alle Stilebenen. Repetitive Motive am Piano geben die jazzdominierte Basis für ausgiebige Horn- und Violinsoli. …

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Über das neue Buch von Siegfried Schmidt-Joos „Es muss nicht immer Free Jazz sein. Zeitlose Texte zu Musik und Politik“

Mathias Bäumel räsoniert über das neue Buch des Publizisten Siegfried Schmidt-Joos, in dem dieser  einige historische Artikel zusammenstellt Um es vorweg zu nehmen: »Zeitlos«, wie der Untertitel des aktuellen Buches von Siegfried Schmidt-Joos verspricht, sind die 21 hier zusammengestellten Artikel nicht. Als Texte der Zeitgeschichte leben sie durch ihre direkten Bezüge auf historisch konkrete Situationen und Ereignisse. Insofern ist die Formulierung »zeitlos« irritierend. Leser, die populärmusikhistorisch interessiert sind, können mit Hilfe dieser Kompilation an geschichtlich relevante Beiträge kommen, die sie ansonsten nur mit einiger Mühe aus verstreut vorliegenden, alten Zeitschriften zusammenklauben müssten. Das macht auch den Wert dieser Veröffentlichung aus. Das Spektrum dieser Kompilation mit ihren Überlegungen und Histörchen reicht von Beiträgen aus den 1960er und den 1970er Jahren bis hinein zu solchen aus der Gegenwart. Bisher unveröffentlichte Beiträge ergänzen diese Zusammenstellung: ein Blick aus Tony Bennetts Fenster auf den Central Park, eine für Josef Stalin in einem leeren Theater jazzende Band, Gitte Haenning in der Berliner Komischen Oper für ihren Vater singend – das sind drei weitere Szenen aus den 21 Geschichten in diesem Buch. Noch mehr zur Irritation jedoch trägt die Hauptzeile des …

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Csaba Palotaï und Steve Argüelles veröffentlichen mit »Cabane Perchée« ein überzeugendes Duo-Album

Musik als Wesenssuche Diese CD birgt Herausforderungen in mehrfacher Hinsicht. Sie enthält neben drei von den beiden Musikern Csaba Palotaï (akustische Gitarre) und Steve Argüelles (spielzeugartige Perkussionsinstrumente) komponierten Stücken zwölf Kompositionen aus Béla Bartóks »Mikrokosmos«. Das erforderte von Palotaï Hingabe und Genauigkeit beim Transponieren der Klavierstimmen in ein – sein! – Notenbild für Gitarre. Das ist die erste Herausforderung. Die zweite, kognitive, zielt auf den Hörer, insbesondere, wenn der vor dem Hören nicht schon die kleingedruckten Credits auf der CD-Hülle gelesen hat: Häufig denkt man während der Musik: Mensch, das kenne ich doch! Aber was ist das? Die Stücke kommen wie eine klar akzentuierte, reduziert arrangierte, transparente Popmusik für ein Gitarre-Perkussions-Duo daher – im Unterschied zu Parnitzkys viel jazzigeren Interpretationen. Sie haben in ihrem Sound und in ihrer gedanklichen Konsequenz die Anmutung einer künstlerisch souveränen, in den Fußgängerzonen der Großstädte erklingenden Straßenmusik. Die hier vorliegende Palotaï-Argüelles-Musik ist das Einfache, das schwer zu machen ist. Sie als Bartók-Musik zu erkennen, wird nur dem Geübten auf Anhieb gelingen – nach solchen Aha-Erlebnissen macht das Zuhören jedoch besonderen Spaß und verbindet sich mit der Erkenntnis, wie leicht, schön, …

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Bluesige Songs mit Bitternote: Stefanie Boltz und Christian Wegscheider – Jazzbaby!

Ein voller Terminkalender: Schon vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin im August können Zuhörerinnen (inkl. -hörer) dem Tiger ins Maul schauen und zuhören wenn er knurrt, brüllt oder tobt. Das „Gebrüll eines gezähmten Tigers“ ist Stefanie Boltz’ und Christian Wegscheiders erste gemeinsame Produktion. Sie entwickelten diese gemeinsam während des gleichermaßen zermürbenden, wie begünstigenden Lockdowns. Heuer nahmen sie die dabei entstandenen Songs zusammen mit einigen Gastmusikern auf. Vieles lief lange Zeit über Fernkontakte, digital, bis sich die Münchnerin Boltz „mit einem ganzen Stapel Unterlagen unterm Arm, erstmals nervös der (österreichischen, Anm.) Grenze näherte, und dann tatsächlich passieren durfte.“ Beide erlebten diesen Moment als „unglaubliches Freiheitsgefühl“. Sie hätten immer wieder gewitzelt, erzählt Boltz in einem Interview, „dass wir uns einfach auf einem Berg treffen. Da wiederum kursierten Gerüchte, dass die Feldjäger patrouillierten und Grenzgänger ‚jagten‘. Außerdem brauchten wir ja auch sein Studio und einen Flügel.“ Blues, Jazz und Chanson Das Warten, bis Grenzen wieder offen und Begegnungen wie Arbeitstreffen von Künstlern wieder möglich waren, hat sich gelohnt. „A Tamed Tiger’s Roar“ lässt allzu eindeutige und manchmal enge Stilgrenzen hinter sich und verbindet mit emotionaler Nachdenklichkeit und feiner Poesie Singer-Songwritertum …

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Jazz in der HörBar

Aus der HörBar der nmz: Tobias Meinhart / Trio Elf / Heisig-Klare

Jazz in der HörBar der nmz: Die ganze Platte durchziehe „ein Impuls des druckvoll Lässigen, Einnehmenden“, meint Martin Hufner in der Besprechung von Tobias Meinharts „The Painter“. Es laufe alles „ab in und auf einer staunenmachenden Elastizität der Rhythmusgruppe.“ Juan Martin Koch sagt zur neuen Platte von Trio Elf „Fram“: „Und noch immer zündet die Kombination aus Eisenhauers aberwitzigem Snareteppich-Knüpfen und Langs die Jazzharmonik konsequent vermeidender Motiv- und Melodiefantasie.“ Das Duo Heisig und Klare, hört Martin Hufner angeblich einen „kritischen Kampf im Obertongewölle des Saxophons“ und Bluesmechanik in Expression umschlagen. Na dann! Tobias Meinhart: The Painter (2021) Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von hoerbar.nmz.de zu laden. Inhalt laden Trio ELF: Fram (2021) Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von hoerbar.nmz.de zu laden. Inhalt laden Heisig / Klare (2020) Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von hoerbar.nmz.de zu laden. Inhalt laden      

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Fiona Grond(ioses) Trio-Debutalbum „Interspaces“

 Die schweizer Vokalistin Fiona Grond hat über die Jahre ihren Ruf als unkonventionelle und vor allem experimentierfreudige Komponistin kontinuierlich über die Münchner Grenzen hinaus ausgebaut. Nach einem Stipendiat beim New York Voices Vocal Camp in 2019, ausgezeichnet mit dem Leonard & Ida Wolf-Gedächtnispreis für Musik, profundem Backup im Svetlana Marinchenko Trio (siehe dazu auch: https://www.jazzzeitung.de/cms/2021/05/pianistin-svetlana-marinchenko-praesentiert-letters-to-my-little-girl-auf-cd/ ), in der Jazzrausch BigBand oder Christians Elsässers Jazz Orchester, war es nun an der Zeit, eigene Ideen umzusetzen und aufzunehmen. Zwei der besten Freunde von Fiona Grond, der Saxophonist Moritz Stahl und Philipp Schiepek an der Gitarre stehen seit geraumer Zeit an ihrer Seite und bereichern mit ihr im Trio die „grondschen“ Klangwelten. Zwar hat Grond in ihren Kompositionen wenig dem Zufall überlassen, aber dennoch klingen ihre Stücke ungemein frei, fresh und filigran. Themen sind klar strukturiert und lassen sowohl Stahl, als auch Schiepek genügend Freiraum für Interaktion und Improvisationen. Zu den durchgehend leicht melancholisch mystischen Klängen gesellt sich die einzige Fremdkomposition „December“ aus der Feder von Philipp Schiepek. Dabei wird deutlich wie nahe sich die Musiker sind, alles ist im Fluss und tönt homogen wie aus einem Guss. …

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Lodernder Fusionsound – Trio Hovercraft mit „Midwife Crisis“

Bekommt jetzt auch die Jazzszene ihr -ismus–Skandälchen? Beim Titel „Midwife Crisis“ des Trios Hovercraft um den israelischen Saxophonisten Omri Abramov könnte die pc-Gemeinde immerhin auf die Idee kommen, eine verdächtige Portion Sexismus dahinter zu erkennen. Wer es bei der Musik belassen will, wird auf dem ersten Album der Band mit einem dichten, vorwärts drängenden Sound konfrontiert. Miami Vice lässt grüßen Der erinnert an die ausladenden Fusioneskapaden vorwiegend amerikanischer Prägung der 80er- und 90er-Jahre des zurückliegenden Jahrhunderts. Erweitert um Effekte (mit dem Sax) und das selten gespielte elektronische EWI (Electric Woodwind Instrument), auf deutsch auch als Blaswandler bezeichnet, ziehen vor dem inneren Auge/Ohr älterer Jazzfans us-amerikanische Serien wie Miami Vice und deren akustische Erkennungsmelodien auf. Nun darf man den drei noch jungen Musikern keineswegs ein kraftvolles Segeln unter fremden Flaggen unterschieben. Immerhin sind sie teils sogar jünger als die alten Quotenbringer, dennoch gibt es eine gewisse Affinität zu konstatieren. Ein ausgiebiges malerisches Schlagzeugsolo – auch ein wenig ein Relikt – mit Stolperfallen und verwinkelten Rhythmen prägen das mehr als siebenminütige „Depredation“, das harmloser rüberkommt, als der Titel suggeriert. Beinahe sanft kommt das aus einem einfachen Motiv …

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Pianistin Svetlana Marinchenko präsentiert „Letters To My Little Girl“ auf CD

Tastenvirtuosin Svetlana Marinchenko kennt keine musikalischen Grenzen und lässt sich schon gar nicht in eine stilistische Schublade stecken. Seit 2015 ist die aus Moskau stammende Pianistin in der Jazzszene unterwegs, und egal wo sie spielt hinterlässt sie ein einen fesselnden Eindruck, sowohl beim Publikum als auch bei ihren KollegenInnen. Marinchenkos Ausbildung am Klavier begann eigentlich bei Andrei Kondakov am Mussorgsky College of Music. Sie trat danach auf internationalen Jazzfestivals und in Jazzclubs auf, sammelte Erfahrungen und gründete ihre erste Combo „Svetamuzika“ mit der sie bereits 2015 ihr erstes Album „Present Simple“ aufnahm. Sie studierte weiter bei Prof. Tizian Jost an der Hochschule für Musik und Theater in München, gewann u.a. 2016 den Steinway Jazz Förderpreis-Wettbewerb in München und im Jahr 2019 den begehrten Kurt Maas Jazz Award. Um ihre aktuelle Aufnahme „Letters To My Little Girl“ produzieren und publizieren zu können, startete sie eine Crowdfunding Kampagne. Die Unterstützung war überwältigend und so wurde zeitnah durchgestartet. Mit Peter Cudek am Bass und dem Schlagzeuger Ofri Nehemya wurden insgesamt neun Eigenkompositionen aufgenommen und eingespielt. Mit von der Partie waren zusätzlich die Sängerinnen Enji Erkhembayar und Fiona Grond. …

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