Bodor und Mezei – ein Improvisationsmusiker aus der Vojvodina mit einer Hommage an archaische Volkslieder

Wem in Deutschland ist der Name Anikó Bodor ein Begriff? Bestenfalls nur Volksmusik-Forschern und Musikhistorikern. Für ihre Heimatregion, die Vojvodina im Norden der Republik Serbien, jedoch hat die 2010 verstorbene Musikwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin Großes, ja Unverzichtbares geleistet.


Anikó Bodor. Foto: Wikipedia/ https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bodor_Anik%C3%B3.jpg

Ihre Arbeit wird durch mehr als ein halbes Hundert Studien, wichtige Artikel und volksmusikalische Veröffentlichungen – Bücher, Noten, Schallplatten – belegt. Der wohl bedeutendste Teil ihres Werkes ist die auf fünf Bände konzipierte Reihe »Ungarische Volkslieder der Vojvodina«, von denen bisher vier Bände, davon die ersten drei zu Bodors Lebzeiten, veröffentlicht wurden. Daneben gibt es noch ein Buch mit Liedern aus dem Dorf Bácskertes (auch: Kupuszina), dessen Bevölkerung noch heute zu knapp achtzig Prozent ungarisch ist; das Dorf liegt im Nordwesten der Vojvodina, an der serbisch-kroatischen Grenze in unmittelbarer Donaunähe.

Der Wert von Anikó Bodors Arbeit ist nicht hoch genug einzuschätzen; ihr Verdienst besteht im Sammeln, Erkennen, Systematisieren und Bewahren der Volksmusikkultur aus der Bácska, dem Banát und Syrmiens – der heutigen Vojvodina. Sie gründete das Südungarische Musikarchiv und prägte dessen wissenschaftlichen Forschungen. Damit leistete sie einen wesentlichen Beitrag zum Erkennen des kulturellen Reichtums nicht nur ihrer Heimat, sondern weit darüber hinaus. Kulturelle Vielfalt als Standard und Normalität – das hat sie mittels ihres Lebenswerkes sicht- und natürlich auch hörbar gemacht.

Die Vojvodina erstreckt sich etwa von Subotica nach Süden fast bis Belgrad, im Westen begrenzt etwa von Donau und Save, im Osten von der heutigen nordserbisch-rumänischen Grenze. Gegenwärtig unter mitteleuropäischen Touristen kaum bekannt, verfügt diese Gegend nicht nur über schöne, geschichtsträchtige wie auch »heutige« Städte wie besonders Novi Sad, sondern ebenso über Naturreservate und Nationalparks (Fruška Gora), vor allem eben auch über eine kulturelle Vielfalt, die geknüpft ist an die verschiedenen dort lebenden Nationen – neben Serben auch Ungarn, Rumänen, Ruthenen, Bunjewatzen, Deutsche und Zigeuner. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war das Gebiet der heutigen Vojvodina Teil der ungarischen Hälfte der Donaumonarchie. Die in Senta an der Theiß lebende Anikó Bodor gehörte der ungarischen Minderheit an.

Auch der ebenfalls in Senta lebende Bratschist, Komponist und Kontrabassist Szilárd Mezei ist Ungar. Auf der Szene der europäischen zeitgenössischen Improvisationsmusik ist er sehr angesehen. Weit über vierzig CDs hat er bereits veröffentlicht, auf internationalen europäischen Festivals ist er regelmäßig vertreten. Als Komponist arbeitet er mit dem berühmten Centre Chorégraphique National d’Orléans in Frankreich zusammen. Dessen Tanzstück »Les Philosophes«, für das Mezei die Musik komponiert hat, erlebte Aufführungen in europäischen Tanz-Metropolen Frankreichs, Belgiens, Italiens und Englands.

Szilárds Musik und sein Bratschenspiel zeugen von einem intensiven Gefühl für die Folkloremelodien und -rhythmen Pannoniens und der Vojvodina sowie der Kultur der freien Improvisation. Der Bratschist erzählt, dass Anikó Bodor eine der wichtigsten Persönlichkeiten für seine Entwicklung als Künstler war.

Etwa ein halbes Jahr vor Bodors Tod nahm Szilárd improvisierte eigene Interpretationen zweier Lieder aus Anikós Volksliedersammlung auf und veröffentlichte sie zusammen mit eigenen Stücken auf seiner CD »Tisza« (Theiß, 2011). Das heißt: Die Themen dieser ungarischen Volkslieder aus der Vojvodina, ihre harmonischen Abläufe und rhythmischen Figuren sind Ausgangsmaterial für weite Improvisationen, auch Kollektivimprovisationen in der Tradition des Freejazz und der europäischen Improvisationsmusik, sowie für kompositorische Erweiterungen und extra dafür geschaffene Arrangements.

Das jedoch sollte nicht alles sein. Nach »Tisza« brachte Szilárd Mezei zwischen 2014 und 2017 vier (!) Doppel-CDs heraus, auf denen insgesamt 47 Stücke aus den ersten drei Bänden von Bodors Sammlungsreihe und einem extra Band enthalten sind – sämtliche in Mezeis Freejazz-vertrauten Bearbeitungen.

Wie kam es dazu? »Mein Projekt mit den ungarischen Volksliedern aus unserer Gegend reicht gedanklich schon viele Jahre zurück«, erklärt Szilárd Mezei dem Journalisten Nick Metzger im freejazzblog.org. »Anikó Bodor war die wichtigste Musikwissenschaftlerin der Region, und glücklicherweise war sie eine Freundin meiner Mutter«, so Szilárd weiter. Deswegen seien sie nicht nur musikalisch, sondern von klein auf auch menschlich miteinander verbunden gewesen.

Für die Umsetzung dieses Projektes stellte Szilárd ein mehrköpfiges Ensemble namens »Túl a Tiszán Innen« zusammen. Dieser Bandname ist ein Wortspiel und bedeutet sinngemäß »Dies- und jenseits der Theiß«, was darauf anspielt, dass die Vojvodina vom Lauf der Theiß geteilt wird. Fast alle Mitglieder des Ensembles kommen aus dieser Region, aber nicht alle sind Ungarn, die Band ist national gemischt. Einige von ihnen kennen diese archaische ungarische Volksliedtradition nicht, aber sie bringen sich mit ihrer musikantischen Qualität und mit großer Neugier ein. Im Kontrast zu den Trio-Aufnahmen auf »Tisza« erlaubt die deutlich umfangreichere Besetzung des »Túl a Tiszán Innen«-Ensembles der Doppel-CDs eine größere und differenzierbare Klangfülle, so dass diese Musik eine durchaus kammerorchestrale Wirkung entfaltet.

»Mit diesem Projekt möchte ich mich vor dieser archaischen Tradition verbeugen. Mir geht es auch darum, einige Aspekte dieser lang zurückreichenden Kultur in meine zeitgenössische Arbeitsweise einzubeziehen«, so Mezei im Metzger-Interview. Diese Lieder und Tänze sind Teil des umfassenden, vielgestaltigen Volksmusikerbes aus allen Gebieten des einstigen Ungarn. Logisch, dass Szilárd mit diesen Stücken aufgewachsen ist. Diese Volkslieder handeln vom ländlichen Leben, vom Leben als einfacher Bauer, als Schäfer oder als Hirt, sie singen von Liebe und Unglück, manchmal haben sie Humor. Ursprünglich sind es Lieder, die nur gesungen, also a cappella vorgetragen wurden, später wurde die Stimme mit Hirtenflöte, Tambura, Drehleier oder Streichinstrumenten begleitet. Aber Gesang war stets das Grundlegende. »Meine Instrumentierungen dieser Lieder sind abstrakt, beziehen sich auf die Singstimme, jedoch bei meinen Interpretationen gibt es keine Sänger mehr, und auch meine eigenen Kompositionen auf der Basis der Songs sind abstrakt«, hebt Mezei hervor. »Ich habe nicht die Absicht, traditionell oder stilistisch gesehen archaisch zu wirken. Ich will hier neue Instrumentalmusik schaffen, indem ich diese Songs als eine Art Hommage an diese große Tradition benutze und mich dabei auf meine Region konzentriere.«

Eine fünfte und sechste Doppel-CD mit Material aus der Bodor-Sammlung sind aufgenommen und warten auf ihre Veröffentlichung. »Allerdings in der gegenwärtigen Situation, in der wir alle stecken, werden beide wohl nicht so bald veröffentlicht werden können«, so Szilárd Mezei. Unabhängig davon erweist sich die ungarische Volksliedsammlung Anikó Bodors als musikalische Goldmine, die, so Mezei, für den ihn sehr inspirierend wirkt.

Dabei ist sein Vojvodina-Volkslied-Projekt bei weitem nicht Mezeis einziges; im Trio, verschiedenen Septetten, seinem Wind Quartet und seinem Vocal Ensemble und in verschiedenen weiteren Großensembles verwirklicht der Musiker seine Vorstellungen von der ausdrucksstarken Balance zwischen Komposition, Improvisation, Klangfülle, Tradition und Individualität – häufig gebunden auch an Bühnenstücke.

Produktivität und Kreativität kennen bei Szilárd Mezei offenbar keine Grenzen. Erst kürzlich hat er die unglaubliche Zahl von derzeit 85 bisher nicht veröffentlichter CD-Alben – live- und Studio-Aufnahmen – auf seiner bandcamp-Webseite hochgeladen, darunter auch in zwei Teilen eine Konzertaufnahme seines »Túl a Tiszán Innen«-Ensembles vom 29. November 2019, das im Opus-Jazzclub des Budapest Music Centers ein Teil des Vojvodina-Volkslied-Projektes spielt.

Text: Mathias Bäumel

Beitragsbild: Szilárd Mezei, PR/Nikolai Khalezin

Information:

https://szilardmezei.bandcamp.com/album/live-at-bmc-opus-2019-set-1

https://szilardmezei.bandcamp.com/album/live-at-bmc-opus-2019-set-2

 

 

 

 

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