Lodernder Fusionsound – Trio Hovercraft mit „Midwife Crisis“

Bekommt jetzt auch die Jazzszene ihr -ismus–Skandälchen? Beim Titel „Midwife Crisis“ des Trios Hovercraft um den israelischen Saxophonisten Omri Abramov könnte die pc-Gemeinde immerhin auf die Idee kommen, eine verdächtige Portion Sexismus dahinter zu erkennen. Wer es bei der Musik belassen will, wird auf dem ersten Album der Band mit einem dichten, vorwärts drängenden Sound konfrontiert. Miami Vice lässt grüßen Der erinnert an die ausladenden Fusioneskapaden vorwiegend amerikanischer Prägung der 80er- und 90er-Jahre des zurückliegenden Jahrhunderts. Erweitert um Effekte (mit dem Sax) und das selten gespielte elektronische EWI (Electric Woodwind Instrument), auf deutsch auch als Blaswandler bezeichnet, ziehen vor dem inneren Auge/Ohr älterer Jazzfans us-amerikanische Serien wie Miami Vice und deren akustische Erkennungsmelodien auf. Nun darf man den drei noch jungen Musikern keineswegs ein kraftvolles Segeln unter fremden Flaggen unterschieben. Immerhin sind sie teils sogar jünger als die alten Quotenbringer, dennoch gibt es eine gewisse Affinität zu konstatieren. Ein ausgiebiges malerisches Schlagzeugsolo – auch ein wenig ein Relikt – mit Stolperfallen und verwinkelten Rhythmen prägen das mehr als siebenminütige „Depredation“, das harmloser rüberkommt, als der Titel suggeriert. Beinahe sanft kommt das aus einem einfachen Motiv …

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Bodor und Mezei – ein Improvisationsmusiker aus der Vojvodina mit einer Hommage an archaische Volkslieder

Wem in Deutschland ist der Name Anikó Bodor ein Begriff? Bestenfalls nur Volksmusik-Forschern und Musikhistorikern. Für ihre Heimatregion, die Vojvodina im Norden der Republik Serbien, jedoch hat die 2010 verstorbene Musikwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin Großes, ja Unverzichtbares geleistet. Ihre Arbeit wird durch mehr als ein halbes Hundert Studien, wichtige Artikel und volksmusikalische Veröffentlichungen – Bücher, Noten, Schallplatten – belegt. Der wohl bedeutendste Teil ihres Werkes ist die auf fünf Bände konzipierte Reihe »Ungarische Volkslieder der Vojvodina«, von denen bisher vier Bände, davon die ersten drei zu Bodors Lebzeiten, veröffentlicht wurden. Daneben gibt es noch ein Buch mit Liedern aus dem Dorf Bácskertes (auch: Kupuszina), dessen Bevölkerung noch heute zu knapp achtzig Prozent ungarisch ist; das Dorf liegt im Nordwesten der Vojvodina, an der serbisch-kroatischen Grenze in unmittelbarer Donaunähe. Der Wert von Anikó Bodors Arbeit ist nicht hoch genug einzuschätzen; ihr Verdienst besteht im Sammeln, Erkennen, Systematisieren und Bewahren der Volksmusikkultur aus der Bácska, dem Banát und Syrmiens – der heutigen Vojvodina. Sie gründete das Südungarische Musikarchiv und prägte dessen wissenschaftlichen Forschungen. Damit leistete sie einen wesentlichen Beitrag zum Erkennen des kulturellen Reichtums nicht nur ihrer Heimat, …

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Samo Šalamon Trio als „Bedürfnis-Weck-Anstalt“

Von Mathias Bäumel. Zwei neue CDs, darauf ein- und dieselben drei Musiker, dieselben elf Kompositionen, aber verschieden instrumentiert: das ist das aktuelle Opus des Gitarristen und Komponisten Samo Šalamon aus Maribor in Slowenien. Der hatte schon seit vielen Jahren die Freunde des zeitgenössischen Jazz mit immer neuen und stets spannenden Projekten überrascht, in die er sehr häufig renommierte Musiker der europa- und amerikaweiten Improvisationsszene einbezog – von Tony Malaby und Howard Levy über Paul McCandless und Michel Godard bis zu Tim Berne und Tom Rainey. Dabei hatte er sich nach der seltenen, romantisch wirkenden CD »Pure Magic« (Duo mit Stefano Battaglia, Alessa Records) freieren Improvisationsformen zugewandt; die Arbeit mit Freequestra (CD »Free Sessions, Vol. 2«, Klopotec Records) und vor allem die bemerkenswerte CD »Swirling, Blind, Unstilled«, Klopotec Records, seines Trios mit dem Ausnahme-Bratscher Szilárd Mezei und dem hochsensiblen Perkussionisten Jaka Berger bezeugend dies. Verblüffende Improvisationen Mit den nun aktuellen CDs »Rare Ebb« und »Common Flow« (Samo Records), die zusammengehören, jedoch auch völlig unabhängig voneinander gehört werden können, unterstreicht der Slowene seine Qualitäten als Komponist. Schon seit etwa 2002 spielt der heute 42 Jahre alte Musiker …

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