Klangirisierender Kopffüssler: Peter Fuldas „Peristaltics“

In Peter Fuldas Peristaltik – „Peristaltics“ – geht es ganz schön heftig zu. Bis sich Piano (Fulda) und Schlagzeug (Bill Elgart) mit einschalten und den rumorenden Prozess mit Schluckauf und Rülpsern einige rhythmische Komponenten hinzufügen, kämpft sich vorrangig das Cello (Elisabeth Coudoux) mit lückenloser Glaubwürdigkeit durch Unwohlsein, Krämpfe und weitere Beschwerden. Das dritte Album einer Edition des Nürnberger Komponisten, Arrangeurs und umtriebigen Jazzaktivisten spielt mit der Ausdruckskraft und Wandlungsfähigkeit einer ungewöhnlichen Besetzung. Nach dem keineswegs schrumpelnden „Shrink“ (mit Elgart, Nils Wogram und Henning Sievert) und „I am with you“ (u.a. mit Pegelia Gold und Robert Landfermann) bringt „Luminescent“ die drei Spieler*in in atmosphärisch ganz verschiedene Situationen und erzeugt so ein vielgestaltiges „Klangleuchten“, wie es im anschaulichen Booklet heißt. Ein starkes solches Leuchten geht – für mich – vor allem vom eröffnenden „Mammele“ aus, das Fulda dem bei uns wenig bekannten polnischen Schriftsteller Tadeusz Borowski gewidmet hat. Der hat in seinen Gedichten und Prosatexten die Frage nach Schuld und Verantwortung des Einzelnen auf dem Hintergrund von Erfahrungen in Konzentrationslagern gestellt und ist an inneren Widersprüchen zerbrochen.  Erschütterung und Zerbrechlichkeit durchziehen das brüchige Thema und verfangen sich …

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Klaviertrio Eastern Flowers: Das neue Album „Tendu“ von Jarry Singla, Ramesh Shotham und Christian Ramond überwältigt

Pianist Jarry Singla, der Perkussionspieler Ramesh Shotham sowie Bassist Christian Ramond bilden das Trio Eastern Flowers. Alle drei haben indische Wurzeln und schöpfen seit zehn Jahren gemeinsam-gleichberechtigt aus der indischen und vorderasiatischen Kultur – machen sich dabei die Errungenschaften des Jazz als universelles, für jede Abenteuerreise bereitstehendes Vehikel zu Nutze. Davon zeugt auch das bestechende neue Album TENDU! Jarry Singla schöpft auf Klavier und Harmonium aus dem Reichtum indischer Stilistiken, ebenso aus westlich-klassischer Tonalität und dringt auch immer wieder in die Freiheiten der Neuen Musik   ein. So subjektiv und tief persönlich, dass nicht selten eine fragile Lyrik daraus hervor geht. Viel hypnotische Kraft setzen die in den Stücken ausgiebig repetierten Ostinato-Tonskalen frei und bieten weiten Entfaltungsraum für das bewegliche Bassspiel von Christian Ramond und die vielen sinnlichen und auch melodischen Prozesse in der Perkussionskunst von Ramesh Shotham. Jedes Detail verblüfft beim Hören der acht Stücke aufs Neue, ein erstaunliches großes Ganzes bekräftigend:  Fragil und mystisch mutet die Introduktion des ersten Stückes Eviri Mela an. Aber dann verdichtet sich alles und treiben rhythmische Phrasen von Bass und Perkussion wie ein unerbittlicher Transmissionsriemen nach vorne. Das Stück …

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Ungeahnte emotionale Räume: Simin Tanders neues Album „Unfading“ betört

Sie ist so reich und voller archaischer Kraft, diese Welt jenseits der alltäglichen „emotionalen Normalität“. Es müssen nur die Tore aufgestoßen werden. Die aktuelle CD von Simin Tanders neuem Quartett wirkt wie ein kostbarer Schlüssel dafür. Sehnsuchtsvolle Musik Die Stimme der deutsch-afghanischen Sängerin transportiert pures, manchmal archaisches Gefühl – ungefiltert direkt, zugleich zerbrechlich. Großartig, wenn eine künstlerische Entwicklung und vor allem eine konsequent erarbeitete Stimm-Beherrschung auf dieses und kein anderes Resultat hinaus läuft. Auf ihrem neuen Album „Unfading“ steht Simin Tander eine neue Band zur Seite. Die 15 Stücke dieser Platte erklingen nicht einfach so, sie wandern vielmehr über imaginäre Firmamente, breiten sich aus und ergreifen Besitz. Dafür sorgt allein schon das in sich ruhende, atmende Timing im Schlagzeugspiel von Samuel Rohrer. Melancholie ist die Grundsubstanz. Traurigkeit? Sehnsucht? Die Zustände, die sich auf Anhieb so stark ausbreiten, verweigern sich der üblichen Beschreibung: „Es ist etwas, was war und wieder da ist, nach vorne geht, im neuen Glanz erstrahlt, eine Endlosigkeit besitzt. Ich verbinde damit eine sanfte, endlose, weibliche Bewegung“, formuliert Simin Tander ihr künstlerisches Anliegen. Vielseitiges multikulturelles Repertoire Sie vertont in den Eigenkompositionen des neuen …

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Sandro Roy begeistert in Regensburg mit virtuosem Spiel

Von Michael Scheiner. „Ich kann’s nicht glauben, wir sind wieder zurück!“ Es war ein Stoßseufzer der Erleichterung, verknüpft mit einem Gefühl wie es Wolfgang Ambros mit „Zwickt’s Mi (i glab i tram)“ besungen hat, das sich bei Sandro Roy Bahn brach. Der junge Geiger aus Augsburg stand im Leeren Beutel auf der Bühne, um sich herum die Musiker des Jermaine Landsberger Trios, und war sichtlich gerührt. Pianist und Bandleader Landsberger hatte ihn gerade als „einen der begnadetsten Geiger“ im heutigen Jazz vorgestellt, der seit Veröffentlichung seines ersten Albums vor fünf Jahren international gefragt sei. Klassische Doppelbegabung Tatsächlich tritt der 26-jährige Musiker – wenn nicht gerade Coronabeschränkungen allen Vorhaben einen Strich durch die Rechnung machen – auf Festivals quer durch Europa, USA und beim BBC-Radio auf. In einer Woche spielt er mit dem  Rundfunkorchester des BR klassisches Repertoire und improvisiert am nächsten Tag mit einer Jazzcombo eigene und fremde Swingnummern. Roy gilt als Doppelbegabung, er hat eine akademisch-klassisches Ausbildung absolviert und imitierte bereits in Jugendjahren sein Idol Stephane Grappelli. Von ihm, dem einstigen Partner Django Reinhardts der die Violine im Jazz hoffähig gemacht hat,  interpretierte die …

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Neues aus der Kölner Subway Kitchen

Von Dietrich Schlegel. In einem eher finsteren Teil der Aachener Straße in Köln geht es im Haus Nr. 82 eine steile Treppe hinunter in den mehr als fünfzig Jahre bestehenden Club „Subway“, einst neben Disco-Betrieb auch ein viel frequentierter Jazz-Hotspot mit legendären Konzerten deutscher und internationaler Bands und Stars. Lange Jahre war in den eher engen Kellerräumen kein Jazz mehr zu hören – bis 2013 eine Gruppe von befreundeten Jazzmusikern auf der Suche nach einer geeigneten Spielstätte für zeitgenössischen Big Band Jazz die absolut schalldichten Gemäuer entdeckten. Seitdem präsentiert dort das Subway Jazz Orchestra SJO/CGN jeden zweiten Mittwoch im Monat „handgemachte Big Band Musik“. Die Band versteht sich als Musikerkollektiv, dessen Mitglieder sich aus gemeinsamen Jahren im Bundesjazzorchester, der Kölner Musikhochschule oder diversen Bands kennen. Mittlerweile sind alle in der höchst lebendigen Kölner Jazzszene zu Hause. Wenn auch immer wieder interessante Gäste aus der nationalen und internationalen Szene mit oder vor der Band auftreten, so werden die Konzerte als Projekte doch vorwiegend von Komponisten und Arrangeuren aus den eigenen Reihen gestaltet. Produktive Szene Die Kreativität der Subway Jazzer erschöpft sich natürlich nicht in der Arbeit …

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Frida Gold eröffnete die „Courtyard Concerts“ im De Medici Living Hotel Düsseldorf

Überzeugender Versuchsballon Die gewohnten Plätze und Abläufe von Konzerten sind selten Corona-tauglich, es braucht neue Orte, Ideen und Kooperationen, um im Augenblick Kultur mit persönlichen Begegnungen unter die Leute zu bringen. In Düsseldorf sind jetzt alle drei Punkte zusammengekommen. Beginnen wir mit dem Ort: Da ist das De Medici Living Hotel zwischen Altstadt und Rhein, ein echtes Grandhotel und Flaggschiff der Derag Hotelgruppe, voller Kunst und mit einer bewegten 400-jährigen Geschichte. Es hat einen großen Innenhof mit der Andreaskirche als Rückseite und drei Seiten Hotelfront. Neben der Kultur ist die Hotellerie mit der größte Leidtragende der Krise, und nach einiger Zeit der Schockstarre besann sich Hotel-Direktor Bertold Reul auf eine seinem Haus innewohnende neue Möglichkeit: Als Spielort für „Courtyard Concerts“. „Wir konnten in den vergangenen Wochen nicht das sein, was wir im Kern sind – Gastgeber“, erklärt er. „Das hat uns gefehlt. Darum möchten wir mit unserer neu geschaffenen Courtyard-Reihe ein Stück dazu beitragen, dass wir wieder Gastgeber sein, dass Gäste bei uns besondere Momente erleben und Künstler wieder einen Ort der Begegnung mit ihrem Publikum haben können.“ 70 Quadratmeter Bühne wurden über den Brunnen …

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Bodor und Mezei – ein Improvisationsmusiker aus der Vojvodina mit einer Hommage an archaische Volkslieder

Wem in Deutschland ist der Name Anikó Bodor ein Begriff? Bestenfalls nur Volksmusik-Forschern und Musikhistorikern. Für ihre Heimatregion, die Vojvodina im Norden der Republik Serbien, jedoch hat die 2010 verstorbene Musikwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin Großes, ja Unverzichtbares geleistet. Ihre Arbeit wird durch mehr als ein halbes Hundert Studien, wichtige Artikel und volksmusikalische Veröffentlichungen – Bücher, Noten, Schallplatten – belegt. Der wohl bedeutendste Teil ihres Werkes ist die auf fünf Bände konzipierte Reihe »Ungarische Volkslieder der Vojvodina«, von denen bisher vier Bände, davon die ersten drei zu Bodors Lebzeiten, veröffentlicht wurden. Daneben gibt es noch ein Buch mit Liedern aus dem Dorf Bácskertes (auch: Kupuszina), dessen Bevölkerung noch heute zu knapp achtzig Prozent ungarisch ist; das Dorf liegt im Nordwesten der Vojvodina, an der serbisch-kroatischen Grenze in unmittelbarer Donaunähe. Der Wert von Anikó Bodors Arbeit ist nicht hoch genug einzuschätzen; ihr Verdienst besteht im Sammeln, Erkennen, Systematisieren und Bewahren der Volksmusikkultur aus der Bácska, dem Banát und Syrmiens – der heutigen Vojvodina. Sie gründete das Südungarische Musikarchiv und prägte dessen wissenschaftlichen Forschungen. Damit leistete sie einen wesentlichen Beitrag zum Erkennen des kulturellen Reichtums nicht nur ihrer Heimat, …

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Tasiya & Sammy Lukas mit Folk, Elektronik und Romantik

Kein geringer als Bassist Manfred Bründl, in dessen Band Silentbass Nastja Volokitina mitsingt, hat das erste Album des Duos Tasiya und Sammy Lukas (p) mitproduziert. Aufgenommen haben sie es im polnischen RecPublika Studio. Volokitina, die sich mit Künstlerinnennamen Tasiya nennt, ist in Odessa aufgewachsen, hat am Vladimir Music College studiert und ist später an Musikhochschule Franz Liszt in Weimar gewechselt, um bei Michael Schiefel, Leonid Chizhik und Jeff Cascaro ihr Studium zu vollenden. 2013 gewann sie in Montreux den prestigeträchtigen Wettbewerb für Jazz Voice und 2017 weitere Wettbewerbe in Riga und Polen. Der Titel ist bei diesem Debüt Programm. Aufgeteilt in zwei suitenähnliche Blöcke, die durch einzelne Nummern verbunden sind, beruhen einige der Songs/Kompositionen  auf ukrainischen und russischen Volksliedern, die von Tasiya bearbeitet und neu arrangiert worden sind. Diese Verbindung folkloristischer Motive, Scat, elektronischer Effekte und modernen zeitgenössischen Formen kommt auch in der eigenwillig-wandlungsfähigen Stimme zum Ausdruck. Mit ihr setzt die Sängerin zwischen glockenhellen Rufen, malerischen Glossolalien und perkussiver Stimmakrobatik eine verschwenderische Energie frei. Selbst rituelle Joiks der Samen oder alpenländisches Jodeln scheinen bei ihr anzuklingen. Hämmernde Akkorde vom Klavier, handclapping und eher verhaltene elektronische …

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news+++BMW Welt Jazz Award Finale auf Anfang 2021 verschoben+++

München. Nach den spannenden Konzerten des diesjährigen BMW Welt Jazz Award im Doppelkegel der BMW Welt hat die Jury jetzt die Finalisten bekannt gegeben: Adam Bałdych Quartet und Peter Gall Quintet. Mit dem diesjährigen Motto „The Melody at Night“ besann sich der BMW Welt Jazz Award auf die Wurzeln des Jazz: So fanden die kostenfreien Konzerte erstmals als Abendveranstaltungen statt, moderiert von Hannah Weiss, Gewinnerin des BMW Welt Young Artist Jazz Award 2019. Mit Blick auf die aktuellen Ereignisse, die damit verbundenen Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus und aus Verantwortung gegenüber den Künstlern, Gästen und Mitarbeitern haben die BMW Group und die BMW Welt sich schweren Herzens dazu entschlossen, das Finale auf Anfang 2021 zu verschieben. Bereits das sechste Auswahlkonzert mit dem Giovanni Guidi Quintet musste aus dem gleichen Grund abgesagt werden. Der neue Termin für das Finale des BMW Welt Jazz Award wird auf www.bmw-welt.com/jazzaward und im BMW PressClub bekanntgegeben. Dann werden die beiden Finalisten ihre Interpretationen des Mottos „The Melody at Night“ im Auditorium der BMW Welt präsentieren. Das Sieger-Ensemble wird mit einem Preisgeld von 10.000 Euro und einer von BMW Design entworfenen …

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Herrliches, Kurioses und satte Boni: Legendäre Alben auf Vinyl bei „Groove Replica“

Im Februar machte eine für Vinyl-Fans beunruhigende Meldung die Runde: Ein Feuer hatte die Fabrik der Firma Apollo/Transco in Kalifornien zerstört, eine von zwei Produktionsstätten weltweit, welche die so genannten Lacquers, die für die Herstellung von LPs notwendigen Master-Folien produzieren. Die Auswirkungen dieses Vorfalls sind noch nicht abzusehen, doch ein Blick auf die Rückseite der ersten Scheiben dieser neuen Vinyl-Wiederveröffentlichungsserie namens „Groove Replica“ (Vertrieb: in-akustik) zeigt, dass sie davon nicht betroffen war: Sie sind mittels „Direct Metal Mastering“ hergestellt, jenes alternativen Verfahrens, das Ende des 20. Jahrhunderts in Deutschland entwickelt wurde. Zum moderaten Preis von etwa 17 Euro bekommt man eine sauber gepresste 180g-Vinylplatte  unsterblicher Klassiker der Jazz- und R&B-Diskothek mit den originalen Liner Notes, dazu eine CD in Klappkartonhülle, die neben den LP-Titeln weiteres Material, zum Teil ganze Zusatzalben enthält. Beachtlich! Zur Musik selbst muss nichts mehr gesagt werden, hier nur ein paar Anmerkungen zum Bonusmaterial und, wo nötig, zur Klangqualität: Miles Davis: Kind of Blue (Groove Replica 77012) Beginnen wir mit dem aufnahmetechnischen Kuriosum der Serie, wobei ein wenig auszuholen ist. Wie erst 1992 bemerkt wurde, lief die Masterbandmaschine am 2. März 1959, …

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