Der mit den Vögeln spielt     

Die Nachtigall als Jazzstar? Frei improvisierender Klangkünstler? Melodiöser Interpret? Ganz so surreal abgehoben ist es nicht, wenn der amerikanische Jazzklarinettist und Philosoph David Rothenberg in seinem Buch von Berlin als „Stadt der Nachtigallen“ erzählt. Selbiges diente nun als Grundlage für eine Hör-CD gleichen Titels. Auf dieser sind – natürlich – Nachtigallen mit ihrem wunderbaren, vielgestaltigen Gesang zu hören, die Stimme von Schauspielerin Eva Mattes, die erzählt wie es zu der Aufnahme gekommen ist und Ausschnitte aus dem Buch liest, Rundfunksprecher Julian Mehne und Rothenberg mit seiner Klarinette. Vogelgesang hat in der Musik schon häufig eine mehr oder weniger bedeutende Rolle gespielt. Im Barock ist oft darauf Bezug genommen worden, weil Komponisten damit die strengen Kompositionsprinzipien durchbrechen konnten. In der Neuzeit war es vor allem der französische Komponist Olivier Messiaen, der Vogelrufe in einigen Werken eingearbeitet hat. Aber auch der große Posaunist Albert Mangelsdorff aus Frankfurt/Main war fasziniert von Vogelgesang und hat in seiner Musik immer wieder darauf Bezug genommen. Zwei Saxofonisten, der bereits verstorbene Paul Horn und Paul Winter, die beide als Wegbereiter der New-Age-Musik gelten, beschäftigten sich musikalisch mit Vogel- und anderen Tierstimmen und …

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Kryptisch verstreute Bilder einer vergessenen Zeit

Mathias Bäumel hat sich Stevan Kovacs Tickmayers neue CD „Cryptic Scattered Images of Time Forgotten“ angehört: „Betäubender Blumenduft schlug mir entgegen. Eine eigenartige Pflanzenwelt gedieh hier. Langstenglige, hornförmige Blumen, deren Blütenblätter wie aus schwarzem Samt waren. In der Ecke ein Lilienbusch, weiße Lilien mit riesigen Kelchen. Überall verstreut niedrige, dünnstielige Blumen, deren Blütenblatt, deren einziges Blütenblatt von schwacher roter Farbe war. Es schien, dass sie den unbekannten, süßen Duft aussandten, der einem fast den Atem nahm. In der Mitte des Gartens wuchsen in Mengen purpurrote, dicke Blumen. Ihre fleischigen, seidig glänzenden Blüten hingen in das hochgewachsene, giftgrüne Gras.“ Diese Passage entstammt der Novelle „Der Garten des Zauberers“ des Schriftstellers und Psychiaters Géza Csáth, der am 11. September 1919 in der Nähe von Kelebia, wahrscheinlich durch Suizid, ums Leben kam. Nach der Fortsetzung der Beschreibung des opulenten Blumenreichtums und des enigmatisch wirkenden Gartens erzählt Csáth anschließend von den im Gartenhaus versteckten, zwergartigen „Räubern“, die nachts durch „die Zimmer lungern“, Schlösser aufbrächen, den Kindern die Köpfe abschnitten und ihre Dolche in den Herzen der Väter steckenließen. Schließlich verlassen die Gartenbesucher das wuchernde und dämonische Geheimnis, der Leser …

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Bodor und Mezei – ein Improvisationsmusiker aus der Vojvodina mit einer Hommage an archaische Volkslieder

Wem in Deutschland ist der Name Anikó Bodor ein Begriff? Bestenfalls nur Volksmusik-Forschern und Musikhistorikern. Für ihre Heimatregion, die Vojvodina im Norden der Republik Serbien, jedoch hat die 2010 verstorbene Musikwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin Großes, ja Unverzichtbares geleistet. Ihre Arbeit wird durch mehr als ein halbes Hundert Studien, wichtige Artikel und volksmusikalische Veröffentlichungen – Bücher, Noten, Schallplatten – belegt. Der wohl bedeutendste Teil ihres Werkes ist die auf fünf Bände konzipierte Reihe »Ungarische Volkslieder der Vojvodina«, von denen bisher vier Bände, davon die ersten drei zu Bodors Lebzeiten, veröffentlicht wurden. Daneben gibt es noch ein Buch mit Liedern aus dem Dorf Bácskertes (auch: Kupuszina), dessen Bevölkerung noch heute zu knapp achtzig Prozent ungarisch ist; das Dorf liegt im Nordwesten der Vojvodina, an der serbisch-kroatischen Grenze in unmittelbarer Donaunähe. Der Wert von Anikó Bodors Arbeit ist nicht hoch genug einzuschätzen; ihr Verdienst besteht im Sammeln, Erkennen, Systematisieren und Bewahren der Volksmusikkultur aus der Bácska, dem Banát und Syrmiens – der heutigen Vojvodina. Sie gründete das Südungarische Musikarchiv und prägte dessen wissenschaftlichen Forschungen. Damit leistete sie einen wesentlichen Beitrag zum Erkennen des kulturellen Reichtums nicht nur ihrer Heimat, …

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news+++Moers Festival findet online statt+++Jazzopen versucht Line-Up bis 2021 zu halten+++Enjoy Jazz sucht Geschichten zu Jazzstandards+++

Niederrhein: New ways to fly – Moers Festival versucht sich im Online Bereich Das Moers Festival 2020 gehört auch zu den Veranstaltungen die in der Corona Zeit vor einer großen Herausforderung stehen: verschieben, absagen oder ausweichen? Die Betreiber des Moers Festivals haben beschlossen auf Streaming auszuweichen und haben schon Ideen und Pläne in einer Pressemitteilung verlauten lassen: Die Festivalhalle wird kurzerhand zum Live-Studio umfunktioniert und alle Künstler, die noch die Möglichkeit haben, werden mit entsprechenden Sicherheitsabständen spielen. Der Stream wird für alle Zuschauer bequem von zu Hause anschaubar sein. Ab sofort ist der online-Shop des Festival auf der Website und man kann bereits gekaufte Tickets stornieren – natürlich ohne Kosten. Wer lieber etwas spendieren möchte, findet alle Informationen auf www.moers-festival. Nesenbach: Jazzopen 2021 – Kravitz, Sting und Co sagen zu Wie Moers sind auch die Jazzopen 2020 von Corona betroffen. Nachdem das Festival für dieses Jahr abgesagt werden musste, wollen sich die Veranstalter nicht einrfach mit einer Gutscheinregelung und Rückerstattungen zufrieden geben. Alle Künstler die diesen Juni auftreten sollten, sollen nächstes Jahr auftreten. Unter anderem soll Lenny Kravitz auf dem Schlossplatz spielen, nachdem er Nik …

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Die Geschichte des Jazz in Deutschland: Wolfram Knauers Buch „Play yourself, man!“

Leute lest – wenn nicht jetzt, wann dann!? Und da darf es in Zeiten von Corona, Ausgangsbeschränkungen und Kulturstillstand auch gern mal etwas Anspruchsvolles sein! Was für die Bildung tun, für den Background. Da kommt Wolfram Knauers „Play yourself, man!“ – Die Geschichte des Jazz in Deutschland genau richtig. Viel gibt es bis dato über den Jazz in Deutschland nicht wirklich zu lesen. Die Zeit des deutschen Jazz in den sechziger bis 80zigern wurde von Ekkehard Jost vor gut dreißig Jahren in seinem Buch Europas Jazz 1960-80 immerhin auf knapp 160 Seiten (wenn man das Kapitel über den Jazz in der Deutschen Demokratischen Republik mit dazu nimmt) beleuchtet und analysiert. Was bisher fehlte ist ein kompletter Abriss des Jazz in Deutschland von seinen Anfängen bis ins 21. Jahrhundert. Auf gut 500 Seiten behandelt Wolfram Knauer, Leiter und Direktor des Darmstädter Jazzinstituts, in seinem bei Reclam erschienen Buch den Jazz in Deutschland von seinen Ursprüngen bis zur Gegenwart in elf ausführlichen, klar gegliederten Kapiteln. Was auf den ersten Blick und dem Umfang des Buches geschuldet einen eher trockenen, anstrengenden Lesestoff vermuten lässt, entpuppt sich bereits nach …

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Herrliches, Kurioses und satte Boni: Legendäre Alben auf Vinyl bei „Groove Replica“

Im Februar machte eine für Vinyl-Fans beunruhigende Meldung die Runde: Ein Feuer hatte die Fabrik der Firma Apollo/Transco in Kalifornien zerstört, eine von zwei Produktionsstätten weltweit, welche die so genannten Lacquers, die für die Herstellung von LPs notwendigen Master-Folien produzieren. Die Auswirkungen dieses Vorfalls sind noch nicht abzusehen, doch ein Blick auf die Rückseite der ersten Scheiben dieser neuen Vinyl-Wiederveröffentlichungsserie namens „Groove Replica“ (Vertrieb: in-akustik) zeigt, dass sie davon nicht betroffen war: Sie sind mittels „Direct Metal Mastering“ hergestellt, jenes alternativen Verfahrens, das Ende des 20. Jahrhunderts in Deutschland entwickelt wurde. Zum moderaten Preis von etwa 17 Euro bekommt man eine sauber gepresste 180g-Vinylplatte  unsterblicher Klassiker der Jazz- und R&B-Diskothek mit den originalen Liner Notes, dazu eine CD in Klappkartonhülle, die neben den LP-Titeln weiteres Material, zum Teil ganze Zusatzalben enthält. Beachtlich! Zur Musik selbst muss nichts mehr gesagt werden, hier nur ein paar Anmerkungen zum Bonusmaterial und, wo nötig, zur Klangqualität: Miles Davis: Kind of Blue (Groove Replica 77012) Beginnen wir mit dem aufnahmetechnischen Kuriosum der Serie, wobei ein wenig auszuholen ist. Wie erst 1992 bemerkt wurde, lief die Masterbandmaschine am 2. März 1959, …

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50 Jahre Jazzwoche Burghausen – „it has lines in its face“

„Gute Musik ist immer aktuell, schlechte nie“ – getreu diesem Zitat von Festivalorganisator und Macher Joe Viera fand dieses Jahr die 50. Jazzwoche Burghausen statt. Mit einem engagierten, interessanten Programm und Höhepunkten, die so manchen Jazz- und Musikfan noch lange schwärmen lassen wird. Jazzwoche Burghausen, das ist mehr als nur ein Festival, denn überall ist Musik: die ganze Stadt swingt, in der Fußgängerzone der Altstadt, vor dem Rathaus oder Cafés und last not least natürlich in der Wackerhalle, dem Stadtsaal oder dem traditionsreichen Jazzkeller. Das alles kombiniert mit einer begleitenden Ausstellung im Haus der Fotografie, einer neuen Bronzeplatte für Roy Hargrove – Langeweile oder Müßiggang kommen da zu keinem Zeitpunkt auf – man muss das Festival konzeptionell als Ganzes betrachten. Internationale Stars und Größen wie Ramon Valle, Al di Meola, Terri Lyne Carrington gemeinsam mit Diane Reeves, Angelique Kidjo und Lizz Wright oder Sly & Robbie feat. Nils Petter Molvaer gaben sich dieses Jahr die Klinke in die Hand, um namentlich nur ein paar Highlights aufzuführen, die das Publikum anzogen und begeisterten. Insgesamt gab es in der Tat wenig musikalische Überraschungen, dafür jedoch jede Menge …

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Eintauchen in ein frühes Emigrantenleben: Musikproduzent Ulrich Balß offenbart mit New-York-Fotobuch das Vermächtnis seines Großvaters

Mit der ausgefransten Metapher „wie Sand am Meer“ könnte man einen Fotoband über die Weltmetropole New York City schnell abhaken und beiseite legen. Dann schreibt der Autor, der Bremer Musikproduzent und Verleger Ulrich Balß, auch noch, dass sich „das Buch maßgeblich von den vielen New-York-Büchern unterscheidet“. Sagt doch jeder, mag man denken, und beraubt sich damit vielleicht einer überraschenden Entdeckung und einer exemplarischen Familiengeschichte, die sich über drei Generationen erstreckt. „New York – Past & Present“ ist zweisprachig gehalten und grenzt damit das Vergleichsangebot schon deutlich ein. Es enthält Aufnahmen von einem historischen New York des Jahres 1928 und aktuelle Bilder. Eine weitere Eingrenzung. Bei den Texten greift es auf Briefe und Aufzeichnungen des Leipziger Buchbinders Theodor Trampler zurück, der 15 Monate in New York lebte, um seine Familie in Deutschland durchzubringen. Und nicht zuletzt liegt dem querformatig gehaltenen Foto-Brief-Tagebuch-Band noch eine Musik-CD bei, die Songs von 1928 bis heute umfasst, interpretiert von New Yorker Musiker/-innen. Zusammen genommen widerlegen alleine die Fakten jeden Anflug von Skepsis einem „alten Wein in neuem Schlauch“ aufzusitzen, um eine weitere Metapher ins Spiel zu bringen. Tatsächlich ist das Fotobuch …

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Konzertkritik: das Elliot Galvin Trio im Leeren Beutel

Eine gehörige Portion Enthusiasmus und künstlerischer Ehrgeiz. Abgesehen von Musikalität und technischer Brillanz, sind das die Eigenschaften die das britische Elliot Galvin Trio nach Regensburg geführt haben müssen. Zwischen London, wo sie öfter auftreten, Manchester und Paris, dort gastieren sie demnächst, war der Leere Beutel der einzige Auftrittsort in ganz Deutschland. Und der Jazzclub hat mit den, auf dem Kontinent noch unbekannten, jungen Musikern eine gute Nase für Talente bewiesen. Das Konzert, schwach besucht zwar, offenbarte ein frisches, unkonventionelles und ungemein vielseitiges Trio. Das braucht dann auch weder Vergleiche mit anderen Jungstars wie Michael Wollny oder Lorenz Kellhuber zu scheuen, noch gründelt es in flachen Gewässern wie manche angesehene Jazztrios. Seit den Erfolgen von Trios wie E.S.T. oder von Brad Mehldau gehört diese Besetzung wieder zu den beliebtesten im Jazz und stellt entsprechend große Anforderungen an junge Musiker. Der 27-jährige Elliot Galvin wurde bereits während des Studiums am renommierten Trinity College of Music mit Django Bates verglichen, einem der wichtigsten Masterminds des zeitgenössischen englischen Jazz. Mit ihm hat der blitzsaubere Pianist und Komponist einen gewissen Hang zum Eklektizismus gemeinsam. Dieser macht weder vor klassischen Bezügen, …

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Zum Tod von Coco Schumann – in seiner Autobiografie geblättert

Der Berliner Jazzmusiker, Gitarrist, Schlagzeuger, Bandleader und Komponist Coco Schumann ist am  28. Januar 2018 in einem Berliner Krankenhaus im Alter von 93 Jahren gestorben. Dies teilte seine Plattenfirma Trikont (München) heute mit. Heinz Jacob „Coco“ Schumann wurde am 14. Mai 1924 in Berlin geboren. Seine Mutter  Hedwig war Jüdin, sein Vater Alfred wuchs in einer christlichen Familie auf. Im März 1943 wurde Coco Schumann wegen des Nichtragens des „Judensterns“, des Spielens nichtarischer Musik und wegen Verführung „arischer“ Frauen denunziert und verhaftet. Sein Vater Alfred verhinderte, dass er wie vorgesehen ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurde. Stattdessen kam er in das Ghetto Theresienstadt. Dass er dort bei den „Ghetto – Swingers“ Schlagzeug und später Gitarre spielen konnte, rettete ihm das Leben. Nach jahrzehntelangem Schweigen sprach Schumann im Jahre 1997 in seiner Autobiografie  „Coco Schumann, Der Ghetto-Swinger. Eine Jazzlegende erzählt“ über sein bewegtes Leben.  (Deutscher Taschenbuch-Verlag). Mehr in dazu der Buchbesprechung von Reiner Kobe in der neuen musikzeitung. Fotos von Thomas J. Krebs

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