Mit künstlerischer Qualität in die Zukunft – die 46. Freiberger Jazztage im dritten Anlauf

(Von Mathias Bäumel) Das könnte die Statistiker unter den Jazzfreunden verunsichern – zum dritten Mal die 46. Freiberger Jazztage! Und tatsächlich: die 46. Jazztage in Freiberg waren für den April 2020 geplant und mussten dann Corona-bedingt abgesagt werden, der nächste Anlauf 2021 wurde aus gleichem Grund gestoppt, nun also werden sie nach drittem Anlauf durchgeführt, vom 20. bis 25. April 2022 in den bekannten Spielstätten. Bewährte Veranstaltungselemente „Unser kleines Festival nochmals wegzulassen hätte wohl das endgültige Aus bedeutet“, vermutet der Chef der Freiberger Jazztage, Gert Schmidt. Auch um der Wiederherstellung einer Kontinuität willen halten die Macher der IG Jazz Freiberg an bewährten Veranstaltungselementen fest: es gibt das Kinderkonzert, die auswärts in Mittweida und Döbeln stattfindenden Konzerte „Jazz meets Klassik“ mit der Mittelsächsischen Philharmonie, Konzerte in der Petrikirche und im Klub Alte Mensa und ein Piano-Solo-Konzert, diesmal im Kreuzgang des Doms. Auch die Reihe „Jazz und Film“ wird mit der Vorführung des Streifens „Beware of Mister Baker“ (USA, 2013) fortgesetzt. Höhepunkte werden sicherlich wieder die beiden Doppelkonzerte am Freitag und Sonnabend abends im Mittelsächsischen Theater sein. Hier stellen sich deutsche sowie internationale Top-Musiker vor, die teils …

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György Szabados und Éva Kanalas: CD bewahrt denkwürdiges Konzert von 1997 vor dem Vergessen

Vor 25 Jahren, am 15. Februar 1997, fand im Budapester Fonó Musikhaus ein denkwürdiges Konzert statt. Die dabei entstandenen Aufnahmen wurden kürzlich unter dem Titel „Tengri – Mindenség“ (etwa: Weltall – Allheit) von Éva Kanalas privat veröffentlicht. Dieses Duo-Konzert, Improvisationen über Volkslieder, vereinte den ungarischen Freejazz-Pionier und Pianisten György Szabados und die Volksmusiksängerin Éva Kanalas. Der CD-Begleittext betont: „Das Konzert von György Szabados und Éva Kanalas brachte eine völlig originelle Musikwelt zum Klingen.“ Szabados hob damals hervor, dass er von der starken, archaischen, reinen Klangwelt Maria Kanalas‘ zutiefst inspiriert sei. Die improvisierten Vokalisen der Kanalas basieren auf ihren Erfahrungen mit der vielfältigen Volksmusik aus dem weiten Tieflandraum (vor allem auch der Csángó-Musik) und auf Gesangstechniken und Motiven einer bis nach Ostasien reichenden archaischen Klangwelt. Eine ihrer vorangegangenen privat herausgebrachten Veröffentlichungen hatte Éva Kanalas bezeichnenderweise „Sounds from Shaman Time“ genannt, eine weitere hatte sie untertitelt mit „New Hungarian Shaman Songs“. Der Begleittext zur hier nun vorliegenden CD erläutert: „Die von Kanalas streng strukturierten Volkslieder umhüllt Szabados mit der Welt seiner freien Musik auf der Ebene der musikalischen Poesie. Es scheint, dass György Szabados all dies langsam …

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Olaf Taranczewski, Jean-Philippe Wadle und Benedikt Stehle legen mit »When I was« ein beeindruckendes Album vor

Melancholie … Was ist Melancholie? Mit der landläufigen Vorstellung, Melancholie sei ein Zustand der Traurigkeit, kann man sich eigentlich nicht zufriedengeben. Tiefer schürfen da Essayisten und Philosophen wie Béla Hamvas (»Anatomie der Melancholie«, »Die Melancholie der Spätwerke«) und László F. Földényi (Essayband »Lob der Melancholie«). Die Melancholie habe nichts mit einer Stimmung zu tun, sie sei keine Empfindung, kein Seelenzustand, keine Krankheit, schreibt Hamvas. »Die Melancholie ist die letzte Station der Vergänglichkeit, der letzte, allerletzte Tropfen Honig des Lebens. Die letzte Wonne und das allerletzte Wissen«, so Hamvas. Diese süße Trauer sei die letzte Verlockung des Lebens. – Die letzte Wonne. Diese Musik. Das kinderliedartige »Coco«, die einleitende Komposition dieser CD, verklanglicht diese Trauer über das Leben als Abfolge süßer Letztmaligkeiten. Die zehn weiteren Stücke auf dieser Scheibe scheinen wie Variationen solcher Verlockungen, wie immer neue Versuche, Erinnerungen an vergangenen Zauber zurückzuholen, aufglimmen zu lassen. Wie lautet der Titel der CD? »When I was« … Béla Hamvas: »Das ganze Leben in den letzten Tropfen Honig getunkt. Man weiß, mehr gibt es nicht, das ist das Letzte. Dieses Wissen, dass es das Letzte ist, das ist …

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»Ego kills« – Killing Popes veröffentlichen neues Album

(Von Mathias Bäumel) »Jazz from Hell«: Ältere unter den Lesern bzw. Hörern können mit dieser Bezeichnung etwas anfangen; es handelt es sich dabei sowohl um eine Komposition als auch einen LP-Titel von Frank Zappa. Die 1986 veröffentlichte Platte rief sofort Pro und Kontra hervor. Der Rockjournalist Barry Miles soll gesagt haben, dass der Rhythmus der Stücke »merkwürdig« sei und wie eine »maschinelle Version einer singenden Säge« klinge. Andererseits erhielt Zappa für diese Veröffentlichung 1988 einen Grammy Award für die Beste Darbietung eines Rockinstrumentals. Wie dem auch sei – zwei Dinge zeichnen dieses Album aus, das dadurch innerhalb der Populärmusik entgrenzend fungierte: eine künstlich wirkende Klanglichkeit, die in Sound und Melodik vom fast alle Tracks dominierenden Synclavier geprägt ist, und eine konzentrierte Perkussivität mit variablen Metren und Tempi sowie komplexen Rhythmen. Diese Kombination aus klanglicher und rhythmischer »Künstlichkeit« (besonders deutlich bei »G-Spot Tornado« und »Massaggio Galore«) macht den eigentlichen Wert von »Jazz from Hell« aus – und führt mich direkt zu Oli Steidles Killing Popes mit ihrer neuen CD »Ego kills«! Die Musik besticht mit einer spannungsgeladenen, im positiven Sinne widersprüchlichen Klangwelt, in der sich »künstliche« …

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Happy birthday Jazzclub Tonne Dresden

Von Mathias Bäumel. Das eigentliche Gründungsjubiläum des Jazzclubs Tonne – im März 2017 hätte der Dresdner Jazzclub seinen 40. Geburtstag feiern können – ging fast unbemerkt vorbei; die gesamte Dresdner Jazzszene stand wohl noch unter dem Eindruck der umjubelten Jazzparty anlässlich des Wiedereinzugs des Clubs in die tonnenförmige Gewölberäume des Kurländer Palais am 17. Oktober 2015. Nun aber steht bei der Tonne ein weiteres, wirklich feierwürdiges 40er Jubiläum an: Am 13. März 1981, also vor vierzig Jahren, fand in den Kellergewölben der Ruine des Kurländer Palais in Dresden erstmals ein öffentliches Jazzkonzert statt. Das war die Geburtsstunde der festen Spielstätte der damaligen IG Jazz Dresden, die somit zum ersten Jazzclub mit eigenen Konzerträumlichkeiten in der DDR wurde, nachdem sie bis dahin Konzerte in der Schauburg, im Rundkino oder im damaligen Studentenklub Spirale veranstaltet hatte. Die IG Jazz hatte sich 1979 für den Ausbau der erhalten gebliebenen Kellerräume des zerstörten Palais entschieden, sie in unzähligen Aufbaustunden hergerichtet und schließlich im März 1981 bezogen. Für ihr Konzertprogramm wurde die Tonne mehrfach ausgezeichnet: 2011 war sie einer der Preisträger des LEA Live Entertainment Award und erhielt zwischen 2013 und …

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Das Karoline Weidt Quartett veröffentlicht am 13. Februar 2021 online ihre erste EP

Oha! Die Melodien erinnern mich an etwas: An die melodischen Bögen einer Cassandra Wilson. Nicht vom Timbre der Stimme her, aber im Hinblick auf die Art, komplex Jazziges mit liedhafter Popmusik zu verbinden. Die Musik, die die Dresdner Sängerin Karoline Weidt im Quartett mit Mikolaj Suchanek (Piano), Loreen Sima (Bass) und Valentin Steinle (Drums) mit der neuen Online-EP »The Dream« vorstellt, verfügt über klare, prägnante Melodien, bewusst ausformulierte Texte und klangfarbenreiche, feinsinnige Arrangements. Eine Musik zum Zuhören, zum Ernstnehmen, aber auch zum Genießen, zart, aber auch entschlossen, rhythmisch filigran und doch auch spannungsvoll. Die Kompositionen stammen von Karoline Weidt selbst, die Texte ebenfalls. Dieses von Dresden aus operierende Quartett ist eines von mehreren Projekten der überwiegend klassisch ausgebildeten Sängerin. Die junge Künstlerin ist neben ihrer Solotätigkeit auch Teil der Ensembles Choons (mit Florian Schultz, git) und aMUSE (mit Kilian Sladek, voc). Konzertreisen führten sie bereits durch die USA, Kanada, China und Israel. Ein wichtiges Sprungbrett ihrer Karriere war das Bundesjazzorchester (2018–2020). Auch Dresdner Jazzfreunde hatten bisher schon mehrmals die Gelegenheit, Karolines Gesangskunst zu verfolgen – seit dem Juni 2016 trat sie immer wieder in verschiedenen …

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Grafikdesigner und CD-Cover-Künstler László Huszár ist tot

Der international anerkannte ungarische Grafikdesigner László Huszár ist tot. Das gaben das ungarische Onlineportal Kreativ sowie die CD-Firma BMC Records bekannt. Huszár starb am 3. Januar 2021 an den Folgen einer Krebserkrankung. Der Künstler war Art Director der vielfach ausgezeichneten Agentur Greenroom. Neben den visuellen Lösungen mehrerer preisgekrönter Kampagnen war László Huszár vor allem auch für die Cover der CD-Veröffentlichungen des Budapester Musikzentrums (Budapest Music Center Records) verantwortlich. Für dieses Label schuf er nach dessen eigenen Angaben über 100 Cover-Designs, die mit einem „wirklich musikbasierten analytischen Ansatz und zukunftsweisendem Geschmack“ überzeugen. Mit seinen geheimnisvoll wirkenden, grafisch brillanten und motivisch außergewöhnlichen, ja einmalig fantasievollen Bildgestaltungen prägte László Huszár das visuelle Gesicht von BMC Records. Auch international wurde die Qualität der Huszárschen CD-Covergestaltungen anerkannt. Das Magazin The New York City Jazz Record (Januar 2018, S. 27) zeichnete die Grafikgestaltung des BMC-Albums »From Dyonisian Sound Sparks To The Silence Of Passing« des Trió Kontraszt (Stevan Kovacs Tickmayer, István Grencsó, Szilveszter Miklós) als zu den weltweit besten sechs gehörenden Coverdesigns des Jahres 2017 aus. Auch das bei The New York City Jazz Record zu den weltweit zwanzig besten Jazz-CDs des Jahres 2020 zählende Album „Music From the Solitude of Timeless Minutes“ des Miklós …

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Joe Sachse – Nationale Volksarmee stoppte 1974 Pläne des Freejazz-Oktetts Praxis II

Von Mathias Bäumel. Manchmal lohnt sich das Kramen in älteren Musikbeständen und man entdeckt, wie wunderbar auch frühere Musik schon gewesen ist. Und so suchte (und fand) ich in meiner Sammlung die LP, von der ich mich erinnerte, dass sie eine Besonderheit darstellt: die vor etwa vierzig Jahren erschienene Amiga-Langspielplatte »Helmut Sachse – Hannes Zerbe«. Neben der darauf versammelten exzellenten musikalischen Qualität war das Besondere, dass sie, eine seltene Vorgehensweise, jede Seite separat einem Musiker widmet – die A-Seite dem Gitarristen Helmut Joe Sachse und dessen Mitspielern, die B-Seite dem Pianisten Hannes Zerbe und dessen Kollegen. Auf dem Covertext der LP schrieb Martin Linzer 1981: »Helmut Joe Sachse spielt Jazz seit über zehn Jahren. Ursprünglich Autodidakt, studierte er von 1973 bis 1978 Gitarre an der Hochschule für Musik in Weimar (es handelte sich um ein Fernstudium, M. B.). Sein ›Zweitinstrument‹ Flöte erlernte er im Privatunterricht.« Martin Linzer konnte damals über eine Tatsache nicht schreiben, die wir heute dank mehrerer Dokumente kennen. Nämlich dass Joe Sachse als Waffendienst-Verweigerer von Oktober 1973 bis Mai 1975 als Bausoldat in Holzdorf/Elster stationiert war und dass ihm dort die Nationale …

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Kryptisch verstreute Bilder einer vergessenen Zeit

Mathias Bäumel hat sich Stevan Kovacs Tickmayers neue CD „Cryptic Scattered Images of Time Forgotten“ angehört: „Betäubender Blumenduft schlug mir entgegen. Eine eigenartige Pflanzenwelt gedieh hier. Langstenglige, hornförmige Blumen, deren Blütenblätter wie aus schwarzem Samt waren. In der Ecke ein Lilienbusch, weiße Lilien mit riesigen Kelchen. Überall verstreut niedrige, dünnstielige Blumen, deren Blütenblatt, deren einziges Blütenblatt von schwacher roter Farbe war. Es schien, dass sie den unbekannten, süßen Duft aussandten, der einem fast den Atem nahm. In der Mitte des Gartens wuchsen in Mengen purpurrote, dicke Blumen. Ihre fleischigen, seidig glänzenden Blüten hingen in das hochgewachsene, giftgrüne Gras.“ Diese Passage entstammt der Novelle „Der Garten des Zauberers“ des Schriftstellers und Psychiaters Géza Csáth, der am 11. September 1919 in der Nähe von Kelebia, wahrscheinlich durch Suizid, ums Leben kam. Nach der Fortsetzung der Beschreibung des opulenten Blumenreichtums und des enigmatisch wirkenden Gartens erzählt Csáth anschließend von den im Gartenhaus versteckten, zwergartigen „Räubern“, die nachts durch „die Zimmer lungern“, Schlösser aufbrächen, den Kindern die Köpfe abschnitten und ihre Dolche in den Herzen der Väter steckenließen. Schließlich verlassen die Gartenbesucher das wuchernde und dämonische Geheimnis, der Leser …

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36 brillante Gitarristen aus 35 Ländern: Samo Šalamon & Friends

Von Mathias Bäumel. Bereits vor sechs Jahren trat der slowenische Ausnahmegitarrist Samo Šalamon mit einem reinen Gitarren-Ensemble an die Öffentlichkeit (CD „Ives“ mit den Gitarristen Manu Codjia und Mikkel Ploug), nun hat er während der Corona-Zeit den ersten Teil eines fantastischen neuen Gitarrenprojekts vorgelegt: „Almost Alone, vol. 1“. Das Projekt, für das Samo die Kompositionen geschaffen hat, stellt insgesamt 36 brillante Jazzgitarristen aus 35 verschiedenen europäischen Ländern vor. Nach dem nun veröffentlichten ersten Teil sollen die beiden Folgealben im Laufe der kommenden Monate veröffentlicht werden. Jetzt schon vermitteln die auf der ersten CD enthaltenen Stücke eine vielfältige Welt an Gitarren-Duo-Sounds von Free, Rock und Folk über New Age bis Noise, diese Scheibe ist deshalb wohl ein Muss für alle unvoreingenommenen Gitarrenfans! Neben Šalamon selbst greifen noch folgende Gitarristen in die Saiten: Alex Machacek (Österreich), Rafal Sarnecki (Polen), Cenk Erdogan (Türkei), Andre Fernandes (Portugal), Kalle Kalima (Finnland), Jacob Young  (Norwegen), Albert Vila (Spanien), Dušan Jevtović  (Serbien), Lorenzo Di Maio (Belgien), Philipp Schaufelberger  (Schweiz) und Spiros Exaras (Griechenland). Wer neugierig ist, welche weiteren Gitarristen in Duos mit Samo Šalamon auf den nachfolgenden beiden CDs vertreten sind, findet eine …

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