CD-Rezension: Boris Bell – Sacred Drums

Hinhör-Musik mit dem Gestus der Weisheit: Boris Bell veröffentlicht seine Solo-Platte »Sacred Drums« auf EJK-Records Schlagzeug-Soli gibt es im Jazz schier unendlich viele. Langspielplatten oder CDs mit ausschließlich solchen Soli, meist aus verschiedenen Aufnahmen zusammengestellt, schon deutlich weniger. Und noch seltener solche, die direkt als Perkussions-Solo-Platten konzipiert sind. Von Klassikern auf diesem Gebiet wie international Max Roach („Solo“, Baystate Records) oder national (mit internationaler Bedeutung) die „Hörmusiken“ von Günter Baby Sommer (Amiga, FMP, nato, Intakt Records) abgesehen haben weitere Perkussionisten auf diesem Gebiet von sich reden gemacht: Kevin Norton mit seiner CD „Quark Bercuse Solo Percussion“ auf FMR Records, die Schlagzeug mit Marimbaphon und Vibraphon verbindet, der spanische Freejazz-Drummer Ramon Lopez, der gern Geräusche verschiedener Utensilien einbezieht, mit seinen beiden Solo-CDs auf Leo Records oder Steve Reid mit „A Drum Story“, einer eher „klassischen“ Jazz-Schlagzeug-Solomusik, auf Altrisuoni Records. Dabei sind …

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CD »Das Kondensat« mit Ullmann, Potratz und Schaefer

Eine Platte, die zu hören sehr viel Spaß macht! Eine Platte, deren Musik man zu kennen glaubt, obwohl sie nagelneu ist! Drei Musiker, die nicht ganz so berühmt sind wie die großen Berühmten des deutschen Jazz, ohne die aber die Landschaft des zeitgenössischen Jazz nahezu leer und ganz sicher dröge wäre. Ohne Potratz und ohne Schaefer wäre die Berliner – und damit auch die deutsche – Szene nicht denkbar; Projekte und Bands dieser beiden haben Spuren hinterlassen und halten die Hörer immer wieder in Atem. Mehr noch trifft dies auf einen der bedeutendsten deutschen Saxofonisten zu, auf Gebhard Ullmann, dem Jazzpreisträger Berlin 2017. Dessen Strahlkraft reicht seit vielen Jahren bis nach New York; der big apple ist ihm längst schon zweite Heimat geworden. (Von Mathias Bäumel) Zusammen sind sie nun Das Kondensat. Trotz der übertrieben verkopften Bandbenennung – die Musik …

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István Grencsó und sein Open Collective veröffentlichte die verdienstvolle Doppel-CD »Derengés / Dawn«

Dieses Foto war unvergesslich. Auch für den Freejazz-Pianisten und -Komponisten György Szabados. Es heißt »Die Hochzeit« (»Az esküvő«) und zeigt eine nur sechs Personen umfassende Hochzeitsgesellschaft wohl auf dem Weg zur Trauung. Die Menschen, voran die weiß gekleidete Braut, scheinen gerade aus einer Wohnung gekommen zu sein und laufen nun auf dem Gang des Innenhofs entlang einer zerschossenen Fassade dem Treppenhaus zu, das sie einige Etagen weiter unten aus der Mietskaserne hinausführen wird. Sie sind – dem damaligen Zeitgeist der Sechziger-Jahre entsprechend – modisch angezogen. Eine Dame lächelt mild, jeder geht für sich. Aufgenommen hatte das Foto der ungarische Fotograf László Fejes, der dafür den World Press Photo Award 1965 erhielt, übrigens als erster Ungar überhaupt. (Rezension von Mathias Bäumel)

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Offen und kreativ – eine »farbenreiche« weitere CD von Samo Salamon

Der Output Samo Salamons ist erstaunlich – im doppelten Sinne. Einerseits: Innerhalb weniger Jahre über zwanzig eigene, also auch selbst komponierte und mit diversen, extra zusammengestellten Bands eingespielte CDs – das machen nicht viele Musiker! Insbesondere nicht jene mit einer solch anspruchsvollen, nicht leicht verkäuflichen Musik. Andererseits: Dichte, Struktur und auch Spielfreude der Salamon’schen Musik sind ebenso erstaunlich. Wer Samos Weg verfolgt, gewinnt den Eindruck, dass seine Musik immer markanter, dichter, aber zugleich auch immer konsequenter und »einleuchtender« wird. Für die Umsetzung seiner hier nun vorliegenden Farben-Suite hat sich Salamon in den Kopf gesetzt, mit zwei Schlagzeugern zu spielen, mit Roberto Dani als langjährigem Vertrauten und Weggenossen und, neu, mit dem heute gerademal 33-jährigen Christian Lillinger, den Salamon zuvor von vielen CDs, jedoch noch nicht vom Live-Spielen kannte. »Mir gefällt seine Spielweise«, erzählt Salamon über Lillinger, »die ist sehr offen …

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CD-Rezension Jörg Schippas mit „Kiosk“

Nach seinen Bandprojekten UnbedingT und Rattle The Cage präsentiert der Gitarrist Jörg Schippa nun seinen „Kiosk“. Das Trio mit Schippa, Christian Marien (Drums) und Horst Nonnenmacher (Bass), auch der „rhythmische Kern“ des Hannes Zerbe Jazz Orchesters, bietet hier transparente, stilistisch vielseitige, hartkantige Jazzrock-Musik bester Güte. Ideal für Hörer, die im Rahmen des Bekannten Unbekanntes aufspüren wollen. Hier gibt’s Blues-Abstraktionen, ruppige Punk-Feelings, freier wirkende Rockmuster und flüssig-schlüssig gespielte, augenzwinkernde Interpretationen zweier Schlager aus alten Filmen. Über allem jedoch schwebt die Lust am jazzigen, teils sogar funky Improvisieren. Beim Hören auch dieser CD kommt mir der plötzliche Gedanke, welch überraschende, vielgestaltige, anregende Musik doch von einem Trio gemacht werden kann, dass von der Instrumentierung her ein typisches „Old-School“-Rocktrio à la Cream oder Hendrix’ Band of Gypsys ist. Ergo: Längst hat sich die Musikwelt weitergedreht, und Schippas „Kiosk“ ist eines der besten Beispiele …

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Unikat auf der ostdeutschen Jazzlandschaft – 40 Jahre Jazzclub Tonne Dresden

Er gehört zu den angesehensten Jazzclubs in Deutschland, ist auf der internationalen Szene bestens bekannt, hatte im Oktober 2015 zum dritten Mal in Folge den renommierten Spielstättenprogrammpreis der Initiative Musik – der Fördereinrichtung für aktuelle Musik der Bundesregierung – erhalten: der Dresdner Jazzclub Tonne. Vor 40 Jahren, am 18. März 1977, wurde er – noch als »IG Jazz« – gegründet. Von Mathias Bäumel Heute wieder in den kultigen Kellerräumen des Kurländer Palais mitten im Stadtzentrum ansässig, bietet die Tonne durchschnittlich drei Live-Konzerte pro Woche mit Weltstars der Jazzszene, mit regionalen Größen und mit vielversprechenden Nachwuchsmusikern. Der Akzent liegt auf avanciertem Jazz mit kleiner Gastronomie, nicht, wie andernorts häufig, auf Kneipe mit Mainstreamjazz-Dudel-Beschallung. Angefangen hat alles vor vierzig Jahren – am 18. März 1977 gründeten Enthusiasten um den Jazzfan und Theatermenschen Frank W. Brauner die Interessengemeinschaft Jazz innerhalb der Kulturbund-Stadtorganisation Dresden. …

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Saxophon-Ekstase und Zymbal-Party

Ein Musikerlebnis der besonderen Art! Wir saßen an einem Tisch im Außenbereich der Betyaren-Tscharda in der Nähe von Héviz am Plattensee, aßen, tranken und lauschten dem überwältigenden Live-Auftritt der Zigeunerkapelle. Rasanter konnte man kaum spielen, und besonders frappierend war die stilistische Mischung mit langen, jazzigen Soli und mit jazznahen Phrasierungen. Ungewöhnlich für eine Kapelle, die vor allem folklorisierend für Touristen auftritt. An den Namen der Band kann ich mich nicht mehr erinnern, aber die Jungs hatten neben Geige, Zymbal, Bass (und vielleicht Akkordeon) ein Altsaxophon dabei. „Wie eine Mischung aus verwegener, romantisierender Zigeunermusik und Ornette Coleman“, jubelte ich. Das muss 1991 gewesen sein. Zwei Ticken mehr Jazz und ein paar Tupfer ungarischer Volks- und Zigeunermusik weniger – und die Sounds der vorliegenden, 2012 live aufgenommenen CD von Mihály Dresch sind zumindest im Groben ganz gut beschrieben. Vor allem mit den …

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Csaba Palotaï: Widerborstigkeit, die man mögen lernt

Der Kerl scheint ein gitarristisches Chamäleon zu sein. Das Konzept des auf BMC bereits mehrfach als Bandleader vertretenen ungarischen, in Paris lebenden Gitarristen Csaba Palotaï ist schwer greifbar. Mal wirken die Solo-Gitarrenstücke wie ein ferner, aufgehübschter Wiederhall der melodisch kargen Klangarbeit eines Loren Mazzacane Connors, mal erinnert diese Musik an die – allerdings vom Blues befreiten – John-Lee-Hooker-Sounds des Films »The Hot Spot«, mal rufen sie Klang-Erinnerungen an Marc Ribots CD mit den Los Cubanos Postizos wach, mal sogar an Gary Lucas’ Gitarre für Captain Beefheart. Man kann es sich nicht bequem machen in ihnen. Obwohl Palotaïs Solo-Stücke nicht nach Freejazz oder nach Experimentalmusik klingen, wirken sie irgendwie sperrig – sogar dort, wo sie lyrisch klingen. Garagen-Jazz nennt der Künstler selbst seine Kreationen. Wer zuvor die drei CDs der Gruppe von Palotaï ausführlich gehört und genossen hat, erhält hier eine …

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Gyula Babos: Wie die Weitergabe des Feuers klingt

Der Krabbenfänger (Rákfogó). So hieß eine Gruppe in Ungarn, die in ihrer Kernform nur kurze zwei Jahre von 1972 bis 1974 existierte und die trotz der Tatsache, dass sie damals keine LP veröffentlichen konnte, bis in die Gegenwart hinein einen großen Einfluss auf den ungarischen Rock- und Fusion-Jazz ausübte. Rechnet man die Vorgängergruppe »Új Rákfogó« und die personell verbundenen Bands »Syrius« und »Kex« dazu, existierte damals ein Pool von exzellenten Musikern, aus dem sich bis heute immer neue, brillante Musik entwickelt. Aktuelles Beispiel: Die CD »Makrokozmosz« des Gitarristen Gyula Babos. Die Musik auf dieser CD scheint wie eine Vertonung des bekannten Mottos von Thomas Morus zu sein, das – zum Beispiel – Gustav Mahler so formulierte: »Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.« Schon mit dem ersten Stück der Scheibe – gewidmet dem in der …

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Prager Gitarrist Radim Hladík verstorben

Radim Hladík lebt nicht mehr. Der Super-Jazzrock-Gitarrist aus Prag verstarb kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag am vergangenen Sonntag an den Folgen einer Lungenfibrose. Von Mathias Bäumel – Älteren Rockfans in der DDR haben Hladík erstmals schon in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre wahrgenommen – als Gitarristen der Gruppe Matadors, deren Langspielplatte in der tschechischen Inland-Version 1968, in der Export-Version etwas später erschienen war. Die Gruppe begeisterte von 1966 bis 1968 nicht nur mit zahlreichen, hexenkesselartigen Live-Auftritten in der DDR und der CSSR, sondern auch mit den an Blues-Rock und Merseybeat erinnernden, fulminant klingenden Titeln dieser LP. Rückblickend erwies sich diese Band auch als »Kinderstube« der wichtigsten tschechischen Jazz- und Prog-Rock-Gruppe überhaupt – Blue Effect –, die 1968 von Radim Hladik gegründet wurde. Und Blue Effect war sofort präsent. Auf dem Meisterwerk »Coniunctio« (mit Jazz Q Prag) kam es zur Begegnung …

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