CD-Rezension: Polyjazz mit Hans Lüdemanns TransEuropeExpress

Hans Lüdemann TransEuropExpress, „Polyjazz“ BMC Records CD 246 Ich will mal keine Namen nennen. Aber es gibt eben Pianisten/Komponisten, die einer unter den Freejazz-Hörern bekannten Tradition folgen, zu deren Ausprägung sie selbst auch beigetragen haben: die Tradition des expressiven, intuitiven, formal meist ausufernden freien Spiels, mit dem der Pianist seine innere, psychische Befindlichkeit, seine kreativen Anspannungen ebenso wie seine individuallyrischen Vorstellungen per Tastenkaskaden und instant composing nach außen bringt, hämmert, glöckelt … Zweifellos haben diese Musiker die Kunst des Freejazz-Pianos zur Blüte gebracht und sind weder aus der Jazzgeschichte noch aus der Jazzgegenwart wegzudenken. Aber da wäre zu denken, sehr bemerkenswert, der Umgekehrt (würde Tucholsky sinngemäß sagen …). Pianisten/Komponisten, denen es nicht, oder besser: nur sehr vermittelt darum geht, ihr eigenes Ich spannungsgeprägt nach außen zu spiegeln, sondern vor allem darum, mit ihren eigenen Mitteln (und denen der Mitspieler) Musikstücke zu gestalten, die einer sich stets wandelnden Struktur von Melodien, Rhythmen und Harmonien folgen. Nicht instant composing, sondern Balance zwischen vorher gestalteten Elementen und eingeflochtenen Improvisationen. Zu diesen brillanten Pianisten/Komponisten gehört Hans Lüdemann, in seiner Art vielleicht der am meisten beeindruckende in Deutschland. Nach jahrelanger …

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Japanische Poesie und Free-Eruptionen

Beim Auftritt des Schlagzeugers Eric Schaefer mit „Kyoto mon Amour“ im Leeren Beutel erlebten Zuhörer einen musikalischen Hochgenuß. Vermutlich hat Doris Dörries wunderbares Filmdrama „Kirschblüten – Hanami“ das hiesige Bild von Japan ebenso stark geprägt, wie Fukushima oder glitzernde Großstadtimpressionen von Tokio. Eindrücke aktueller kultureller und künstlerischer Entwicklungen über das Land der aufgehenden Sonne gelangen meist nur sporadisch in westliche Sphären. Das gilt auch für den Jazz, der eine mindestens ebenso lange Tradition in Japan wie in Europa hat. Nach der Kurzfilmwoche mit  Länderschwerpunkt Japan, setzte auch der Jazzclub im Leeren Beutel einen musikalischen Akzent in Richtung Osten. Mit seinem letzten Album „Kyoto mon Amour“ und einem fifty-fifty besetzten Quartett knüpft der Schlagzeuger Eric Schaefer ausgesprochen spannende Verbindungen zwischen den Kulturen. Beim Auftritt im Beutel konnte sich eine eher bescheidene Zahl von Zuhörern überzeugen, welche fantastische Musik daraus entstanden ist. Vom berstenden Freejazz über World Music, Blues und kraftvoll pulsierende Rockeinflüsse bis hin zu klassischen japanischen Traditionen vereint der Berliner darin höchst unterschiedliche Formen, Klänge und Rhythmen. Nach einem mehrmonatigen Studienaufenthalt in der alten Kaiserstadt Kyoto hat Schaefer eine starke Nähe zur japanischen Kultur, zu …

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Bartók immer wieder neu

Der Gitarrist András Párniczky veröffentlichte mit »Bartók Electrified« eine bemerkenswerte Jazz-Interpretation von Musik des Klassikers der Moderne Die Sache hat doch zwei Seiten. Mindestens. Die eine ist: Was verstand Béla Bartók unter Jazz? Und die andere: Welche Rolle spielt die Musik Bartóks für den Jazz? »Jazz ist eine sehr interessante Musik, deren Rhythmus und Struktur wie die Volksmusik allgemein sehr faszinierend ist. Ich bin jedoch etwas beunruhigt über die einfache harmonische Struktur …«, soll Béla Bartók im Jahre 1926 gesagt haben. Allerdings konnte der 1945 verstorbene Ungar eigentlich nur Oldtime Jazz und Swing gekannt haben; all die interessanten und komplexen Jazz-Entwicklungen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mussten ihm zwangsläufig unbekannt bleiben – anders als in den Fällen heutiger Hörer auf der Suche nach dem Verhältnis zwischen  Bartók und Jazz. Die Offenheit Bartóks für den damaligen Jazz führte lediglich zu einem Werk mit Jazz-Touch, das der Ungar komponiert hat. Auf Bitten des Klarinettisten hatte Béla Bartók im Jahre 1940 für Benny Goodman mit »Contrasts« ein Kammermusikstück für Klarinette, Piano und Violine geschrieben. Erstmals aufgenommen wurde diese Komposition mit Béla Bartók selbst (Klavier), Benny Goodman (Klarinette) …

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BMW Welt Young Artist Jazz Award 2018: Preisträger Martin Brugger feiert mit seinem Quintett „Fazer“ in der Unterfahrt

Jung, tanzversessen und dennoch auch neugierig auf guten alten Jazz – im Falle des Quintetts Fazer von Bassist Martin Brugger natürlich guten modernen Jazz: So kann man das Publikum in der Unterfahrt charakterisieren, das die ehrwürdige Münchener Jazz-Spielstätte vergangenen Freitag bis auf den letzten Platz füllte. Martin Brugger, der Bassist und Komponist, der schon mit Indie-Musik erfolgreich war, der Film- und Werbemusik komponiert und unter dem Namen Occupanther auch Elektro macht, hatte sein junges Club-Publikum mit in die Unterfahrt gebracht. Anlass waren jedoch nicht Occupanther und elektronische Musik, sondern ein Preisträgerkonzert: Brugger hatte im Sommer den mit 3.000 Euro dotierten BMW Welt Young Artist Jazz Award erhalten – und zusätzlich zwei Gigs, einen in der Unterfahrt und einen bei den Jazztagen Leipzig im Leipziger Kunstkraftwerk am Samstag, den 13.10., im Doppelkonzert mit Michael Wollny, Leafcutter John und Alex Nowitz. Der BMW Welt Young Artist Jazz Award wird dieses Jahr zum dritten Mal vergeben mit dem Ziel, regionale Nachwuchsmusiker zu fördern. Während beim BMW Welt Jazz Award erfahrene Musiker gegeneinander antreten, möchte man mit dem BMW Welt Young Artist Jazz Award gezielt die Musiker von morgen fördern. …

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Euphorium-Festival 2018 in Leipzig

Im Rahmen des Euphoriums, dem internationalen Mini-Festival für zeitgenössische improvisierte Musik in Leipzig, finden am 16. und 17. November sowie am 9. und 10. Dezember drei musikalisch-theatralische Installationen des Projektensembles Euphorium-freakestra zu Migration und Integration statt. Dieses mehrteilige, experimentelle Forum kombiniert die performative Qualität einer kinetisch-skulpturalen Praxis mit innovativem Instrumentalspiel. Mittels verschiedener Konstellationen der Instrumente sollen dabei personale Migration sowie soziale Integration demonstiert werden. Am 16. und 17. November 2018 präsentiert das internationale Kollektiv bestehend aus John Dikeman (USA), Elan Pauer (Niederlande), Christian Lillinger (England), John Edwards (Deutschland) und Ingebrigt Haaker Flaten (Norwegen) im Soziokulturellen Zentrum „naTo“ eine Weiterentwicklung des von Ernst-Ludwig Petrowsky und Peter Brötzmann geschaffenen Freejazz-Quintett und fächern die musikinstrumentalen Konstellationen systematisch auf. Zwei Haudegen der in Europa zeitgenössisch programmierten Improvisationsmusik, Barry Guy (Titelbild) und Baby Sommer, kollaborieren nach ihrer Premiere vor zwei Jahren nun am 9. Dezember 2018 mit Oliver Schwerdt zu der für Sommers OEvre seltenen Instrumentenkonstellation des Klaviertrios. Noch ein Trio erwartet die Besucher an diesem Abend mit den  beiden Perkussionisten Christian Wolfarth und Antonin Gerbal sowie dem Organisten Rudur Zidong. Abschließend tritt am 10. Dezember 2018 Akira Sakata, der …

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Bassist Martin Brugger ist Preisträger des BMW Welt Young Artist Jazz Award 2018

Mit dem Ziel, regionale Nachwuchsmusiker zu fördern, wird 2018 Martin Brugger von der BMW Group und der Stadt München geehrt. Die Auswahl erfolgte durch die Jury des BMW Welt Jazz Awards. Neben Konzerten im Münchner Jazzclub Unterfahrt und bei den Leipziger Jazztagen bekommt Brugger zudem ein Preisgeld von 3.000 Euro. Während beim BMW Welt Jazz Awards  erfahrene Musiker gegeneinander antreten, möchten man mit dem BMW Welt Young Artist Jazz Award gezielt die Musiker von morgen fördern. Mit Martin Brugger werde abermals ein Protagonist der Münchner Musikszene ausgezeichnet, der für eine sehr innovative Weiterentwicklung des Jazz steht. Die Jury verweist auf Bruggers Vielseitigkeit. Sei es sein Soloprojekt Occupanther, oder sein elekto-akustisches Duo mit Carlos Lipa und nicht zuletzt die Band Fazer, die aus der Besetzung seines Abschlusskonzerts seines Jazz-Bass-Studiums an der Münchner Musikhochschule entstand. Mit Paul Brändle an der E-Gitarre, dem bereits mehrfach preisgekrönten Trompeter Matthias Lindermayr und den beiden Schlagzeugern Sebastian Wolfgruber und Simon Popp verwebt Brugger songartige Strukturen, die viel Freiraum für Improvisation lassen, mit rhythmischen Geflechten, die in den klassischen Jazz, aber auch nach Westafrika, Lateinamerika oder Indien verweisen. Der in seiner Dynamik …

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+++News+++Vielfalt bei der „JAZZ it!“ in Germering bei München+++Neues vom Jazzpool Lübeck e.V.+++

12. JAZZ it! in Germering bei München Dieses Jahr findet die „JAZZ it!“-Reihe in Germering unter dem Motto der Vielfalt statt. Durch die Internationalität der Musiker, welche zum Teil aus Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, der Schweiz, den USA, aus Kuba und Indien kommen, bekommt das „JAZZ it!“ in diesem Jahr als fester Bestandteil der Jazz-Szene im Münchner Umland eine besonders interessante Note. So soll die ganze Bandbreite des Jazz widergegeben werden – ein ambitioniertes Ziel. Es stehen dabei sieben Konzerte auf dem Programm. Bereits im Januar gastierte das Denis Gäbel Quartet im gemütlichen Amadeussaal der Stadt Germering im Rahmen der „JAZZ it!“-Reihe. Mitte April folgte das Trio Benares, das mit einem Mix aus indischer klassischen Musik und Jazz überzeugte. Nun folgen weitere Konzerte, verteilt auf den Zeitraum Mitte Juni bis zum Jahresende. Das Duo des Komponisten & Performer Andreas Schaerer und des Schlagzeugers Lucas Niggli, das Quartett des deutschen Tenorsaxophonisten Jason Seizer, Daniel Erdmann’s Velvet Revolution (siehe Titelbild), das Trio des niederländischen Saxophonisten Joris Roelofs und die kubanischen Jazzpianistin Marialy Pacheco präsentieren jeweils auf eigene, individuelle, in jedem Fall aber spannende Weise Jazz. Man kann …

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Energiebündel China Moses überzeugt mit funky Jazzsoul im Stadttheater Regensburg

Von der Bühne in die Bar – Die in Paris lebende Sängerin China Moses brachte das Publikum im Theater Regensburg mit Souljazz, Funk und erotischen Balladen zum tanzen. Wer sich schütteln muss, wenn er etwas von „Powerfrau“ oder noch schlimmer „Powerfrauen“ hört, war bei China Moses goldrichtig. Der Auftritt der Sängerin mit ihrer Band im Theater Regensburg war die „pure Energie!“ Mit dieser Einschätzung unter einem Videoausschnitt auf Facebook war die Autorin nicht lange allein. „Super“ mit riesigem Ausrufezeichen und „das Konzert war der Hammer“ lauten weitere Kommentare. Ähnlich enthusiastische Äußerungen waren auch direkt nach dem Konzert in den Gängen und Foyers des prunkvollen Hauses am Regensburger Bismarckplatz zu hören, quer durch alle Altersgruppen. Tatsächlich waren es wenige Minuten, in denen Moses auf der Bühne nicht in Bewegung war. Da saß sie neben dem Flügel auf einem Barhocker und interpretierte mit rauhem Gefühl ruhige Balladen. Aber selbst da hielt es die quirlige Frau nur solange aus, wie sie selbst sang. Beim ersten Solo eines Bandmitglieds stand sie bereits wieder auf den Beinen und wippte oder tanzte im Takt einer coolen Improvisation. Und von denen gab …

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CD-Rezension: Boris Bell – Sacred Drums

Hinhör-Musik mit dem Gestus der Weisheit: Boris Bell veröffentlicht seine Solo-Platte »Sacred Drums« auf EJK-Records Schlagzeug-Soli gibt es im Jazz schier unendlich viele. Langspielplatten oder CDs mit ausschließlich solchen Soli, meist aus verschiedenen Aufnahmen zusammengestellt, schon deutlich weniger. Und noch seltener solche, die direkt als Perkussions-Solo-Platten konzipiert sind. Von Klassikern auf diesem Gebiet wie international Max Roach („Solo“, Baystate Records) oder national (mit internationaler Bedeutung) die „Hörmusiken“ von Günter Baby Sommer (Amiga, FMP, nato, Intakt Records) abgesehen haben weitere Perkussionisten auf diesem Gebiet von sich reden gemacht: Kevin Norton mit seiner CD „Quark Bercuse Solo Percussion“ auf FMR Records, die Schlagzeug mit Marimbaphon und Vibraphon verbindet, der spanische Freejazz-Drummer Ramon Lopez, der gern Geräusche verschiedener Utensilien einbezieht, mit seinen beiden Solo-CDs auf Leo Records oder Steve Reid mit „A Drum Story“, einer eher „klassischen“ Jazz-Schlagzeug-Solomusik, auf Altrisuoni Records. Dabei sind die großen, quasi durchkomponierten Solo-Werke der Jazzrock- und Fusion-Schlagzeuger – allen voran Terry Bozzios „Solo Drum Music I und II“ – noch gar nicht erwähnt. Nun Boris Bell. Und auch noch mit Live-Aufnahmen aus einem Kirchenkonzert! Das Fantastische daran: Es ist eine Musik, die Innerlichkeit, …

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Bluesgetränkt und frei im Geist – „A Love Electric“ im Leeren Beutel in Regensburg

Oldfashioned, altmodisch, ist der erste Gedanke beim klassischen Rocktrio-Lineup von „A Love Electric“. Auch die ersten Takte der Mixed-American-Band im Leeren Beutel scheinen diesen Eindruck zu bestätigen. Bluesgetränkt baut sich eine leicht schattige, von Todd Clousers lässigem Spiel auf der E-Gitarre befeuerte Spannung auf. Aber nicht nur die bis in die Augen gezogene Wollmütze des aus Argentinien stammenden Drummers Hernan Hecht und die Loops, die Bassist Aaron Cruz mit der Mundharmonika unter sein filigranes Spiel legt, stellen sich dem Schablonendenken grinsend in den Weg. Mit jedem Song den Clouser anstimmt wird deutlicher, dass die musikalischen Wurzeln der Band zwar im Blues, Rock, Jazz und Soul liegen. Rückwärts gewandt allerdings ist dieses großartige Trio ganz und garnicht, im Unterschied zu vielen faden Retro-Bands. Die gleichberechtigt auftretenden Musiker machen keinen Hehl daraus, wo ihre popgeschichtlichen Referenzpunkte verankert sind. Da klingt Curtis Mayfield, dem sogar ein Song auf einem ihrer Alben gewidmet ist, ebenso an, wie der künstlerische Gestus Tom Waits‘ oder Edgar Winters Vielfalt. Weit im Hintergrund scheinen hie und da die „Doors“ und die „Electric Prunes“ mit ihren psychedelischen Sounds auf. In den verkanteten Rhythmen und …

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