Mehr Frauen, mehr Europa: Der Jazzclub Regensburg meldet sich mit einem stilistisch vielseitigen und regional geprägten Programm zurück

Weiblich, europäisch, jung. Es sind Merkmale, die wie ein gesellschaftliches oder politisches Statement erscheinen. Tatsächlich vermitteln sie einen ersten Eindruck vom Herbstprogramm des Jazzclub Regensburg. Von den bislang rund 15 Konzerten, die bis Dezember den Leeren Beutel mit cool swingenden und soulig heißen Klängen füllen, wird fast die Hälfte von Musikerinnen geleitet oder mitbestimmt. Mit den großartigen Stimmen von TokTokTok, der Sängerin Tokunbo und Malia (22. November) sind darunter gleich zwei Künstlerinnen, die es geschafft haben, ein eigenes künstlerisches Profil zu entwickeln und damit ein breites Publikum ansprechen. Mit Bassistin Eva Kruse (11. Oktober) und den beiden Saxophonistinnen Nicole Johänntgen (23. Oktober) und Stephanie Lottermoser (29. November) gehören dazu auch ausgezeichnete Instrumentalistinnen.


Eva Kruse. Foto: Thomas J. Krebs

Denn, um niemanden etwas vorzumachen, noch immer sind es vorwiegend Stimmen, Sängerinnen wie Steffie Denk und die Britin Zoe Francis, die das weibliche Bild im Jazz prägen. Der starke europäische Akzent wird durch Themen wie das Tribute-Konzert für Stevie Wonder (27. September) und amerikanische Musiker in mehreren Bands ein wenig relativiert, ist aber dennoch deutlich sichtbar. Den Einstieg ins Herbstprogramm hat der Jazzclub bereits erfolgreich geschafft, kommende Woche setzt er es mit dem funkigen Projekt A Tribute To Stevie Wonder ( 27. September) fort. Mit dem Auftritt des amerikanisch-deutschen Quartetts Nussbaum, Soskin, Anderson & Eisenhauer (28. September) im Degginger steuert der Club auf den ersten Höhepunkt zu. Drummer Adam Nussbaum, Keyboarder Marc Soskin und der Kalifornier Jay Anderson gehören seit vier Jahrzehnten zum Who-Is-Who des modernen US-amerikanischen Jazz. Sie haben von Zappa über Tom Waits bis Billy Cobham und Sonny Rollins mit Stars aus fast allen Bereichen gespielt und aufgenommen. Ihre energetische Synthese verschiedenster Musikstile erzeugt eine beinahe hypnotische Wirkung. Den europäischen Part übernimmt hier der Regensburger Gitarrist Rüdiger Eisenhauer. Er ist Anfang Dezember noch einmal mit seiner eigenen Band, dem Sleigh Ride Orchestra (9. Dezember), zu hören. Satte Bläsersounds und starke Grooves prägen die Session (1. Oktober) mit Brazzooka. Unter dem Motto „The Beat Goes On“ stellt das Münchner Jazzrock-Powertrio Schmid.Messina.Langer (4. Oktober) wenige Tage später eigene Instrumentalversionen klassischer Songs von Deep Purple, den Beatles aber auch Sonny Rollins vor. Wolfgang Schmid, einer der erfolgreichsten Bassisten Europas, der argentinische Drummer Daniel Messina und Thomas Langer (guitar) haben ihre persönlichen Lieblingssongs auf CD herausgebracht. Neu arrangiert kommen sie cooler, funkiger und jazziger, oft auch anspruchsvoller rüber als manches Original. Als Teil des fantastischen Trios [em] mit Michael Wollny und Eric Schaefer, der jetzt in ihrem Quintett spielt, hat Eva Kruse schon früher im Club für Furore gesorgt. In ihrer eigenen Musik fließen verschiedene Traditionen wie selbstverständlich zusammen. Mehr als das: Auf dem zweiten Album unter eigenem Namen tangiert sie Pop, Rock und Volksweisen. Kruse vermag mit ihrem Quintett wahrhaftig Jazzgroove und den Einfluss J.S. Bachs auszubalancieren.

Nicole Johänntgen. Foto: JTI International Germany

Die Saitenartisten Jim Mullen und Helmut Nieberle (17. Oktober) präsentieren Gitarren-Jazz voller Energie und Raffinesse. Sängerin Zoe Francis steuert Songs aus ihrem neuen Album „Remembering Blossom Dearie“ bei, eine selbstbewusste Verbeugung vor der großen amerikanischen Vokalistin. Frischen, bläserbetonten New-Orleans-Sound stellt die Schweizer Saxophonistin Nicole Johänntgen (23. Oktober) mit drei Musikern aus der brodelnden Stadt am Mississippi vor. „Henry II“, so auch der Titel der zweiten CD des erfrischend authentisch klingenden Quartetts, ist verspielt und ehrlich, groovt, rumpelt und schmettert wie in den Straßen des French Quartier. Dazwischen kommen mit der Isle Of Swing Bigband (21. Oktober) noch Fans kraftvoller Klänge auf ihre Kosten. Bestehend aus jungen und junggebliebenen Musikern Ostbayerns hat sich die Formation einen guten Ruf erspielt. Ihre musikalische Reise führt in die swingenden Gefilde von Count Basie, Sammy Nestico, Duke Ellington und Neal Hefti bis hin zu Arrangements von Tower of Power, Michael Bublé und James Brown. Als erstes herbstliches Vocal-Highlight betört Tukunbo (31. Oktober), ehemals Frontfrau von TokTokTok und eine der beliebtesten Jazzstimmen Deutschlands, einmal mehr mit ihrem zweiten Solo-Album „The Swan“. Begleitet wird sie von einer illustren Besetzung, der Matthias Meusel am Schlagzeug und die Fotografin Anne de Wolff angehören, die Geige, Akkordeon und Posaune spielt!

Helmut Nieberle. Foto: Michael Scheiner

Im November präsentiert Helmut Nieberle zum Auftakt der neuen Reihe The Pianoplayers drei hochkarätige Jazzpianisten. In der Tradition des legendären Oscar Peterson stehen sie alle, Thilo Wagner, Bernhard Pichl und Hans Huber, doch jeder auf seine eigene Art und Weise. Auf dem Programm stehen Lieblingsstücke des Altmeisters Peterson in neuen Interpretationen. Trompeter Martin Auer (15. November) spielt seit mehr als 20 Jahren im Quintett mit vier Freunden zusammen. Eine Zeit, in der sie Höhen und Tiefen erlebt, Krisen überwunden, Trends und Strömungen getrotzt und konsequent ihre eigene Musik gemacht haben. Das hat die Fünf zusammengeschweißt. Malia und ihre Band aus Klavier und Streichern und die Münchnerin Stephanie Lottermoser (29. Novermber, Titelbild) beschließen den vielstimmigen und abwechslungsreichen November. Die Sängerin aus Malawi wird mal als pure Verkörperung des coolen Neo-Souljazz, dann wieder als Erneuerin der Sangestradition großer Jazz-Diven wie Billie Holiday oder Nina Simone genannt, aber auch als Musikerin, die traditionelle afrikanische Klänge neu belebt. „This Time“ nennt Saxophonistin, Sängerin und Songwriterin Stephanie Lottermoser ihr mittlerweile viertes Album. Die Mischung aus Jazz, Soul und Pop verspricht einen reizvollen und anregenden Konzertabend. Neben den swingend-fröhlichen Christmas-Konzerten mit Steffi Denk (2. Dezember), Rüdiger Eisenhauer (9. Dezember) und dem Rostmondorchester (23. Dezember) verspricht der Auftritt von Lorenz Kellhubers New Trio im Theater am Bismarckplatz ein weiteres musikalisches Glanzlicht im vielschichtigen Jazzherbst zu werden.

Von Michael Scheiner

Neben seinem normalen Programm mit Konzerten und Sessions ist der Club an einiges weiteres Veranstaltungen beteiligt: Dazu zählen der Dokumentarfilm It Must Schwing! – The Blue Note Story, der ab 3. Oktober in der FilmGalerie im Leeren Beutel läuft, die Sternschnuppe(r)nacht am 27. Oktober und vor allem die 16. Internationale Aidstanzgala am 10. November im Velodrom (19.30 Uhr), eine Gemeinschaftsveranstaltung mit dem Theater Regensburg und der Psychosozialen Aids-Beratungsstelle Oberpfalz. Weitergehend Infos finden sich auf der Website des Regensburger Jazzclubs: www.jazzclub-regensburg.de

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