Ein West-östlicher Jazz-Folk-Divan – Die Debüt-CD der Band „Eurasians Unity“

Wer sich die im Juni bei Enja Yellow Bird erschienene CD „Eurasians Unity“ anhören möchte, dem sei angeraten, zuvor auf Google Earth zu surfen oder einen klassischen Weltatlas zur Hand zu nehmen. Denn nicht jeder mag auf Anhieb wissen, wo zumindest einige der sieben Herkunftsländer der acht Musiker mit sieben Sprachen, die in diesem Orchester vereint sind, auf der Landkarte genau zu finden sind. In geographischer Definition liegen Usbekistan, Aserbaidschan, Iran, die Ukraine, Bulgarien, Polen und – am westlichen Zipfel – auch Deutschland – allesamt auf der Eurasischen Kontinentalplatte. Kultur, Volkskunst und Musik der jeweiligen Regionen auf diesem gewaltigen Terrain sind jedoch äußerst unterschiedlich. In westlicher Sicht je weiter östlich desto fremdartiger.


Diese Unterschiede sind es, die Caroline Thon reizen. Die Kölner Saxophonistin, Komponistin und Bandleaderin folgte schon immer ihrer künstlerischen Devise, Grenzen zu testen und zu überschreiten. Das bewies sie bisher schon mit ihrem Quintett „Patchwork“ und mehr noch mit ihrem Thoneline Orchestra, mit dem sie die weithin beachteten Alben „Panta Rhei“ (2011) und „Black & White Swan“ (2015) veröffentlicht hatte. Spielte sie mit diesen Formationen fast ausschließlich ihre eigenen Kompositionen, so ging sie mit dem von ihr inspirierten und organisierten Projekt „Eurasians Unity“ einen ganz anderen Weg, der sie auch im wörtlichen, im geographischen Sinne über Grenzen führte.

Beeindruckt seit Langem von den komplexen Rhythmen ost- und südosteuropäischer Musik trieb sie ihre Neugier weiter in den orientalischen Raum, befasste sich systematischer mit der arabischen, persischen und zentralasiatischen Musiktradition, so zum Beispiel auch mit der Kurzhalslaute Oud.  Als sie bei einem internationalen Workshop die iranische Oud-Spielerin Negar Bouban hörte und auch näher kennenlernte, reifte in Caroline die Idee für eine Art West-östlichen Jazz-Folk Divan. Sie ging an die konkrete Planung eines Projekts für das Festival „Women in Jazz“ in Halle, dessen Leiter Ulf Herden sich sehr aufgeschlossen zeigte und es an Ermutigung nicht fehlen ließ.

Bei der Suche nach geeigneten Musikern hatte sie mehrere Kriterien zu beachten: Sie sollten die traditionelle Musik ihrer Ethnien beherrschen und professionell ausüben. Zugleich sollten sie für neue Konzepte und das gemeinsame Improvisieren offen sein, was für traditionelle Musiker nicht so selbstverständlich ist wie für Jazzmusiker. Sie sollten in ihren Ländern wohnhaft sein, aber Visa für den Schengenraum beantragen können. Schließlich sollten sie Englisch können, um die Verständigung in dem multilingualen Projekt zu ermöglichen. Die Mühe lohnte sich: 2013 hatte Caroline Thon sieben Musikerinnen und Musiker beisammen. Viele Proben führten zur Bühnenreife, sodass die Band am 8. Februar 2014 in der Alten Oper von Halle ein vom Publikum umjubeltes und von den Medien einhellig belobigtes Debüt gab, damals noch unter dem Titel „Jazz aus der eurasischen Mitte“. Bald danach war mit „Eurasians Unity“ ein programmatischer Name für die Band gefunden, die ein Jahr nach dem Auftritt in Halle auf dem TFF Rudolstadt, dem größten deutschen Festival für Folk, Roots und Weltmusik, den Weltmusikpreis RUTH 2015 „für praktizierte Völkerfreundschaft auf hohem künstlerischem Niveau“ erhielt.

Und nun kommt als Höhepunkt der Erfolgsgeschichte des beachtlichen Projekts diese CD bei einem der renommiertesten Labels, aufgenommen beim rbb kulturradio, unterstützt von der Initiative Musik gGmbH. Das Faszinosum der „Eurasians Unity“ speist sich aus mehreren Quellen. Das Klangbild wird erzeugt durch das Aufeinandertreffen traditioneller orientalischer Instrumente auf solche, wie sie integral zum westlichen Jazz gehören, konkret: Zu der bereits erwähnten Oud von Negar Bouban treten die zweisaitige Langhalslaute Dutar und die Rahmentrommel Doira, beide gespielt von Feruza Ochilova aus Usbekistan. Das Akkordeon wird zwar auf der ganzen Welt in allen Musikstilen gespielt, aber durch die Bulgarin Veronika Todorova erhält das populäre Instrument noch eine zusätzliche balkanische Note. Die Jazzelemente bringen Caroline Thon auf Sopran- und Altsaxophon sowie Alex Morsey mit Kontrabass und Tuba ein. Die Brücke zwischen Jazz und Folk schlagen der Pianist Salman Gambarov aus Aserbaidschan und der mit allen Rhythmen der Welt vertraute, aus Polen stammende Schlagzeuger und Percussionist Bodek Janke. Wesentlich zum Klangbild tragen auch die verbal und vielfältig instrumental eingesetzten Stimmen von Feruza Ochilova und der in der Ukraine gebürtigen, in Köln lebenden Tamara Lukasheva bei.

Ein weiteres Spezifikum von Eurasians Unity liegt in der ständigen Spannung zwischen den grundverschiedenen rhythmischen Prinzipien in der orientalischen und der europäischen Musik. Caroline Thon versucht das im Gespräch zu erläutern: „Es ist der Unterschied zwischen den traditionellen Folkmusiken des Ostens und unserer europäischen Taktgebung. Wir Europäer brauchen einen Bezugspunkt, ein Ebenmaß, auf das wir uns beziehen, vier Viertel zum Beispiel. Aber in der östlichen Tradition geht es ständig zwischen ungeraden Rhythmen hin und her, etwa von fünf Achteln zu dreizehn oder fünfzehn Achteln und wieder zurück und manchmal noch komplizierter. Das ergibt diese unheimliche Dynamik. Für uns ‚Westler‘ ist das nicht gerade leicht zu spielen, während unsere Kolleginnen Feruza, Negar und Veronika die Taktfolgen gar nicht erst zählen, den Rhythmus nicht ‚denken‘, sondern die jeweilige rhythmische Figur 3-2 oder 2-3, die sogenannte Clave, einfach fühlen. Das musste ich auch erst üben, dieses Fühlen, den gewohnten festen Bezugspunkt aufgeben, aber dann wird es wesentlich leichter zu spielen. Diese Art des Dazulernens ist einer der Gründe, weshalb ich dieses Projekt so liebe.“

Gleich im Eingangsstück „Devoiko Mari“, einem bulgarischen Volkslied, arrangiert von Bodek Janke, zeigt sich die für die gesamte CD charakteristische rhythmische Komplexität. Es beginnt im Vierviertel, geht mit Carolines Altsolo über in einen Elfachtel, wechselt mit Gambarovs jazzigem Pianosolo zu Fünfachtel und Fünfviertel, ehe Veronika Todorova mit einem wunderbaren, tieftönig orchestral gespielten Akkordeonsolo den typischen Balkansound aufstrahlen lässt.

„Göygol“ ist die Vertonung eines Gedichts des aserbaidschanischen Dichters Teymur Elchin durch den Pianisten Gambarov, der stimmungsvoll ein- und überleitet zur Stimme von Feruza Ochilova, die als Usbekin auch die benachbarte Turksprache Azeri kennt und über deren Text passagenweise Tamara Lukasheva scattet. Ein reizvolles Duett, das auch in anderen Stücken angewandt wird, so in der auf die Oud hin geschriebenen Komposition „Simple One-Theme Negar Bouban“, arrangiert von Tamara, in der die Komponistin als Interpretin glänzt. Der lyrische, fast melancholische Klang dieses zauberhaften, für westliche Ohren so sehr exotisch anmutenden Instruments löst sich jedoch auf in Soli von Bodek im Duett mit Feruza an der Doira und Caroline und steigert sich zu einem rauschhaften Finale, das dann aber wie erschöpft absinkt und ausklingt. Stark!

Diese Dramaturgie findet sich in vielen der Arrangements – verhaltener, fast elegischer Beginn, bei dem eines der leiseren Saiteninstrumente zur Geltung kommt, Groove im Mittelteil mit viel Improvisation, mündend in regelrechte Klanggewitter bis zum Chaos, leiser Ausklang und Verschwinden im All. So auch in „Shadowprint“, einer von Alex Morsey arrangierten Komposition der Kölner Vokalistin Simin Tander, mit stimmungsvollen Intros, sogenannten „Taksims“, die von Alex auf der Tuba in Form eines Borduns unterlegt werden als Feature für jeweils Oud, usbekischen Gesang und Akkordeon.

„Ey, Sarviravon“ ist ein usbekisches Liebesgedicht, vertont von Feruza Ochilova und Simin Tander, anrührend zart und melancholisch. Caroline hat ihre Komposition „Cycles“ (von der „Patchwork“-CD „Say it“ ) von Veronika in osteuropäischer Rhythmik arrangieren lassen. Damit hatte sie sich selbst „ein hartes Stück Arbeit aufgehalst“ für die Interpretation ihrer eigenen Komposition auf dem Sopran, das Feruza auf der Dutar durchgehend im fünfzehn Achtel-Rhythmus begleitet, „als wäre es nichts“. Hier bereichert Alex sein Bass-Solo à la Slam Stewart oder Major Holley mit Oberton-Gesang.

Sehr getragen kommen „Lonesome Heroes“ einher, in einer Komposition der libanesischen Sängerin Cynthia Zaven, die anfangs dabei war, aber aus beruflichen Gründen aus dem Ensemble ausgeschieden ist und von Tamara Lukasheva ersetzt wurde, die das Stück mit textlosem Vocalizing prägt. Ausführlich kommen auch Oud und Altsaxophon zur Geltung. „Kolysanka“ ist ein von Alex vertontes polnisches Wiegenlied, das Caroline völlig gegen den Strich arrangiert hat, aber mit einer versöhnlich zum Schlafen einladenden Coda, die eng an die Originalkomposition angelegt ist.

In dem Schlussstück „Topmadim“, einem usbekischen Volkslied, das von allen Bandmitgliedern komponiert und arrangiert wurde, können sich alle nochmal solistisch „austoben“.  Ein fulminantes Finale einer in vielen Schattierungen aufscheinenden Klangsymbiose von westlichem Jazz und eurasisch-orientalischer Folkmusik. Dargeboten von einem in doppeltem Sinne vielstimmigen Ensemble als nachahmenswertes Beispiel gegenseitiger Achtung und künstlerischen Austauschs über nationale, ethnische und geographische Grenzen hinweg. Durchaus im Sinne der Maxime Goethes aus dem „West-östlichen Divan“: „Wer sich selbst und andre kennt / Wird auch hier erkennen: / Orient und Okzident / sind nicht mehr zu trennen.“

Von Dietrich Schlegel

CD „Eurasians Unity“, enja records yellow bird 2018, kulturradio rbb, Initiative Musik eGmbH; www.eurasians-unity.com, facebook: Eurasians Unity

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