Mit „Clubjacken“ und pluckernden Grooves geht das junge hippe Nuejazz-Festival in die sechste Auflage. Schwerpunkt: Der Süden Londons

Vor sechs Jahren haben einige junge und kulturpolitisch engagierte Jazzmusiker das Heft selbst in die Hand genommen und dem darbenden Nürnberg ein neues Festival verpasst. Das Publikum hat dankbar zugegriffen. Seither hat sich das jährliche Nuejazz-Festival zu einem Magnet für neue Entwicklungen und nach vielen Seiten offene Trends im plötzlich gar nicht mehr uncoolen Jazz entwickelt. In diesem Jahr steht vom 9. bis 18. November die hippe Londoner Szene im Mittelpunkt. Erstmals setzt die Crew um Frank Wuppinger damit einen geographischen Schwerpunkt, der sich definitiv lohnt. Auf dem früheren Industriegelände Kulturwerkstatt Auf AEG, im Opernhaus und erstmals auch in Erlangen präsentieren sich an den Schnittstellen von Analogem und Digitalem etliche frische UK-Acts, vorwiegend aus dem kreativ blubbernden Süden der britischen Metropole.


Schaut man auf diese neue quirlige Jazzbewegung, fällt meist ein Name: Shabaka Hutchings (Titelbild). Dieser Tenorsaxophonist, der seine Musiker zumeist um Haupteslänge überragt, ist ein Kreativbündel. Mit Sons of Comet kommt er nach Nürnberg. In seinem Quartett sind Afrika und Karibik zu hören, der tänzerische Impuls einer Second-Line aus New Orleans und der zupackende Groove elektronischer Clubmusik. Ebenso aufregend das Duo Blue Lab Beats der der Keyboarder Joe Armon-Jones, der im Septett nach einem gemeinschaftlichen Idiom für diese junge Szene sucht. Ganz auf einen tranceartigen Sog, der aus den akustischen und elektrischen Instrumenten entsteht, setzt das Vels Trio. Nach den pluckernden Grooves und Breakbeats der elektronischen Clubmusik gräbt die Band des Pianisten Ashley Henry mit den klassischen Instrumenten des Jazzpiano-Trios. Maisha nennt der junge Schlagzeuger Jake Long sein Sextett, mit dem er den Spiritual Jazz von vor 50 Jahren neu belebt und ins Hier und Heute transferiert. Im Mittelpunkt steht der Afro-Beat mit seinem durchlaufendem Puls von der Bassdrum, der aber stets rhythmisch aufgebrochen und ins Stolpern gebracht wird.

Edit Bunker. Pressefoto

Von außerhalb der vitalen UK-Szene kommt das „Migration“-Projekt des in Mexiko geborenen Schlagzeugers Antonio Sanchez, der Latin-Rhythmen mit einem melodisch nuancierten Modern Jazz zusammenführt. Auch Makaya McCraven aus Chicago ist Drummer. Mit seiner Band kreuzt er Sounds und Loops aus dem digitalen Baukasten mit unterschiedlichsten Gattungen und Genres. Das elektro-akustische Duo Edit Bunker exerziert das rhythmische Phänomen Groove geradezu durch – inklusive Visuals auf einer Leinwand und Monitoren am Bühnenrand. Ibrahim Electric aus Dänemark demonstriert, dass mit Hammond B3, Gitarre und Schlagzeug eine rockende Jazzmusik gespielt werden kann, die punkig und rotzig in der Haltung und expressiv im Ausdruck ist.

Schon bei der ersten Nuejazz-Ausgabe war es zudem das Ziel zu zeigen, dass die Nürnberger Szene auf Augenhöhe mit den internationalen Gästen agiert. Das gilt natürlich auch für das das diesjährige sechste Festival, wenn DJ jazz:pa, die Sängerin Linda Mund mit Band, das Trio Tele Comander Music, das Lukas Diller Quartett, Kühnl & Huber mit einem „Tribute to Herbie Hancock & The Headhunters“ und Die japanische Clubjacke mit Tobias Weidinger in verschiedenen Spielorten in Nürnberg und Erlangen auftreten. Abgerundet wird das Programm durch die Aufführung der Film-Dokumentation „We Out Here: A London Jazz Story“, eine Clubnight „It’s A London Thing“ mit DJ-Sets der Londonerin Donna Leake, des in England geborenen Wahl-Münchners Jay Scarlett und der Nürnbergerin Miss Lisa. Zudem gibt es wieder eine Fotoausstellung: „A London Rhapsody in black and white“ mit Bildern des Fotografen Magnus Contzen, die dem Betrachter ganz neue Facetten der Musikmetropole London eröffnet. Schon Tradition geworden sind die „Jazz For Kids“-Nachmittage. Dieses Mal wird in Erlangen und Nürnberg eine musikalische Detektivgeschichte für Kinder ab vier Jahren aufgeführt: „Sherlock Holmes und das gestohlene Instrument“. Das Nuejazz-Festival findet vom 9. bis 18. November statt. Veranstaltungsorte sind Auf AEG, Das Opernhaus Nürnberg, das E-Werk und Desi.

Von Michael Scheiner

Info: http://www.nuejazz.de/  

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