Gipsy Jazz aus Augsburg: Sandro Roy – Newcomer des Monats Februar

Sandro Roy: "Where I come from" Skip Records
Sandro Roy: „Where I come from“ Skip Records

Von Miriam Hasenkampf – Es ist kalt geworden im bayerischen Augsburg, dem Wohn- und Geburtsort unseres Newcomers des Monats Februar, Sandro Roy. Der Weihnachts- und Silvestertrubel ist längst vorbei. Jetzt gilt es, die guten Vorsätze auch umzusetzen: Mit dem Debüt-Album „Where I come from“ des erst 20-jährigen Violinisten kann man sich auch im Februar der Muse hingeben und sich auf die Dinge besinnen, die sonst im neuen Jahr zu schnell wieder vergessen sind. Aufgewachsen in einer Sinti Musikerfamilie beschränkt sich der „Jugend musiziert“- und Kunstförderpreisträger nicht auf eine Stilrichtung. Er ist in einem klassischen Violinkonzert von Glasunow mit Sinfonieorchester genauso zu Hause wie im Interpretieren der Jazzmusik von Miles Davis („Tune Up“) und Thad Jones („A child is born“) oder der Bossa Nova von Antônio Carlos Jobim („Triste“), wie er auf „Where I come from“, das am 30. Januar bei Skip Records erschienen ist, beweist. Darauf erhielt er bei einigen Stücken auch Unterstützung seiner Quartettbesetzung: Paulo Morello (git), Sascha Reinhardt (git) und Joel Locher (b) spielen unter anderem zusammen mit ihrem Bandleader bei der locker tänzelnden Eigenkomposition „J.L. Swing“, die gleichzeitig den Albumopener, aber auch das einzige eigene Stück des Debüts darstellt. Für zukünftige Alben wünscht man sich noch mehr eigene Stücke, um nicht nur eine Art Best Of aller Einflüsse, Inspirationsquellen und Vorbilder des Künstlers vorliegen zu haben. Die JazzZeitung hat dem wandlungsreichen Newcomer des Monats Februar zehn Fragen gestellt, um ihn näher kennen zu lernen:


 

JazzZeitung: „Where I come from“: Was bedeutet es für Dich in Augsburg aufgewachsen zu sein?

Sandro Roy: In Augsburg aufgewachsen zu sein bedeutet für mich eine Menge, viele Familienerinnerungen, einfach ein Zuhause, das immer bleiben wird. Mit dem Titel „Where I come from“ verbinde ich aber besonders meine Wurzeln als stolzer Sinto, der seine Musik durch sein Blut spiegelt und identifiziert. Ohne überheblich zu klingen, ich würde niemals auf die gleiche Weise Musik machen, wenn ich kein Sinto wäre.

JazzZeitung: Wie sehr hat Dich Deine Familie musikalisch beeinflusst?

Roy: Meinen Vorfahren und der Familie kann ich viel verdanken: es gab in der Familie Roy in jeder Generation mindestens einen Geiger wenn nicht mehrere, ich bin im Moment der zuletzt Verbliebene aus dieser Tradition. Besonders zu nennen ist mein Großonkel Joseph Roy über den ein Buch erschienen ist, der schon als junger Geiger dem berühmten Dirigenten Furtwängler vorspielen durfte und Mitglied bei den Wiener Philharmonikern war – bis zur Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Mein wohl größter Impuls durch den ich zur Musik kam, ist mein Vater, der leidenschaftlicher Jazz-Gitarrist und Liebhaber von Geigenmusik ist.

JazzZeitung: An welchen Musikern hast Du Dich orientiert, um zu Deinem Stil zwischen Gipsy Jazz, Bebop, Swing und Bossa Nova zu finden?

Roy: Ich habe als 5-Jähriger die Wes Montgomery CDs meines Vaters selbst aus dem Schrank herausgeholt und rauf und runter gehört, Django Reinhardt lief bei jeder Fahrt im Auto und die Standards von A. C. Jobim die kannte ich eh schon. So beantwortet sich die Frage ganz von selbst.

JazzZeitung: Welche Erfahrungen hast Du beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ gemacht, den Du ja 2007 gewonnen hast? Wie wichtig war für Dich die Teilnahme in deiner Kindheit und Jugend?

Roy: Ja, es war für mich so die erste Belohnung für das viele Üben – aber parallel habe ich durch das Ziel, an dem Wettbewerb teilnehmen zu wollen, auch spielerisch einen großen Schritt gemacht, da ich üben musste, ob ich gerade Lust hatte oder nicht. Es ist gerade als 13-Jähriger ein wunderschöner Moment mit einem ersten Preis ausgezeichnet zu werden.

JazzZeitung: Mit 20 Jahren bist Du der Jüngste im Kollegium der Musiklehrer an der Musikschule Wittl, an der Du seit September 2014 unterrichtest. Welche Schüler betreust Du, sind sie älter oder jünger als Du? Und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Deinen Kollegen?

Roy: Diese neue Tätigkeit führe ich während meines eigenen Studiums bei dem großen Geiger Linus Roth aus und es ist eine tolle Herausforderung. Ich betreue ganz unterschiedliche Altersgruppen, meine jüngste Schülerin ist gerade erst fünf Jahre alt geworden und mein ältester Schüler 33 Jahre, die Zusammenarbeit ist unabhängig vom Alter immer respektvoll. Ich habe das große Glück, mit meinem Duo-Partner dem Pianisten Jerome Weiss an der gleichen Musikschule zu unterrichten, wir können daher den Unterricht und die Proben für das nächste Konzert immer wunderbar verbinden, auch die Zusammenarbeit mit den anderen Kollegen ist sehr positiv.

JazzZeitung: Stehst Du lieber auf der Bühne oder im Unterrichtszimmer? Und spielst Du lieber im gemütlichen Jazzclub oder im großen Konzertsaal?

Roy: Ich mache beides sehr gerne, es ist für mich persönlich ein perfekter Ausgleich, unterrichten zu können und dann wieder auf der Bühne zu stehen, der Musikerberuf ist einfach wunderbar! Ich führe zwei Berufe in einem aus. Es ist eigentlich egal ob Jazzclub oder großer Konzertsaal, am besten gut besucht! Denn mit wenig Publikum ist es für Veranstalter und Künstler immer schwierig, aber manchmal doch die Realität. Natürlich spiele ich ein Violinkonzert von Sibelius wegen des Sounds am liebsten im Konzertsaal, aber in einem gemütlichen Jazz Club entsteht gerade bei Duo- oder Quartett-Konzerten eben diese besondere Beziehung zum Publikum und damit eine eigene Atmosphäre.

JazzZeitung: Wie gehst Du mit Leistungsdruck und Lampenfieber um?

Roy: Inzwischen denke ich gar nicht mehr nach, gehe einfach auf die Bühne und mache mein Ding. Früher als Kind hatte ich so großes Lampenfieber, dass ich kaum die Geige kaum halten konnte. Mit Leistungsdruck kann ich gut umgehen, ich versuche, den ganzen Stress heraus zu nehmen, auch wenn sich dadurch das Üben, Lernen und Arbeiten in die Nacht verlagert.

JazzZeitung: Neben Reisen nach Berlin, der CD-Debüt Präsentation in Hamburg, Auftritten, Foto- und Interviewterminen bleibt da noch Zeit für Freunde und Hobbys jenseits der Musik?

Roy: Mit guter Einteilung und Zeitplan gelingt mir das bisher, doch muss ich öfter Freunde vertrösten, wenn ein Fußballspiel im Fernsehen läuft, aber daran haben die sich schon gewöhnt und verstehen es auch. Hobbys jenseits der Musik sind bei mir sehr rar, ab und zu spiele ich mal mit Freunden Fußball oder gehe schwimmen.

JazzZeitung: Gibt es Pläne in nächster Zeit außerhalb von Deutschland zu touren oder aufzutreten?

Roy: Ja, das erste Projekt gibt es schon: ich fliege dieses Jahr zum „Django in June“ Festival nach Northampton, bei Boston, um dort 4 Tage lang, neben den Konzerten, auch als Dozent verschiedene Workshops sowohl für Violine als auch für Jazzgitarre zu leiten. Der Veranstalter hat im September angefragt ob ich gern in die USA kommen würde um bei seinem Festival aufzutreten, darüber habe ich mich sehr gefreut. Außerdem arbeiten das Label SKIP und Booking Agenturen an verschiedenen Konzerten im In- und Ausland, ab Februar geht es lo

JazzZeitung: Wo siehst Du Dich in fünf Jahren? Und in zehn?

Roy: …mal überlegen… ich sehe mich in fünf Jahren weiterhin als leidenschaftlichen Musiker, dem vertiefte Kunst und Bodenständigkeit wichtiger ist als rein kommerzieller Erfolg. Und in zehn Jahren sehe ich mich als Familienmensch mit neuen Aufgaben neben der Musik und vielleicht mit einer echten Stradivari…

Sandro Roy. Foto: David Gastager
Sandro Roy. Foto: David Gastager

 

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