Der mit den Vögeln spielt     

Die Nachtigall als Jazzstar? Frei improvisierender Klangkünstler? Melodiöser Interpret? Ganz so surreal abgehoben ist es nicht, wenn der amerikanische Jazzklarinettist und Philosoph David Rothenberg in seinem Buch von Berlin als „Stadt der Nachtigallen“ erzählt. Selbiges diente nun als Grundlage für eine Hör-CD gleichen Titels. Auf dieser sind – natürlich – Nachtigallen mit ihrem wunderbaren, vielgestaltigen Gesang zu hören, die Stimme von Schauspielerin Eva Mattes, die erzählt wie es zu der Aufnahme gekommen ist und Ausschnitte aus dem Buch liest, Rundfunksprecher Julian Mehne und Rothenberg mit seiner Klarinette. Vogelgesang hat in der Musik schon häufig eine mehr oder weniger bedeutende Rolle gespielt. Im Barock ist oft darauf Bezug genommen worden, weil Komponisten damit die strengen Kompositionsprinzipien durchbrechen konnten. In der Neuzeit war es vor allem der französische Komponist Olivier Messiaen, der Vogelrufe in einigen Werken eingearbeitet hat. Aber auch der große Posaunist Albert Mangelsdorff aus Frankfurt/Main war fasziniert von Vogelgesang und hat in seiner Musik immer wieder darauf Bezug genommen. Zwei Saxofonisten, der bereits verstorbene Paul Horn und Paul Winter, die beide als Wegbereiter der New-Age-Musik gelten, beschäftigten sich musikalisch mit Vogel- und anderen Tierstimmen und …

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New York – München: Das Progressive Chamber Music Festival 2020 als Stream

Als internationaler Brückenbauer zwischen zwei Avantgarde-Szenen präsentierte sich das Jazzfest Berlin in diesen Tagen (6.-8.11.2020). Berlin – New York war ein zweitägiger Konzertmarathon mit zwölf Projekten in sechs transatlantischen Tandems: je ein Set als Livestream aus der Betonhalle des Silent Green in Berlin und ein Set als Livestream aus dem Roulette in New York. Mehr dazu auch in der Jazzzeitung unter: https://www.jazzzeitung.de/cms/2020/10/jazzfest-berlin-2020/ Progressive Chamber Music Festival 2020 Das transatlantische Projekt aus der Hauptstadt hat gewissermaßen einen Vorläufer im Süden der Republik, im Münchener Milla Club. Seit fünf Jahren gibt es jeweils in den Monaten Oktober und November das Progressive Chamber Music Festival in New York, seit drei Jahren in Korrespondenz mit einem Ableger im Münchner Milla Club. Coronabedingt wird 2020 nur gestreamt – vom 11. November 2020 an ist das digitale Konzert online.   Initiatoren dieses genreübergreifende Festivals sind die Musiker des Sirius Quartets um den Geiger und Professor an der Münchener Musikhochschule, Gregor Hübner. Während man vom Jazzfest Berlin aus Brücken in andere Musikgenres schlägt, geht man beim Progressive Chamber Music Festival den umgekehrten Weg: Von der Kammermusik und Gegenwartsmusik hin zur improvisierten Musik. …

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Transatlantisches Miteinander beim Jazzfest: Berlin und New York rückten online ganz dicht zusammen

Nach jedem Konzert entsteht ein kurzer Moment der Leere, bei dem auch die Musikerinnen und Musiker etwas verunsichert wirken. Denn dort, wo sich nach intensivem Miterleben schließlich der Applaus entlädt ist – erst mal nichts! Auch dieser Eindruck blieb hängen nach vier virtuellen Jazzfest-Berlin-Tagen, wo – wie überall sonst auch zurzeit- das Publikum draußen bleiben muss. Trotzdem wurde nach Kräften und mit Erfolg demonstriert, wie auch in schwierigen Zeiten ein Festival zum Vorzeigeprojekt wird. Schon vor Verlegung des gesamten Jazzfests Berlin 2020 in den virtuellen Raum stand dafür eine gute Infrastruktur bereit. Sämtliche ARD-Sendeanstalten hatten online-Übertragungen und zugespielte Beiträge aus den Funkhaus-Studios von München und Köln zugesagt. Als dann der Lockdown 2.0 das Unvermeidliche eintreten ließ, verhalf die völlige physische Ortsgebundenheit vor allem den Kulturmetropolen New York und Berlin zu gemeinsamer Augenhöhe. Wo sich Gesellschaften zu spalten drohen, baut Jazz mit all seinen Randzonen die Schranken zwischen Kulturen, Nationen, und Stilistiken immer weiter ab – die zeitgleichen Tandemkonzerte zwischen Berlin und New York demonstrierten dieses Zusammenrücken vorbildhaft Weise. Fazit: Diesseits und jenseits des Atlantiks ist eine unbändige Lust vorhanden, beständig neue musikalische Welten zu erschaffen. …

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Ehrfurcht vor den kargen Mauern:  Elisabeth Coudoux “Emißatet” und Kathrin Pechlof bespielten die Titanick-Halle in Münsters Hawerkamp

Der Hawerkamp in Münster ist mit seinen Clubs, Ausstellungshallen, Ateliers und selbstorganisierten Werkstätten ein Reservat der freien Szene – mit einer verschwenderischen Fülle von Streetart und einer selbst im Ruhrgebiet noch selten so rauh und ungezähmt anzutreffenden postindustriellen Patina. Die “Titanick-Halle”bemeitet normalerweise das gleichnamige spektakuläre Straßentheater. Und wo sich zu vieles im Moment im Dornröschenschlaf mit ungewissem Ausgang befindet, wirkte ein Live-Event mit den frei improvisierenden Musikern von Elisabath Coudoux „Emißatet“ umso erfrischender. Elisabeth Coudoux vereint in „ihrem“ Ensemble viele kreative Potenziale aus der Kölner Szene. Die Cellistin, Bandleaderin und Improvisatorin befreite sich schon vor vielen Jahren von den Konventionen und Konnotationen der klassischen Musiksozialisation. Vor allem Frank Gratkowski, bei dem sie studierte, hat ihr den Weg in die künstlerische Freiheit eröffnet. Aus dem Moment heraus agieren, auf Augenhöhe kommunizieren, sensibel interagieren und damit Grenzen aufheben, etwa zwischen “Musik” und Geräusch, zwischen Klang und Raum – darum geht es in der Titanick-Halle an diesem Abend. Letztere ist groß und karg. Die “Antworten” auf  Cello, Harfe, Posaune, präparierter Snaredrum, Kontrabass und Synthesizer fallen bevorzugt leise und zerbrechlich aus. Ob da eine gewisse Ehrfurcht vor diesen Mauern, …

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news+++BMW Welt Jazz Award Finale auf Anfang 2021 verschoben+++

München. Nach den spannenden Konzerten des diesjährigen BMW Welt Jazz Award im Doppelkegel der BMW Welt hat die Jury jetzt die Finalisten bekannt gegeben: Adam Bałdych Quartet und Peter Gall Quintet. Mit dem diesjährigen Motto „The Melody at Night“ besann sich der BMW Welt Jazz Award auf die Wurzeln des Jazz: So fanden die kostenfreien Konzerte erstmals als Abendveranstaltungen statt, moderiert von Hannah Weiss, Gewinnerin des BMW Welt Young Artist Jazz Award 2019. Mit Blick auf die aktuellen Ereignisse, die damit verbundenen Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus und aus Verantwortung gegenüber den Künstlern, Gästen und Mitarbeitern haben die BMW Group und die BMW Welt sich schweren Herzens dazu entschlossen, das Finale auf Anfang 2021 zu verschieben. Bereits das sechste Auswahlkonzert mit dem Giovanni Guidi Quintet musste aus dem gleichen Grund abgesagt werden. Der neue Termin für das Finale des BMW Welt Jazz Award wird auf www.bmw-welt.com/jazzaward und im BMW PressClub bekanntgegeben. Dann werden die beiden Finalisten ihre Interpretationen des Mottos „The Melody at Night“ im Auditorium der BMW Welt präsentieren. Das Sieger-Ensemble wird mit einem Preisgeld von 10.000 Euro und einer von BMW Design entworfenen …

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Wer streamt denn da?

Das Internet als Ausweich-Spielstätte Momentan sind Konzertbesuche unmöglich und alle warten ab, wie sich die Situation entwickelt. Dennoch versuchen Künstler ihre Hörer zu erreichen: per Stream. Die Redaktion hat für Sie einige aktuelle Informationen bezüglich Streamingmöglichkeiten und Angeboten von Bands zusammengestellt. +++Die Saxophonistin Nicole Johänntgen (unser Beitragsbild) wird am Samstag den 4.4. ab 22.05 Uhr beim NDR mit einem Mitschnitt ihres Henry-Konzerts im Schloss Agathenburg zu hören sein. Des Weiteren plant sie in den nächsten Wochen und Monaten weitere Online-Konzerte zu geben. Künstlerwebsite: http://www.nicolejohaenntgen.com/ +++Der Klarinettist David Krakauer hat seit 29.3 einen wöchentlich stattfindenden Live-Stream gestartet. Außerdem werden auf Krakauers Youtube– und Facebook-Seiten kleine Clips und Videos veröffentlicht und weitere Formen des Streamens werden bald auch in Angriff genommen. Übertragungen auch unter: https://www.facebook.com/events/216214289596613/ +++Der Klavier Salon München veranstaltet in den nächsten 14 Tagen einige Live-Streams, in denen verschiedene Pianistinnen und Pianisten für die in letzter Zeit angewachsene Internet-Community spielen werden. Der erste Stream fand am 26.3 auf YouTube und Instagram statt. Weiter Informationen zu diesen täglichen Übertragungen unter https://klavier.salon/the-piano-hour-live-piano-music-in-times-of-the-coronavirus/ +++Das Montreux Jazzfestival hat in der Corona-Krise ein Angebot erstellt: Die Veranstalter haben sich mit einem …

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Tag der Musik. Till Brönner spielt für Wolfgang Schäuble. Foto: Hufner

Mit alter Münz‘ bin ich Dein Prinz, oder: Da House of Stress in Berlin

Ein Zentrum für die freie Musikszene, ein Haus für die Musik des 21. Jahrhunderts sollte diese Immobilie in Berlin werden. Im Moment produziert sie, die „Alte Münze“, allerdings Unbehagen, Unglück bei Vielen und dürfte sich nur scheinbar für Wenige jetzt als Glücksfall für den Jazz in Berlin, Deutschland und der Welt herausstellen. Hochtrabende Konzeptideen Wenn drei sich streiten, verlieren sie alle. So geschehen in Berlin. Zur Debatte stand die Nutzung eines Gebäude-Areals im Herzen der Stadt: Die Alte Münze. Jetzt soll in diesem aufwändig bis 2026 zu sanierenden Komplex das „House Of Jazz“ seine Bleibe finden, so hat es der Kultursenat(or) Klaus Lederer entschieden. Ausgedacht hatten sich die Jazzidee einmal Till Brönner und Tim Renner. Weiter verfolgt wurde es jetzt von der IG Jazz und der Deutschen Jazzunion (pdf). Deren Vorsitzender, Nikolaus Neuser freut sich „jetzt darauf, gemeinsam mit Bund und Land dieses innovative Zentrum für Musik zu entwickeln und dabei einen spannenden, offenen und diskursiven Jazz-Begriff zu leben.“ Alles prima, oder? Nö, gar nicht prima sagt da die Initiative Neue Musik Berlin (inm berlin), die letztes Jahr ein Konzept zur Nutzung des Areals unter …

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Wir müssen draußen bleiben. Jazz ohne Echo. Foto: Hufner

Jazzszene begrüßt Entscheidung für Ankerinstitution des Jazz in Berlin

Pressemitteilung der Deutschen Jazzunion: In Alter Münze Berlin soll  Zentrum für Jazz und improvisierte Musik entstehen +++ Grundlage von Deutscher Jazzunion, IG Jazz Berlin und Till Brönner entwickelt +++ Neuser: „Starkes Signal für Bedeutung von Jazz in und aus Deutschland!“ Vertreter*innen der deutschen Jazzszene begrüßen die Ankündigung des Berliner Senats, in der Alten Münze Berlin ein einzigartiges Zentrum für Jazz und improvisierte Musik mit bundesweiter und internationaler Strahlkraft entstehen zu lassen. Grundlage war ein gemeinsames Konzept, das die Deutsche Jazzunion, die IG Jazz Berlin und Till Brönner unter Beteiligung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) nach einem intensiven mehrjährigen partizipativen Diskurs entwickelt hatten. Nikolaus Neuser, Vorsitzender der Deutschen Jazzunion: „Diese Entscheidung ist ein starkes Signal für Jazz in und aus Deutschland und seine große Bedeutung für unsere heutige Kultur und Gesellschaft. Als Institution kann ein solches Haus ein richtungsweisender Ort der Kollaboration, Produktion und Präsentation sein, der Impulse setzt und der wichtige Bildungs- und Vermittlungsarbeit leistet, ein Ort, in dem auch die Schnittmengen zu anderen Formen aktueller Musik zur Geltung kommen. Wir freuen uns jetzt darauf, gemeinsam mit Bund und Land dieses …

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Der weite Raum der Sängerin Barbara Barth

Von Dietrich Schlegel. Für die Jazzsängerin Barbara Barth ist bezeichnend, dass auf sie dieser Begriff zu eng gefasst ist, denn sie besticht durch eine ungewöhnliche Bandbreite ihrer stimmlichen Präsenz. Folgerichtig zieht sie als Berufsbezeichnung auch „Stimme“ / „Voice“ vor. Die in Köln lebende Saarländerin bewegt sich bewusst zwischen den Polen swingender Standards und mit Elektronik experimentierender Avantgarde. In diesem weiten Spielraum bringt sie Erstaunliches an Klängen, Lauten, Geräuschen hervor, mit einer Stimme, die glasklar in den Höhen und voller Wärme in den tieferen Lagen klingt. Sie kann scatten like hell, fauchen, kreischen, flüstern, hauchen und auch wunderschön alte Songs singen, ein bestechender Reichtum an Facetten und Nuancen, dokumentiert auf bereits vier Alben. Eines nennt sie selbstbewusst „This is… Barbara Barth“. Zugleich bleibt sie selbstkritisch und bekennt „I’m still on my way…“ Von der Klassik zum Jazz Ihr Weg führte Barbara Barth, die 1983 in dem kleinen Dorf Braunshausen bei St. Wendel im Saarland geboren wurde, erst nach einem längeren Vorlauf zum Jazz. Gern gesungen hat sie schon als Kind und als Schülerin, sang in verschiedenen Chören, nahm dann an der Kreismusikschule in St. Wendel auch …

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Flügelhorn und Zeichentisch: Zum Tod von Herbert Joos

Er war ein kompromissloser Künstler, einer der sagte: „ Zuerst kommt das, was ich machen möchte, unabhängig davon, ob es jetzt gerade ‚in‘ oder ‚out‘ ist.  Dann erst kommt das Geldverdienen.“ Dieser Maxime blieb er treu und von daher war sein Künstlerleben immer ein Tanz auf der Rasierklinge. Durch den immensen Erfolg des Vienna Art Orchestra wurde der Flügelhornist und Trompeter Herbert Joos zu Beginn der 80er-Jahre endlich einem breiteren Publikum zum Begriff. Da stand er schon zwei Jahrzehnte auf der Bühne. Seit Mitte der 1960er Jahre gehörte er zum Modern Jazz Quintet Karlsruhe, aus der dann die Gruppe Four men only (mit Wilfried Eichhorn und Rudolf Theilmann) entstand. Anschließend war er Mitglied in verschiedenen Modern- und Freejazz-Formationen (u. a. mit Bernd Konrad, Hans Koller und Adelhard Roidinger bzw. Jürgen Wuchner). Er spielte auf dem Free Jazz Meeting Baden-Baden bei einem Flügelhorn-Workshop mit  Kenny Wheeler, Ian Carr, Harry Beckett und Ack van Rooyen. Außerdem leitete er sein eigenes Bläsertrio, Quartett und Orchester. Aus den über 50 Alben, die er unter eigenem Namen herausbrachte oder auf denen er als Sideman zu hören ist, ragt die Soloplatte …

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