Nordlichter in Südtirol – ein Festival für Entdecker

Grob gesagt gibt es zwei Typen von Jazzhörern: Die einen wollen das hören, was sie schon immer gehört haben. Im Extremfall reisen sie ihren Idolen von Konzert zu Konzert, von Stadt zu Stadt nach. Besonders beliebt sind Klavier-Ikonen wie Keith Jarrett, Brad Mehldau, Herbie Hancock oder Jamie Cullum. Aber auch Saxophonisten wie Charles Lloyd oder Gitarristen wie Pat Metheny haben großes Verehrungspotenzial. Die Fans dieser Künstler leben in der Musikwelt ihrer Hausgötter und legen Wert auf den rituellen Vollzug ihrer Jazz-Andachten.


Der zweite Typus des Jazzhörers will immer Neues. „Kinder, schafft Neues“ fordern sie von den Musikern und suchen es live, online oder auf Tonträger. Neue Gesichter entdecken sie dabei regelmäßig beim Jazzfestival Südtirol Alto Adige. So auch wieder dieses Jahr: Das schwedische Rotkehlchen Anni Elif Egecioglu gastierte in Meran mit ihrem Jazz-Dance-symphonischen Trio  „Elifantree“ im Rahmen eines Kurkonzerts, mit ihrem experimentellen Quartett „Edith“ in Oberbozen und (noch ein paar hundert Meter höher über dem Meeresspiegel auf der Berghütte Lavarella in St. Vigil in Enneberg) im Trio mit Schlagzeugerin Amanda Blomqvist und Trompeter Verneri Phjola – beide aus Finnland. Elif Egecioglu war eine der skandinavischen Stimmen, die dem Festival Motto „Exploring the North 2018“ ein Gesicht gab.

Ein weiteres Nordlicht war die norwegische Familie Haug, bestehend aus der Sopranistin Camilla Susann Haug und ihrem Mann, Lars Andreas, seines Zeichens exorbitanter Tubist, Saxophonist, Spieler eines unkonventionellen Blasinstrumentes namens Tubmarine aus der Werkstatt eines Klempners sowie begnadeter Improvisator und Bandleader.

Trompeter Matthias Schriefl hatte den universalen Musiker Festivalchef Klaus Widmann empfohlen – wie sich in der Musizierpraxis zeigte zurecht. Egal ob in alpiner Höhe auf der Feltuner Hütte – etwa mit dem Bariton-Virtuosen Steffen Schorn und weiteren kongenialen Mitspielern – oder auch im intimen Duo mit seiner Frau Camilla Susann, die durch  ein breites Repertoire an Gesangsstilen überzeugte: Barockmusik und Popballaden bis hin zu virtuosen Scateinlagen, die sich unisono oder mehrstimmig mit Trompete oder Saxophon mischten.

Haugs Highlight war das spontan zusammengestellt Trio mit Matthias Schriefl um den dänischen Schlagzeug-Clown Kalle Mathiesen. Die Ingredienzien ihres Auftritts waren Ideenreichtum ohne Ende, Alphorn, Trompeten, Schlagbohrer und Flex, tiefes und hohes Blech, Gesangseinlagen und launige Anmoderationen. Drei Virtuosen zeigten im Bozener futuristischen Techno-Park ganz ohne „KI“, was Jazz sein kann, wenn er glückt: nämlich inspirierte Improvisation, kollektive Klangrede, neueste Musik und  Unterhaltung mit Esprit. Tipp der JazzZeitung: Diesen Dreien nachzureisen, lohnt sich immer.

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