Klaus Widmann zur neuen Ausgabe des Südtirol Jazzfestival Alto Adige

Das Südtirol Jazzfestival Alto Adige steht vor der Tür. Vom 30. Juni bis 9. Juli erklingt nicht nur Bozen, sondern die gesamte Region zwischen 262 und 2.000 Meter über dem Meerespiegel. Andreas Kolb sprach mit dem künstlerischen Leiter Klaus Widmann über die Musiker, die Spielorte und die Eigenproduktionen der Ausgabe 2017.


Festivalchef Klaus Widmann im TV-Interview 2016. Foto: Ralf Dombrowski

JazzZeitung: Im Programm steht: „Mainstream und Konzertsäle sind beim Südtirol Jazzfestival Alto Adige vom Aussterben bedroht.“ Sind die Musiker glücklich mit den wunderbaren, aber manchmal schwer zu bespielenden Spielorten und Naturbühnen?

Widmann: Natürlich ist es ein tolles Gefühl für Künstler und Veranstalter, einen riesigen Saal gefüllt zu haben. Aber bei der Art von Musik, wie wir sie machen, ist das nicht so leicht möglich, weil wir ganz bewusst auf große Namen und Stars verzichten. An vielen Spielorten bewegen wir uns zwischen 50 und 100 Besuchern. Im Italienischen gibt es ein Sprichwort, das heißt: „Pochi ma buoni“ „Lieber weniger und dafür Gute“. In den letzten Jahren haben wir gesehen, dass wir ein Publikum haben, das von vornherein weiß, worauf es sich einlässt. Das können dann auch mal weniger Leute sein, aber die wenigen sind dann aufmerksam, interessiert und verfolgen das Geschehen und so ist auch die Atmosphäre bei diesen Konzerten gut. Das schätzen die Musiker. Andererseits haben wir auch Konzerte, bei denen der Publikumszustrom groß ist: Wir haben am Waltherplatz bis zu 1.000 Zuschauer, die dann nicht nur alle wegen des Konzerts kommen, aber auch mit der Musik konfrontiert werden.

JazzZeitung: Das Südtirol Festival ist berühmt für seine originellen Veranstaltungsorte von der Berghütte, übers Labyrinth im Weinberg, bis hin zu Industrieanlagen oder zerklüfteten Felsmassiven wie am Langkofel: Im Programm 2017 finden sich viele neue Veranstaltungsorte. Warum?

Klaus Widmann: Es kommen aber stets mehr neue Spielorte und Sponsoren dazu, als alte wegfallen. Es sollen vor allem die neuen Partner mit ihren Bühnen zum Zug kommen, die vielversprechend sind. Die Interessenten müssen wissen, dass das keine Wunschkonzert-Veranstaltung ist, sondern dass wir Musik mit hohem Anspruch präsentieren. Man muss also aufgeschlossen sein, braucht eine bestimmte Risikofreude, gerade auch auch in einem Ambiente, das nicht unbedingt für zeitgenössische Kultur steht. Entscheidend ist es, dass die Partner unser Produkt gut verstehen. Erst dann bauen wir es ins Festival ein.

JazzZeitung: Welche Spezialprojekte – also Eigengewächse – gibt es in der Festivalausgabe 2017?

Widmann: Es sind deutlich über zehn Spezialprojekte: Das fängt schon mit dem Eröffnungskonzert an, einem Projekt, das fürs North Sea Jazz Festival entstanden ist, und von uns neu adaptiert wurde, mit drei zusätzlichen Celli und einem Part, welcher Prinzessin Dolasilla, eine mythologische Figur der Dolomitensagen, einbaut, das Libretto dazu wird auf Ladinisch verfasst. Das Projekt heißt: „Reinier Baas vs. Princess Discombobulatrix XL – A mostly instrumental opera – with artwork by Typex“. Dann geht es weiter mit dem Konzert im Filmclub, wo wir traditionell Konzerte machen, die zu einem Film passen bzw. den Film vertonen. In diesem Fall ist es Gustav Deutschs „Film Ist“. Dafür hat sich extra für uns ein Trio zusammengefunden mit dem argentinisch-stämmigen Pianisten Nicolas Chientaroli, dem Drummer Onno Govaert, der zur Impro-Szene der jungen holländischen Musiker gehört, und dem Saxophonisten Edoardo Marraffa, einem Freejazzer aus Italien. Ein anderes Projekt ist das BeNeLux-Trio mit dem Vibraphonisten Pascal Schumacher (Belgien), dem Gitarristen Reinier Baas (Niederlande) und dem Saxophonisten Joachim Badenhorst (Belgien).

JazzZeitung: …und das ist noch nicht alles an Eigenproduktion…

Widmann: Im Januar eröffnete das Südtirol Jazzfestival die neue EUREGIO Jazzwerkstatt in Kooperation mit der Jazzwerkstatt Bern sowie der Jazzwerkstatt Graz. Diese Plattform will Musikern und Musikerinnen zwischen 20 und 35 aus Südtirol, Tirol und dem Trentino die Gelegenheit geben, mit erfahrenen Gästen aus dem In- und Ausland innovative Projekte zu entwickeln und sich erstmals auch international zu positionieren. Damit entspricht der Workshop sowohl der experimentellen Ausrichtung wie auch der geographischen Ausdehnung des Südtirol Jazzfestivals: So haben viele Konzerte und Exklusivprojekte Werkstattcharakter, etwa wenn das Festival Kompositionsaufträge vergibt oder ganz neue Formationen zusammengestellt werden. Wie der neue EUREGIO-Sound klingt? In Lusern, Seis und Sarnthein werden die Ergebnisse dieser Werkstattarbeit vorgestellt.

Aber auch bereits etablierte Südtiroler Musiker kommen zum Einsatz, so spielt das Sweet Alps Jazz Orchestra die Uraufführung: „Heroes: wenn die Soldaten marschieren“. Das ist eine von Michael Lösch komponierte Suite mit Paraphrasen von Soldatenliedern Gustav Mahlers für das Sweet Alps Jazz Orchestra. „Revelge“, „Wo die schönen Trompeten blasen“, „Der Tambourg’seil“ und „Schildwaches Nachtlied“ werden dabei neu bearbeitet. Musikerinnen und Musiker aus Ländern, die sich im Ersten Weltkrieg bekämpften, spielen hier zusammen. Der geographische Raum, aus dem die Bandmitglieder stammen, reicht vom Allgäu bis nach Apulien – darunter ist auch ein Festival-Stammgast, der nicht fehlen darf: der Trompeter Michael Schriefl. Artist in Residence ist 2017 der belgische Vibraphonist Reinier Baas mit zehn Auftritten während des Festivals.

JazzZeitung: Welche Kooperationen sind für2017 in Vorbereitung?

Widmann: Seit Jahren gibt es eine feste Zusammenarbeit mit Münchener Künstlern und Institutionen, die junge Musiker nach Bozen bringen. Etwa das Münchener Kulturreferat, die dortige Musikhochschule oder diverse Münchner Nachwuchswettbewerbe wie der Kurt Maas Preis und der Junge Münchner Jazzpreis. Zu nennen wäre hier das Leo Betzl Trio „LBT“ – oder das Münchner Musikerkollektiv Jazzrausch, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, bisher unberührte Publikumskreise und Spielstätten für Jazz und kreative Musik zu begeistern. Im März 2014 wurde dieses Jazzorchester als Hausband der Konzertreihe „Jazzrausch“ im Münchner Nachtclub „Rausch & Töchter“ gegründet. Als Resident-Bigband des weltberühmten Technoclubs „Harry Klein“ und des traditionsreichen Indieclubs „Cord“ umfasst der Spielplan der Band über 70 Konzerte im Jahr. Ein Bestandteil des Kollektivs ist die Jazzrausch Marchingband, die in Südtirol, über Straßen und Plätze „marschieren“ wird. Jazzrausch befeuert den impulsiven Sound elektronischer Clubmusik mit der kreativen Tiefe komplexer Jazzkompositionen und das immer tanzbar und immer überraschend.

JazzZeitung: Auch aus München kommt die brasilianisch-stämmige Komponistin Verena Marisa mit ihrem experimentellen Projekt  CLAENG. Verena Maris, das ist jung frech und schräg – das Südtirol Jazzfest ehrt aber auch einen Grandseigneur des freien Jazz wie den niederländischen Schlagzeuger Han Bennink.

Widmann: Ja, wir machen einen Abend rund um den Altmeister Han Bennink, der in Südtirol mit Vertretern der jungen Szene aus den BeNeLux-Staaten auftritt. Dabei werden die Besetzungen auf der Bühne mehrfach wechseln. Han Bennink hat Jazzgeschichte erlebt und gestaltet: 1964 spielte er auf Eric Dolphys legendärem Album „Last Date“ mit und gründete 1967 mit Misha Mengelberg und Willem Breuker das Label Instant Composers Pool.

JazzZeitung: Wo bleibt die Italianità?

Widmann: In seinem Sextett XL kombiniert der italienische Gitarrist Francesco Diodati Musiker unterschiedlichster Stilrichtungen: Tubist Glauco Benedetti gehört seinem Ensemble „Yellow Squeeds“ an. Den französischen Schlagzeuger und Kolumnist („Jazzman“) Guilhem Flouzat bezeichnete der US-amerikanische Perkussionist Dan Weiss als „einen der talentiertesten jungen Drummer, denen ich jemals begegnet bin“. Der in Salzburg geborene Pianist Elias Stemeseder und der niederländische Klarinettist Joris Roelofs verklammern die beiden Länderschwerpunkte Österreich-Italien (2016) und BeNeLux. Posaunist Filippo Vignato legte 2016 sein Debüt-Album „Plastic Breath“ vor und wurde deshalb vom italienischen Fachmagazin „Musica Jazz“ zum „Talent des Jahres“ gewählt. Eine sehr interessante Truppe also, die in Südtirol – zum ersten Mal überhaupt – zusammenspielt.

Für Südtirol hat Diodati außerdem sein Quintett „Yellow Squeeds“ durch Gastmusiker ergänzt: Im Semirurali-Park sind das Filippo Vignato und der 28jährige niederländische Saxophonist Ben van Gelder, der spätestens seit seinen CD-Einspielungen „Frame of Reference“ (2011) und „Reprise“ (2013) – als Komponist und Instrumentalist – zu den wichtigen neuen Stimmen in der New Yorker Szene gehört.

JazzZeitung: Jazzmusik auf der Bozener Messe: das Konzept geht ins zweite Jahr?

Widmann: Das Networking Foyer des MEC Meeting & Event Center in der Messe Bozen verwandelt sich in eine experimentelle Musikwerkstatt. Dabei werden Bands und Solisten, über Genre- und Ländergrenzen hinweg, kreuz und quer „durchmischt“. „Neues Hören“ findet an diesem Abend auf zwei Bühnen statt, wobei die Akteure ihre jeweiligen Partner selbst aussuchen. Mit dabei sind in diesem Jahr Joris Roelofs (bcl), Francesco Diodati (g), Filippo Vignato (tb), Reinier Baas (g), Valentin Ceccaldi (clo), Sylvain Darrifourcq (dr), Manuel Hermia (sax), Laura Perrudin (harp), Joachim Badenhorst (cl), Pascal Niggenkemper (db), Ben van Gelder (sax) und Eirikur Orri Olafsson (tr). Auf diese Jazz-Werkstatt folgen zwei attraktive Konzerte: Das Quartett Warped Dreamer stellt sich im MEC vor und die junge Band Clod! tritt im nahe gelegenen Hotel Four Points by Sheraton mit einer tanzbaren Fusion von Jazz- und Rockelementen auf.

JazzZeitung: Kulturaustausch und Begegnung – darauf ist von Künstlerseite her seit Jahren der Fokus des Festivals ausgerichtet. Wie sieht es mit dem Publikum aus?

Widmann: Das Festival als Ort der interkulturellen Begegnung findet Anerkennung bei Musikern und Fachleuten. Kulturaustausch findet aber auch beim Publikum statt. Wie genau, das untersuchen wir gerade mit Hilfe einer Studie der Tourismusfakultät der Universität München.

Dort wird der Frage nachgegangen, wie das Festival aktuell lokal, regional und international wahrgenommen wird, wie sich das aktuelle Bild Südtirols aus der Sicht potentieller Gäste gestaltet, wie das Festival neues Publikum nach Südtirol bringen kann, welche möglichen neuen Produktentwicklungen zu noch größerem Interesse und besserer Sichtbarkeit führen kann.

Gemeinsam mit ihrem Dozenten und Kommunikationsexperten Willy Ratzinger waren 13 Studentinnen und Studenten des Studiengangs „Bachelor of Arts in Tourism Management“ in der Zeit vom 20. April bis 22. April 2017 zu Besuch in Südtirol. Auf dem Programm der zweitägigen Studienreise der jungen Leute standen neben einem Konzert der Euregio Jazzwerkstatt im Batzenhäusl Besichtigungen von Veranstaltungsorten, wichtige Begegnungen und Gespräche mit regionalen Schlüsselfiguren und Experten.

JazzZeitung: Vorschusslorbeeren auf die Festival-Ausgabe 2017 wären zu früh, aber ein Fazit kann man jetzt schon ziehen: Nach Südtirol geht man nicht nur wegen klingender Namen, sondern weil man neugierig auf das Neue, auf das Unbekannte ist.

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