(Von Oliver Hochkeppel) Wer einmal in einem Konzert von Abdullah Ibrahim war, weiß um die besondere Stimmung, die dort immer herrschte. Eine ganz eigene Art der Ergriffenheit, ein spirituelles Beben durchzog die Säle. Was da passierte, hat Ibrahim einmal selbst sehr schön beschrieben, aus der Musikersicht: „Das Universum fließt dann durch einen. Tiere spüren lange vorher, dass ein Erdbeben kommt. Wir haben diese Gabe längst verloren, aber die Musik gibt sie uns hin und wieder zurück.“
Ibrahim gehörte nie zu den großen Virtuosen unter den Jazzpianisten. Er schuf seine Magie mit anderen, ganz einfachen Mitteln. Ein typisches Beispiel dafür ist das Stück „Maraba Blue“. Ganz leise, langsam, aus dem Nichts kommend spielt das Klavier ein paar Töne, die einen Rhythmus vorgeben. Ebenso sacht legt sich dann eine einfache Melodie darüber – auch nur mit ein paar Akkorden, die dann umspielt werden. Wie bei den meisten seiner Stücke mischt sich eine leise Melancholie mit einer warmen, optimistischen Grundstimmung. Das ist es, was seine Musik so berührend machte.
Zwischen Perkussion, Kapstadt und Schweiz
Vereinten haben sich darin die kulturellen Erfahrungen wie die musikalischen Welten, in denen Ibrahim lebte: Die kollektive Rhythmik der archaischen südafrikanischen Perkussion; die bunten, pulsierenden Einflüsse der Hafenstadt und Metropole Kapstadt; die Freiheit des amerikanischen Jazz; spurenweise vielleicht sogar die alpine Volksmusik, wie er sie erst in der Schweiz, und am Schluss in seiner letzten Wahlheimat, dem Chiemgau, kennenlernte. Über 70 Alben zeugen von seiner Kunst.
Das Ergebnis dieser Melange war nie komplex oder kompliziert, sondern immer ganz minimalistisch und zugänglich. Die typischen repetitiven, in afrikanischen Farben schwelgenden Melodien lösten sich meist nur kurz auf in chromatische Phrasen, in ein Wechselspiel zwischen Akkord-Einsprengseln und Läufen, in sparsame Zitate seines Mentors Duke Ellington oder Coltrane-Motive, angereichert mit heimischer Kwela-Rhythmik, Blues-Skalen oder aufmüpfigen Bop-Phrasen – eine eigene Geschichte des Jazz.
Adolph Johannes Brand
Eine, die man nicht von seiner Person trennen kann. Als Adolph Johannes Brand wuchs er in einer der ärmsten schwarzen Townships auf, sein Vater wurde ebenso wie einige seiner Freunde ermordet. Sein Zufluchtsort war die „American Methodist Episcopal Church“, wo seine Großmutter Klavier spielte und seine Mutter Chorleiterin war. Bereits mit 15 wurde er Berufsmusiker, unter anderem gründete er mit Hugh Masekela nach dem Vorbild von Art Blakeys „Jazz Messengers“ die „Jazz Epistles“, die auch die erste Jazz-LP von schwarzen südafrikanischen Musikern aufnahmen. Mit Masekela und vielen anderen verließ er seine Heimat, als dessen Rassistenregime Anfang der Sechzigerjahre auch den Jazz ins Visier nahm.
Brand ging zunächst in die Schweiz. Bei einem Konzert im „Africana Club“ in Zürich, einer Art Studenten-Café entdeckte ihn 1963 Duke Ellington, der zuvor im Kongresshaus gespielt hatte. Der Duke war sofort begeistert und wurde sein Mentor. Er holte ihn in die USA, vermittelte ihm die erste US-Schallplattenaufnahme und gab sogar seinen Namen dafür her: „Duke Ellington presents the Dollar Brand Trio“. Dollar Brand nannte sich der südafrikanische Novize nun, bis er 1968 – wie viele andere im Zuge der Bürgerrechtsbewegung, angefangen mit Muhammed Ali – zum Islam konvertierte und zu Abdullah Ibrahim wurde.
Kulturelle Freiheitskämpfer
Ibrahim verstand sein Exil nicht als Emigration: „Wir gehen eigentlich nicht weg,“ sagte er 1984 über den Wegzug aus Südafrika. „Wir betrachten uns als kulturelle Freiheitskämpfer. Und wenn unsere jungen Leute ins Ausland gehen, sagen wir nicht, dass sie weggegangen sind – es ist ein taktischer Rückzug.“ Er blieb seiner Heimat nicht nur immer verbunden, er wurde auch einer der wichtigsten Repräsentanten eines besseren Südafrika.
So wurde seine Komposition „Mannenberg“ schon in den Siebzigerjahren zur Anti-Apartheid-Hymne. In Maputo gab er 1982 „Freiheitskonzerte“ zum Gedenken an die durch ein Bombenattentat getötete Sozialwissenschaftlerin Ruth First. 1994 spielte er bei der Amtseinführung von Nelson Mandela. Und noch in hohem Alter gelangen ihm Meilensteine wie die „African Suite“ oder sein Klavierzyklus „African Songs“.
Solotude
Sein letztes, 2024 veröffentlichtes Album „Solotude“ entstand freilich während der Corona-Zeit im Festsaal des Gasthauses Hirzinger nahe seines letzten Wohnorts Aschau im Chiemgau. Dorthin hatte ihn 2013 die Liebe verschlagen. Zu seiner Lebensgefährtin, der Kinderorthopädin Marina Umari, aber auch zur Landschaft mit den von ihm so geliebten Bergen. „In jedem Berg steckt das Prinzip des Universums. Ich bin mit den Bergen aufgewachsen. Und die Berge hier sind jetzt meine Heimat“, sagte er.
An seinen Geburtstagen spielte er stets im Gasthaus Hirzinger, und selbst in seinem hohen Alter ging er noch hin und wieder auf Tour. Ende Juli hätte er das „Jazz Sommer“-Festival im Bayerischen Hof in München eröffnen sollen. Dazu ist es nicht mehr gekommen, der Auftritt beim Jazzfestival in Kapstadt im März wurde sein letzter. Am Montag, dem 15. Juni ist Abdullah Ibrahim nach kurzer Krankheit 91-jährig gestorben. „Friedlich, mit Südafrika und seinen Menschen in seinem Herzen. Die Liebe zu seinem Land blieb stets unerschütterlich, ganz gleich, wo auf der Welt er sich gerade befand,“ schreibt Umari in ihrer Todesnachricht.
Text: Oliver Hochkeppel
Beitragsbild: Susanne van Loon, 2017 in Stuttgart