Da hatte es das Wetter mal gut mit dem Jazzweekend gemeint: Bei angenehmen Temperaturen füllte sich die Piazza im Gewerbepark zum traditionellen Auftakt schnell mit Publikum, die Stimmung war entspannt, das Bier schmeckte. Leicht unterspannt war allerdings das, was zum Einstieg in den dreiteiligen Abend von der Bühne tönte: Triorange aus München ließ es schon sehr locker angehen mit seiner Mischung aus Swing, Dixie und Bossa. Bei den Gesangseinlagen von Trompeter Mark Johnson und Posaunistin Marion Dimbath war wenig Zug dahinter, und so plätscherten alberne Liebenswürdigkeiten wie „Chewing Gum“ doch ein wenig vor sich hin.

Die Trio-Stammbesetzung – neben Dimbath mit Alex Czinke an der Gitarre und Robert Klinger am Kontrabass – war für diesen Auftritt zum Quintett um Trompete und Schlagzeug (Wolfgang Kotsowilis) erweitert worden. Das Energielevel steigerte das nur bedingt, schön waren allerdings die zweistimmigen Passagen von Trompete und Posaune. Marion Dimbath wird als „Jazz-in-Residence“-Künstlerin im Laufe des Weekends noch in weiteren Formationen zu hören sein, am Samstag zum Beispiel im Trio Elsa va dor mit Klarinettistin Janine Schrader und Cellistin Anna Rehker – womöglich die spannendere Konstellation.

Stolz konnte Emiliano Sampaio anschließend Überpünktlichkeit konstatieren („wie das in Deutschland sein soll“) und legte mit seiner Big Band einfach einen Frühstart hin. Big Band? Pardon: Jazz Orchestra nennt er seine Formation und das ist naheliegend, denn der in Graz wirkende brasilianische Bandleader und Komponist hat sich intensiv mit der großen Besetzung beschäftigt und sogar seine Doktorarbeit über hierarchische Strukturen innerhalb und zwischen Orchestern im klassischen und im Jazzkontext geschrieben.

Das klingt ein wenig verkopft, bei aller Finesse der Instrumentierung seiner Musik kommt aber auch der Latin-beeinflusste Spaß- und Groove-Faktor nicht zu kurz, für den unter anderem sein langjähriger Drummer LuÃs Oliveira verantwortlich ist. Das Ensemble-Spiel ist exquisit, knackige Soli steuern unter anderem Robert Unterköfler und – als einzige Frau – Kira Linn an Tenor- bzw. Baritonsax bei. Keine gute Idee war es allerdings, die Hommage an Mascha Kaléko mit ins Programm zu nehmen. Die Originalaufnahme des wunderbaren, von der Dichterin selbst rezitierten „Interviews mit mir selbst“ verlor sich ebenso in der Weite des Platzes wie die subtilen Umspielungen von Flöte und Klarinetten. Besser zum Anlass passte die Zugabe „São Paulo“ – Sampaios Verbeugung vor seiner Heimatstadt, die er köstlich lapidar charakterisierte: „20 Millionen Menschen, 10 Millionen Autos – das schönste Leben!“
Das bewährte Steigerungsprinzip des Auftaktabends erfüllte schließlich Myra Maud mit Leben. Als mit allen Show-Wassern gewaschene Profi-Entertainerin hatte die in Hamburg lebende Pariserin mit Wurzeln in Madagaskar und Martinique ihr Publikum vom ersten Ton an um den Finger gewickelt. „I wish I knew how it would feel to be free“: Mit diesem ikonischen Song startete sie in ihr Programm, mit dem sie sich vor der legendären Nina Simone verbeugt. Dabei macht sie nicht den Fehler, vokale Eigenheiten der mit hypnotischer Vokalpräsenz gesegneten Sängerin zu imitieren. Myra Maud hat ihre ganz eigene, in allen Lagen und dynamischen Schattierungen souverän geführte Stimme. Damit kann sie Swingendes („Love me or leave me“) wie Souliges („I put a spell on you“, „Don’t let me be misunderstood“) gleichermaßen glaubhaft und mitreißend abliefern.

Ihre Band unterstützte das gekonnt: Einspringer Nico Bauckholt am Bass, Leon Saleh am Schlagzeug und vor allem der hart swingende Lutz Krajenski am Klavier, der mit dem „Work Song“ schon zum Einstieg seine vorbildliche Arbeitseinstellung unter Beweis gestellt hatte.
Zwei Wehrmutstropfen: Die Infos zu Nina Simones Lebensleistung in einen Rap-Schnelldurchlauf zu packen, funktionierte nicht so recht (zumal Maud den Text dazu vom Tablet ablesen musste) und die Mitklatsch-Version von Jacques Brels erschütterndem Liebesverzweiflungs-Chanson „Ne me quitte pas“ war schlicht indiskutabel.
Aber da waren ja noch Knaller wie „My baby just cares for me“ oder „Feeling good“, die den Platz endgültig zum Kochen brachten. „Kann ich Euch nach Hause mitnehmen?“ Myra Maud hatte das Publikum in ihr Herz geschlossen. Und umgekehrt.
Beitragsbild: Juan Martin Koch
Fein und ausdifferenziert zusammengefasst.