(Text und Fotos: Stefan Pieper) Hoch oben auf dem Vigiljoch, in einem Mittagskonzert vor mächtiger Bergkulisse, geschah etwas, das den Ton dieser 44. Ausgabe am reinsten traf. Das norwegische Duo Sissel Vera Pettersen und Eirik Hegdal umarmt die Landschaft mit seiner Musik. Aus den langen, offen assoziativen Stücken öffnen sich weite Räume, die flächig und ambienthaft wirken und dann konkreter werden, getragen vom lyrisch atmenden Saxofon, Hegdals Klarinette und einer Stimme, die Pettersen ganz instrumental einsetzt. Exotisch anmutende Figuren wirken wie aus einer nordischen Folklore, die elementaren Zuständen nahe ist. Dazu pulsieren sanft tiefe Bassfrequenzen aus der Elektronik, wie die Stöße eines heißen Sommerwinds, der sich mit dem freien Spiel des Duos synchronisiert. Konzerte auf Bergeshöhe sind stets das gewisse Etwas dieses Festivals, und mit ihrem grenzenlosen atmosphärischen Gespür haben die beiden die Messlatte höher gelegt.
Wenn das Wetter Regie führt
Manchmal zogen nachmittags Gewitter auf und erzwangen Verlegungen nach drinnen; das war längst eingespielte Routine. Das Schweizer Trio um die Lausanner Kontrabassistin Louise Knobil wich kurzerhand in die Wohnzimmeratmosphäre des Hotels Bad Ratzes aus, am Fuße des Schlern-Massivs. Knobil, die sich als Marke inszeniert und zugleich fantastisch Kontrabass spielt, verband ihren französischen Sprechgesang mit den Anekdoten eines musikalischen Tagebuchs, und aus den swingenden Miniaturen, die sie mit der Bassklarinettistin Chloé Marsigny und dem Schlagzeuger Vincent Andreae entwarf, schraubten sich kollektive Improvisationen in den Sternenhimmel.
Auch Anaïs Dragos Trio Relevé musste vom Semirurali Park in den akustisch hervorragenden Konzertsaal einer Schule umziehen. Die junge Italienerin an der akustischen wie elektrischen Violine, deren Horizont ebenso weit ist wie der ihrer Mitspieler Federico Calcagno an Klarinette und Bassklarinette und Max Trabucco am Schlagzeug, enttäuschte bei diesem mit Spannung erwarteten Konzert nicht. Ihre Musik ist ein fortwährendes Werden, ein Feuer, das sich an immer neuen Ideen nährt. Lange Bögen entstehen, rhythmische Schichten türmen sich, ein Schlagzeug trumpft auf, über das sich Drago mit ihrer Violine und umso mehr Temperament hinwegsetzt. Aus abstrakten Fantasiereisen wird die Musik plötzlich lyrisch und konkret, mal folkloristisch, mal kammermusikalisch, und stets bleibt sie einer tänzerischen, fast ekstatischen Spielhaltung verpflichtet. Der Name Relevé, aus dem Ballett entlehnt, ist Programm.
Blind Date auf offener Bühne
Das Unvorhersehbare hat in Bozen Methode, am dichtesten in den Sonic Reactions, musikalischen Blind Dates, in denen Spieler ohne jede Vorbereitung erstmals aufeinandertreffen und die Paarungen tagesaktuell zusammengestellt werden. Weil ein Klavier gebraucht wurde, konnte das Duo von Anaïs Drago und Kit Downes nicht ins Kellergewölbe des Waaghaus, und kurzerhand wurde das Festivalbüro zum Konzertraum, in dem das Publikum dicht gedrängt saß und manche am Boden saßen. Was folgte, war stark körperbezogen: Die beiden suchen sich zunächst tastend und werfen sich dann Impulse wie Bälle zu. Downes ist ein besessener Tastenlyriker, der überraschend auch zum Cello greift, und Drago formt ihre Violine mit Bogen und gezupften Saiten zu genauen Klangbildern. Der Klang ist reibend, suchend, manchmal kämpferisch, und in der zweiten Hälfte, als beide wirklich losließen, zündete es, sodass aus zwei Fremden ein gemeinsamer Klang wurde. Ähnlich explosiv geriet das Treffen von Posaune und Harfe: Matteo Paggi und die Französin Rafaëlle Rinaudo, die ihre Saiten kurzerhand mit der Zimmerkarte des Hotels anriss, entlockten zwei so ungleichen Instrumenten ein erstaunliches Reservoir an Überraschungen.
Niemand reist einfach ab
Es gehört zu den schönsten Prinzipien dieses Festivals, dass seine Musiker nicht einfach ihr Set spielen und wieder abreisen, sondern in den Prozess eingebettet sind, sodass dieselben Namen über die zehn Tage in immer neuen Konstellationen auftauchen. Eirik Hegdal, mittags noch im Landschaft umarmenden Duo, stand abends mit seiner eigenen Band von höchster Qualität auf der Bühne, Matteo Paggi war als Artist in Residence überall zugleich, und Anaïs Drago trat gleich in mehreren Projekten auf. Das ist kein Zufall, sondern seit jeher Handschrift des Hauses, das seine Gäste gern untereinander in Beziehung bringt.
Auch die Musiker schöpfen aus der Natur der Dolomiten: Kit Downes zog sich morgens auf einen Berg zurück und gewann aus der Weite die Inspiration für den Abend. In der prunkvollen barocken Stiftspfarrkirche Gries ging er der herausragenden Orgel mit ihren mechanischen Trakturen auf den Grund. Es beginnt mit hohen Pfeifen und wirkt fast wie ein Hörfilm, mitunter Morricone-haft, dann türmt er mächtigere Farbschichten, als vereinte sich Max Reger mit der freien Improvisation. Mal setzt der Tutti-Klang jäh ab, mal sinkt der ganze Cluster in einem Abwärtsglissando in sich zusammen, und zwischendurch schaltet Downes einfach den Wind der Orgel ab. Tone-Bending und Mikrointervalle, so verriet er, seien nur an einer solchen mechanischen Orgel möglich.
Jazz vor der Konsumkathedrale
Vor der monumentalen Riege des neuen WaltherPark, dieser Konsumkathedrale mit ihren Fashion-Outlets, liegt der kleine Alcide-Berloffa-Park, und genau hier, auf einer Bühne davor, war an einem der heißesten Abende der heißeste Jazz zu erleben. Es spielte Team Hegdal, die norwegische Band um den Saxofonisten Eirik Hegdal, mit Trompete, Saxofon, Kontrabass und dem Schlagzeug von Gard Nilssen. Noch konsequenter gelang das im Zoona am südlichen Stadtrand, einem jungen Kulturraum in einer ehemaligen Lagerhalle, den das Festival gemeinsam mit dem Forum Prävention einst selbst mit erschloss, um Menschen zu erreichen, die sonst nie kämen. Dort spielte die österreichische Band Chez FrÃa ihr überraschendes Programm zwischen Dubstep, Rock und improvisatorischer Jazz-Finesse. Zu Trompete, Synthesizer, Bass und Schlagzeug trat als Alleinstellungsmerkmal die Blockflöte von Felix Elias Gutschi, der als Zugabe eine tragende Variante aus Bachs Kunst der Fuge lieferte. Die Sonne war längst untergegangen, doch die Wärme streichelte noch die alte Verladerampe, und es entstand Clubfeeling unter freiem Himmel, ein Andocken an Szenen, das nicht abgehoben daherkam.
Märchenwelt um Mitternacht
Die Nachtkonzerte im Keller des Batzen Sudwerk ziehen spürbar mehr junges Publikum an, denn hier verfolgt das Festival eine kompromisslose Programmlinie. Ein erstaunliches Gewächs ist My End Is My Beginning, in der zwei skandinavische Stimmen, jene von Isabel Sörling und Linda Oláh, über den warm leuchtenden, schwebenden Flächen eines modularen Synthesizers einen elfengleichen Gesang entfalten. So entstand eine traumhafte Märchenwelt in Trockeneis, Nebel und Stroboskoplicht, mitunter aufgeladen von wummernden Technobeats, ein kollektiver Schwebezustand, der bis tief in die Nacht trug.
Neue Namen, reife Handschrift
So brachte diese Ausgabe jene besondere Frische hervor: neue Namen, neue Klänge und neue Bands, die auftauchen, aufspielen und weiterziehen und dem europäischen Jazz unverbrauchte Stimmen schenken, von Louise Knobil über Chez FrÃa bis zu Anaïs Drago. Dass das gelingt, ist das Werk des Leitungstrios Stefan Festini Cucco, Max von Pretz und Roberto Tubaro, das die Geschicke des Festivals seit 2023 verantwortet, wobei das kuratorische Gefüge, wie Festini Cucco betont, nicht erst aus diesen drei Jahren stammt, sondern aus einer lang gewachsenen Verbundenheit mit dem Haus. Vor einem Jahr kam der italienische Premio Nuove Direzioni, in diesem Jahr folgte der EJN Award for Adventurous Programming, und beide bestätigen eine Handschrift, die mit dieser Ausgabe ein neues Reifezeugnis ablegt und ihre entdeckerische Frische aus dem Unvorhersehbaren schöpft.