Shake Stew reißt beim Jubiläumskonzert zum Zehnjährigen im Hof des Regensburger Thon Dittmer Palais das Publikum zu Begeisterungstürmen hin. Gegen Ende des eher kurzen, musikalisch überaus üppigen Auftritts von Shake Stew ist es bei leichtem Niesel doch spürbar klamm geworden. Dabei hat sich „Österreichs Jazzband der Stunde“, wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ das Septett um Bandleader Lukas Kranzelbinder schon früh hervorhob, mächtig ins Zeug gelegt, um dem Publikum ordentlich einzuheizen. Das gelang ihr auch vom Fleck weg mit einem Medley älterer Stücke.
Damit zeichnete die Band schon einen riesigen Bogen, den sie von der Noise Music der späten 90er Jahre übers südliche und nördliche Afrika bis in die aktuelle Londoner Subkultur durchwanderte. Wobei der brachiale Lärm des Noise nur ein entferntes Echo im Übergang von einem zum nächsten Stück blieb. Im flächigen Sound zweier Bassgitarren türmten sich wabernde Klangwände im eher geruhsamen Arkadenhof des Thon-Dittmer-Palais` auf, die alles mit sich rissen, was auf entspannter und lässiger Feelgood-Atmosphäre eingestellt war.
In Stimmung gebracht worden waren die Zuhörenden schon zuvor vom Jazzorchester des Von-Müller-Gymnasiums. Unter der anfeuernden Leitung von Sebastian Glas und Jazzclub-Beirat Michael Straube, der seit diesem Schuljahr als Co-Leiter fungiert, spielten die jungen Leute energiegeladene Songs aus Soul, Filmmusik und Swing. Inzwischen auf bis zu siebzig Instrumentalisten plus einer Sängerin zu beeindruckender Größe angewachsen, machten sie bei tadelloser Beherrschung der stilistischen Vielfalt deutlich, dass sie es voll drauf haben.
Kranzelbinder sprach der Vorband gleich „ein großes Lob“ aus. Man habe die jungen Leute „bereits für die anstehende Welttournee gebucht“, meinte er lakonisch, „auch wenn es organisatorisch komplex“ werde. Komplex war dann das passende Stichwort, das lückenlos auf die Kompositionen des Österreichers passt. Die sind in der Regel vom Bandleader, der neben akustischem und E-Bass die Bassstimme häufig auf der nordafrikanischen Gimbri spielte. Deren eigenwilliger Klang schlägt die Brücke zur magisch-repetitiven Musik der Gnawa, die nicht nur in der wüste sondern auch mitten in der Welterbestadt tranceartige Zustände hervorrufen kann. Bei Skake Stew steigert sich der rituelle Charakter durch zwei Schlagzeuge – und zwei Bässe – zu wilden, rasenden Grooves, die regelrecht durch den Hof fegen.
Diese eigenwillige Besetzung, die an Ornette Colemans Doppelquartett erinnert, wird ergänzt durch drei Bläser, darunter die Altsaxofonistin Yvonne Moriel. Mit virtuosen Soli und parallelen Linien entfachen sie inmitten treibender Grooves ein Feuerwerk an Stimmungen. Unbedingt erwähnt gehören die faszinierenden Soli des Trompeters Mario Rom, die ebenso nach einem tibetischen Gebetshorn wie einen mystisches Kuhhorn klingen kann. Dabei entzünden Stücke wie „Heat“ und das magisch-dunkle „Lila“ die kühle Luft des „lauen Abends“, wie Kranzelbinder mit erfrischender Ironie das Publikum zum Tanzen einlädt.
Text & Fotos: Michael Scheiner