Mit Shearings Akkorden groß geworden, die eigene Handschrift gepflegt: Zum Tod des Göttinger Pianisten Reinhard Giebel

Am Sonntag, den 8. März 2020, ist der Wuppertaler Jazzpianist, Dolmetscher, Lehrer und Autor Reinhard Giebel im Alter von 80 Jahren gestorben. Der gebürtige Göttinger war Mitbegründer des Gunter-Hampel-Quintetts und spielte zu Lebzeiten mit Künstlern wie Benny Waters, Long John Baldry, Olaf Kübler, Werner Lüdi, Herbert Joos, Buschi Niebergall und vielen mehr. Giebel spielte in den 1970er-Jahren in einigen Wuppertaler Ensembles und war in den 1980-Jahren als Jazzkritiker tätig. Außerdem veröffentlichte er einige LPs, CDs, und Bücher. Eine ausführliche Diskografie, ein Nachruf von Giebels Verleger Alfred Miersch und ein Interview aus dem Jahr 2004, das Giebels musikalische Ausbildung und seinen Werdegang portraitiert ist abrufbar bei https://www.jazzage.de/pdf/Giebel_Interview_Nachruf_Disko.pdf Das Beitragsfoto von Reinhard Giebel machte Gerd Neumann

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Solist, Bigband-Gründer und Komponist: Zum Tode von McCoy Tyner

Der Jazz-Pianist Alfred „McCoy“ Tyner ist laut seiner Website am Freitag, den 6. März, im Alter von 81 Jahren verstorben. Die New York Times bezeichnete ihn einmal als einen der einflussreichsten Pianisten im Jazz. Tyner komponierte einige bekannte Titel wie Passion Dance, Contemplation, Blues on the Corner, Land of the Lonely, Celestial Chant, Enlightenment Suite und Desert Cry. Tyner begann im Alter von 13 Jahren mit dem Klavierspielen und trat seit seinem 15. Lebensjahr regelmäßig live in Jazzgruppen auf. Nachdem er John Coltrane in seiner Heimatstadt Philadelphia getroffen hatte, wurde er 1962 Mitglied des „John Coltrane Quartets“. Darauf folgten Albenproduktionen und Songs mit Künstlern wie Tina Turner, Jimmy Witherspoon und Wayne Shorter sowie  Schallplatten unter seinem Namen auf dem Label „Impulse!“. 1967 erschien dann das Album „The Real McCoy“. Im Jahr 1995 gewann Tyner einen Grammy in der Kategorie „Best Large Jazz Performance“ mit seiner „McCoy Tyner Big Band“ mit einem Song aus dem Album „Journey“. Einen weiteren Grammy gewann er mit seinem Album „Infinity“ in der Kategorie „Best Jazz Instrumental Performance“ im Jahr 1996. Im Jahr 2002 zeichnete ihn die NEA-Stiftung, die jedes Jahr …

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Helmut Nieberle
Helmut Nieberle. Foto: Juan Martin Koch

Der übers Griffbrett tanzt – zum Tod Helmut Nieberles

Das kann einem als jungem Jazz-Novizen schon mal passieren: Da lauscht man einer Swing-Combo und ordnet das aberwitzige Speed-Solo jenem Instrumentalisten zu, der mit vollem Körpereinsatz in die Saiten greift. Erst später wird einem klar, dass es sich hierbei um den Rhythmus-Gitarristen handelt… Der Solist ist jener, der da ganz ruhig und mit leicht verschmitztem Blick über sein Griffbrett tanzt: Helmut Nieberle. Anfang der 1980er Jahre muss das gewesen sein. Die Combo war die „Rabo Swing Maschin“ Richard Wiedamanns, der den 1956 in Kaufbeuren geborenen Gitarristen als Lehrer an die Regensburger Sing- und Musikschule geholt hatte – allerdings erst, nachdem er sich in einer Session von seinem Spiel hatte überzeugen lassen. Durch Nieberles Geschick und seine Begeisterungsfähigkeit als Lehrer entwickelte sich die Stadt nach und nach zu einer Hochburg der Jazzgitarre, erst Recht, als sich ihm mit Hans „Yankee“ Meier und Helmut Kagerer weitere Saitenvirtuosen beigesellten. Mit Kagerer bildete Nieberle dann auch eine legendäre Duopartnerschaft, die 1991 mit dem Kultur-Förderpreis des Freistaates Bayern und 2007 mit dem Archtop Germany Award gewürdigt wurde. Der neugierige Traditionalist Entscheidend für Nieberles musikalische Berufung wurde nach autodidaktischer Beschäftigung mit …

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Roy Hargrove mit Justin Robinson. Foto: Susanne van Loon

Sicher zwischen allen Stilen – Zum Tod des Trompeters und Komponisten Roy Hargrove

Krawatte während des ersten Sets, Fliege im zweiten, weißes Hemd, taubenblaues Sacco, dunkle Sonnenbrille, die Trompete nicht in gewöhnlichem Goldmessing, sondern edelstahlpoliert – Roy Hargrove war eine Erscheinung. Und der soulige Hardbop, den er zuletzt mit seinem exquisiten Quartett mit Quincy Philipps (dr), Justin Robinson (sax) und Ameen Saleem (b), pflegte, war ebenso stilsicher wie schräg und ausgefallen. Roy Hargrove wurde von Wynton Marsalis entdeckt, als dieser Mitte der 80er-Jahre Hargroves Highschool in Dallas besuchte. Im Laufe seiner Karriere arbeitete er trotz – oder gerade wegen seines ausgeprägten Personalstils – mit unterschiedlichsten Musikern zusammen: mit Shirley Horn, Kitty Margolis, Erykah Badu (mit der er auch zur Schule gegangen war), Common, D’Angelo oder auch Me’shell Ndegeocello. Sein Plattenlabel Verve ermöglichte Hargrove Aufnahmen mit vielen Größen des Jazz, unter anderem mit Joe Henderson, Stanley Turrentine, Johnny Griffin, Joshua Redman und Branford Marsalis. Im Auftrag des Lincoln Center Jazz Orchestra komponierte er 1993 „The Love Suite: In Mahogany“. Hargrove war der Gründer und Leiter der Formation „The RH Factor“, die – bei ungewöhnlicher Doppelbesetzung vieler Instrumente – Elemente von Jazz, Funk, Hip Hop, Soul und Gospel kombinierte. Roy …

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Tomasz Stańko. Foto: Thomas J. Krebs

Ein Ton wie ein Leuchten

Der polnische Trompeter Tomasz Stańko ist am 29. Juli 2018 in einem Warschauer Krankenhaus gestorben. Stańko (geboren am 11. Juli 1942 in Rzeszów) galt als einer der bedeutendsten Musiker Polens und des europäischen Jazz. Tomasz Stańkos Musik ist umfänglich auf CD dokumentiert, neben etlichen polnischen und internationalen Labels vor allem bei bei ECM Records. Sein persönlicher Sound auf dem Instrument, von ihm selbst als Mischung aus „slawischer Melancholie und Blues“ beschrieben, ist stets vom ersten Trompetenton an wiederzuerkennen. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde der Trompeter in den frühen 60er- Jahren in den Gruppen des Komponisten und Pianisten Krzysztof Komeda. Stańko wirkte mit an Soundtracks von Polanski-Filmen und auch als Musiker des Komeda-Albums Astigmatic, das zu den Aufnahmen zählt, die erstmals einen neuen europäischen Jazz definierten. Sein ECM-Debüt hatte Tomasz Stańko 1975 mit dem Album Balladyna, featuring Tomasz Szukalski am Tenorsaxophon, Dave Holland am Bass und Edward Vesala am Schlagzeug. Wie sein Vorbild  Miles Davis, war auch Stańko ein anspruchsvoller Bandleader und jede seiner Gruppen besaß ihren eigenen Charakter. Seit Anfang der  2000er-Jahre  lebte er halb in New York, halb in Warschau. Seine jüngste Formation (für …

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Im Mondenschein. Foto: Hufner

Sunny Murray mit 81 Jahren gestorben – „Energie“

* 21. September 1936 in Idabel, Oklahoma als James Marcellus Arthur Murray; † 7. Dezember 2017. Martin Kunzler zitiert in seinem Jazzlexikon dem Schriftsteller und Schlagzeuger Stanley Crouch: „Sunny ist wie Monk oder Miles, er kann einen Klang so voller Musik spielen, weil er am genau richtigen Platz mit genau dem richtigen Touch gespielt wird.“ (Murray, James Marcellus Arthur (»Sunny«). DB Sonderband: Jazz-Lexikon, S. 3896 (vgl. JL Bd. 2, S. 914)). Einen ausführlichen Nachruf brachte bereits die New York Times. Hier soll nur auf eine Besonderheit des Spiels Murrays hingewiesen werden. Zum ersten Mal habe ich ihn gehört im schulischen Musikunterricht als Schlagzeuger bei Albert Ayler: Spirits Rejoice. Diese An- und Abschwellen auf den Becken, dann die Phrasenenden begleitenden Schläge neben dem Metrum. Das klang frei und gleichzeitig anschmiegsam. Oder umgekehrt. Die Musik hat auch von der Schallplatte nichts von ihrer andauernden Aktualität eingebüßt. Sie zu kopieren wäre andererseits eher sinn- und sprachlos, unglaubwürdig. Es geht nicht um die Beherrschung einer technischen „Leistung“ oder Lösung. Noch nicht eingetaktet – Energie Ekkehard Jost hat in seinen stilkritischen Untersuchungen zum Jazz der 60er Jahre, „Free Jazz“, unter …

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Ron Cherian (1). Foto: Rainer Witzel

BITTE KEINE COLA! Mein nachträglicher Tagebucheintrag in Erinnerung an MOORE, ROGER MOORE

Köln 2001, ein ruhiger Dienstag Abend, vielleicht auch ein Mittwoch oder sogar ein geschäftiger Donnerstag, eigentlich nicht weiter wichtig. Der junge Jazzpianist, Student der HfM Köln im zweiten Semester, sucht die Töne und nebenbei auch sich selbst. Im GLASHAUS, dem Restaurant des Hyatt Regency, wirft er an diesem Abend mit Noten. Der Anzug, eigens dafür besorgt, sitzt. Auswendig läuft’s noch nicht so gut, also liegt lässig das REAL BOOK vor ihm, der Kanon der wahren Jazzsongs. Wäre er Klassikstudent, so würde die ausnotierte „Auswahl leichter bis mittelschwerer Jazzstücke“ aufrecht auf dem Pult stehen, erste Raste. Und er müsste diese ausschweifenden, federnden Handbewegungen machen, die seine frühere Klavierlehrerin schon immer affektiert fand. Sie hatte ihn für seine nüchterneren, rhythmischen Gesten gelobt. Weiter hinten, über den Rhein, gibt sich der Dom kitschig vor dem untergehenden Feuerball. Klingt nach James Bond? Später mehr. Nur so nebenbei: Manche Scheiben im GLASHAUS müssten dringend mal wieder geputzt werden. Alles eine Frage des Sonnenstandes. Eine Melodie, ein paar kryptische Akkordsymbole ohne jede Norm, eine Seite pro Song, spiralgebunden, das muss für die Gage reichen. Für die Kreativität allemal. Es gibt 50 …

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Ekkehard Jost in der Ostdeutschen Galerie in Regensburg 2004. Foto: Hufner

Der streitbare Musiker und Forscher – Zum Tod von Ekkehard Jost

Letzten Donnerstag starb im Alter von 79 Jahren Ekkehard Jost. Er gilt als einer, wenn nicht, der Pionier der Jazzforschung in Deutschland. Seine Habilitationschrift „Free Jazz“ aus dem Jahr 1972 brachte dem Jazz in Deutschland nicht nur akademische Weihen, sondern war natürlich, mehr als bemerkenswert. Eine Arbeit über Jazz und zwar eine über aktuellen Jazz zu schreiben und damit in der Musikwissenschaft zu reüssieren muss als Unmöglichkeit erscheinen. Gewiss, 1970, im Umfeld des Beethovenkongresses hat sich in der deutschen Musikwissenschaft viel bewegt. Der Zeitpunkt war günstig. Dass er, Ekkehard Jost, ein echter 68er mit allen politischen Implikationen, dann aber auch noch Ordinarius für Musikwissenschaft an der Universität Gießen wurde, darf als nächste Erstaunlichkeit wahrgenommen werden. Am Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik sammelte sich zu der Zeit eine junge Schar progressiver Musikwissenschaftler (wie der Musikpsychologe Eberhard Kötter, der junge tschechische Forscher Peter Faltin, der Dahlhaus-Schüler und Ästhetiker Peter Nitsche und später und leider zu kurz der Sozialgeschichtler Erich Reimer). Peter Brömse war damals der Direktor, der mit Mut und guter Hand das Institut profilierte – sicher zusammen mit der Musikpädagogin Gisela Distler-Brendel. Hier also blühte die …

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Prager Gitarrist Radim Hladík verstorben

Radim Hladík lebt nicht mehr. Der Super-Jazzrock-Gitarrist aus Prag verstarb kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag am vergangenen Sonntag an den Folgen einer Lungenfibrose. Von Mathias Bäumel – Älteren Rockfans in der DDR haben Hladík erstmals schon in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre wahrgenommen – als Gitarristen der Gruppe Matadors, deren Langspielplatte in der tschechischen Inland-Version 1968, in der Export-Version etwas später erschienen war. Die Gruppe begeisterte von 1966 bis 1968 nicht nur mit zahlreichen, hexenkesselartigen Live-Auftritten in der DDR und der CSSR, sondern auch mit den an Blues-Rock und Merseybeat erinnernden, fulminant klingenden Titeln dieser LP. Rückblickend erwies sich diese Band auch als »Kinderstube« der wichtigsten tschechischen Jazz- und Prog-Rock-Gruppe überhaupt – Blue Effect –, die 1968 von Radim Hladik gegründet wurde. Und Blue Effect war sofort präsent. Auf dem Meisterwerk »Coniunctio« (mit Jazz Q Prag) kam es zur Begegnung von Free Jazz und freiem Rock – eine Mischung, wie es sie in einer solchen Stilistik bis dahin noch nirgends auf der Welt gegeben hatte. Die Musiker griffen die von Ornette Colemans »Free Jazz«-Platte (1961) inspirierte Idee der doppelten Rhythmusgruppe auf und ergänzten sie mit …

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