Im Flügelschlag des Grooves: Gretchen Parlato in der Unterfahrt

(Von Claus Lochbihler) Zwischen Jazz, brasilianischen Rhythmen und R&B entfaltet Gretchen Parlato eine Vokalkunst von außergewöhnlicher Feinheit. Die schönsten Momente entstehen dort, wo ihre Stimme selbst zum Instrument wird.

Werbung

Einmal schließt Gretchen Parlato in der „Unterfahrt“ die Augen und reckt die Nase leicht nach oben. Wie eine Jagdhündin, die Witterung aufnimmt, saugt sie den Groove ihres Trios ein: hörend, spürend, vielleicht sogar riechend. Dann öffnet sie abrupt die Augen, tritt ans Mikrofon und klinkt sich mit ihrer hellen, zarten Stimme in die Musik ein.

Werbung

Stimme als Instrument

Parlato ist eine Sängerin, bei der Gesang, Stimme als Instrument und Vokalperkussion nahtlos ineinander übergehen. Sie verbindet das rhythmisch federnde Flüstersingen eines João Gilberto mit westafrikanischen Vokalisen und der Virtuosität eines Bobby McFerrin zu einer ganz eigenen Kunst. Klanglich ist ihre Stimme hell und fein, mitunter von beinahe blendender Intensität – wie ein Sopransaxofon. Kein Wunder, dass auch in der „Unterfahrt“ ihre Version von Herbie Hancocks „Butterfly“ zum Höhepunkt wird: Jazz-Funk als flirrende Groove-Meditation, berückend schön und dicht, getragen vom Flügelschlag ihrer Stimme.

Die stärksten Momente dieses Abends entstehen oft dann, wenn Parlato weniger einen Song als vielmehr einen Groove singt. Wenn sie sich wie ein Instrument in die Harmonien und die jazzig abstrahierten Latin-, Brazil- und R&B-Grooves einwebt, die ihr die exzellente Band bereitet: Ehemann Mark Guiliana am Schlagzeug – einer der innovativsten und gefragtesten Drummer weltweit –, Alan Hampton an Bass und Backgroundgesang sowie Jacob Mann am Flügel und an den Keyboards.

The Wise Ones

Die meisten Stücke des Abends stammen vom neuen Album „The Wise Ones“, das im September bei Edition Records erscheint – mit Gästen wie Robert Glasper, Becca Stevens und Meshell Ndegeocello. In „Never Come Down“ verbinden sich Jazz und R&B zu einer rhythmisch vertrackten Wortakrobatik. „Rainbow“ und „Capricorn“ klingen wie angejazzte R&B-Balladen, denen man live bisweilen etwas mehr stimmliche Registervielfalt wünschen könnte.

Einen deutlichen Kontrast setzen die Songs von Bassist und Backgroundsänger Alan Hampton. Stücke wie „It’s You“, bei dem er auch zur Gitarre greift, führen ins Singer-Songwriter-Fach – und ins Verschmelzen zweier Stimmen. Dieses „Konzert im Konzert“ – zunächst als Duo Parlato-Hampton, dann im Trio mit Jacob Mann und dessen fein hingetupftem Klaviersolo – erinnert daran, dass Hampton in München zuletzt mit Andrew Bird zu hören war. Die Sängerin stellt ihn als „Songwriting Genius“ vor, ein Kompliment, das er mit charmantem Understatement kontert: Genial sei doch vor allem, wie er es geschafft habe, seinen Mikroständer für die Duette mit ihr von ganz hinten nach ganz vorne zu stellen….

Nach 90 pausenlosen Minuten und einer Zugabe ist Schluss. Gretchen Parlato, dieser eigenwillig schöne und etwas scheue Schmetterling, flattert von der Bühne.

Fotos: Thomas J. Krebs

Der tägliche
JazzZeitung.de-Newsletter!

Tragen Sie sich ein, um täglich per Mail über Neuigkeiten von JazzZeitung.de informiert zu sein.

DSGVO-Abfrage 

Wir senden keinen Spam! Erfahren Sie mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.