Filmisch-surreale Atmo im Mikrokosmos – Bruno Heinens The W

„To the devil with exercises“, zum Teufel mit den Übungen, ist vielleicht nicht ganz der richtige pädagogische Ansatz, um jungen Menschen das Spielen eines Instrumentes näherzubringen. Das ist auch keineswegs Absicht oder Ziel des britisch-deutschen Pianisten Bruno Heinen. Er bezieht sich auf ein Zitat Béla Bartóks, welches endet: „they are the last thing I want to spend my time on“.

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Ideen aus Bartoks Werk

Ohne Zweifel hat der im Saarland geborene Musiker, der als Einjähriger nach England kam, seine Übejahre längst hinter sich. Während dieser hat er sich auch mit der Musik des Ungarn auseinandergesetzt, dessen Sammlung pädagogischer Klavierstücke inspirierende Grundlage für die Kompositionen des Albums war.

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Heinen verwendet Zellen und Ideen aus Bartoks Werk, vorwiegend dem sechsten Band, sowie Liedtexte in Form von Zitaten und schafft damit eine neue Suite. Biografisch ist Heinen zudem von Komponisten wie Duke Ellington, Wayne Shorter und György Ligeti geprägt, die Ausdruck einer großen Bandbreite seines kompositorischen Schaffens sind. Die Grenzen zwischen Jazz und zeitgenössischer Musik sind fließend, die Musik ein eigener, eigenwilliger Kosmos mit Andockstellen für Jazztraditionalisten und Third-Stream- oder Avantgarde-Anhängern gleichermaßen.

The W

Neben dem neu gegründeten Quartett „The W“, dem mit der britischen Sängerin/Vokalistin Heidi Vogel und Schlagzeuger Gene Calderazzo zwei international renommierte Künstler angehören, muss auch die Produzentin Maria Chiara Argirò (piano, electronics) als Akteurin mit angeführt werden. Sie hat einige der kurzen Stücke mit elektronischen Klangfarben und Patterns wirkungsvoll ergänzt. Insbesondere beim opener „A Musical World for the Little Ones“ trägt sie im langen Intro zur magisch-beschwörenden Stimmung bei, bis Sängerin Vogel übernimmt und mit ausdrucksvollen Vokalisen betörende Klangräume schafft. „High Up in the Air“ ist ein karges Stück, das ein wenig an ein Wiegenlied erinnert, vom schön modulierenden Melodiebass (Andrea Di Biase) und Vogels leuchtender Stimme lebt und in kosmische Gefilde hinübergleitet.

Im Zusammenspiel der Individuen hat das bemerkenswerte Album sein herausragendes Potenzial. Gemeinsam bringen sie mit poetisch-subtilem Spiel einen einzigartigen und emotional anrührenden Sound hervor. Scheinbar nostalgisch wirkt das ein wenig snobistisch verspielte „Flamingo“, das das Potential für eine Serie a la David Lynch hat. Wie überhaupt einiges an Stärke des Albums in seiner filmisch-surrealen Atmosphäre liegt. Ein echt spannendes Hörerlebnis, wenn man sich auf die Tiefenwirkung von „Bruno Heinen`s The W“ einlässt.

 Info:

„Mikrokosmos“ Bruno Heinen‘s The W, TYXart 26211 | Reihe JAZZart
Bruno Heinen, piano, composition – Andrea Di Biase, bass – Gene Calderazzo, drums – Heidi Vogel – vocals, produced by
Maria Chiara Argirò (synth, electronics)

 

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