„Clarinet Bird“ – Zum Tode von Rolf Kühn

Die Jazzwelt weit über die deutsche Szene hinaus trauert um Rolf Kühn, Klarinettist von internationalem Ruf, Komponist und Arrangeur, Bandleader sowie Musical Director. Er starb in der Nacht zum Freitag, dem 19. August, in seinem Wohnort Berlin nach vergeblicher Operation infolge eines Sturzes. Er wäre am 29. September 93 Jahre alt geworden.

Bis ins hohe Alter unentwegt mit eigenen Bands aktiv, sollte er noch mit seinem neuen Quartett „Yellow & Blue“ im Rahmen des Multiphonics-Festivals am 20. September in Köln und zwei Tage danach in Wuppertal auftreten.

 

Der in Köln geborene und in Leipzig aufgewachsene Jazzmusiker konnte auf ein wahrhaft reiches künstlerisches Leben und auf eine überaus erfolgreiche Karriere zurückblicken. Er wurde frühzeitig klassisch ausgebildet, an Klavier und Klarinette, in Musiktheorie und Kompositionslehre. Nach ersten Engagements als Saxophonist und Soloklarinettist in den  Rundfunk-Tanzorchestern Leipzig unter Kurt Henkels und des RIAS Berlin unter Werner Müller, frönte Rolf Kühn bald auch in kleinen Formationen seinen Jazzambitionen. In den fünfziger Jahren gewann er als Klarinettist alle deutschen und europäischen Jazz Polls und 1957 sogar den Down Beat Poll als „Clarinet New Star“, denn inzwischen war er auch in den USA angekommen, als – neben der Pianistin Jutta Hipp – einer der ersten deutschen Jazzmusiker überhaupt. John Hammond hatte ihm ein Quartett zusammengestellt, mit dem er im New Yorker Birdland, im Chicagoer Blue Note und beim Newport Jazzfestival auftrat. Zwei Jahre spielte er bei Benny Goodman, der ihm stellvertretend auch die Leitung seiner Band anvertraute. Danach war er als Nachfolger Buddy DeFrancos, seines eigentlichen Vorbilds, Soloklarinettist bei Tommy Dorsey.

 

Rolf Kühn. Foto: Hans Kumpf

 

National wie International gefragt und verehrt

1962 kehrte er zurück und setzte seine Karriere sowohl hierzulande als auch international fort, auf Tourneen und Festivals sowie mit unzähligen Plattenaufnahmen in allen möglichen Besetzungen, mit deutschen Kollegen wie Albert Mangelsdorff und den German All Stars, sehr oft auch mit seinem fünfzehn Jahre jüngeren Bruder, dem Pianisten Joachim Kühn, oder mit internationalen Stars wie Daniel Humair, Randy Brecker, Chick Corea, Aldo Romano, um nur diese zu nennen. Sein musikalisches Universum schien unbegrenzt, umfasste neben Jazz in allen Schattierungen auch Auftragskompositionen für den Star der klassischen Klarinette Sabine Meyer oder die schon legendären 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker. Viele Spielzeiten absolvierte er als musikalischer Leiter renommierter Bühnen in Hamburg, Berlin und Wien.

 

Neben seinem Quartett „Yellow & Blue“, mit dem Pianisten Frank Chastenier, der jungen Bassistin Lisa Wulff und dem kolumbianischen Perkussionisten Tupac Mantille, das nun seinen Leader verloren hat, werden auch der Gitarrist Ronny Graupe, Drummer und Perkussionist Christian Lillinger und der Bassist Johannes Fink, mit denen Rolf Kühn in seinem zweiten Quartett „Unit“ gern die Grenzen des zeitgenössischen Jazz auslotete, um ihr musikalisches und menschliches Vorbild trauern.

 

Aufgeschlossen gegenüber Neuem

Nach einem Wunsch zu seinem 80. Geburtstag befragt, erwiderte er: „Mit den wundervollen jungen Musikern meines Quartetts, die meine Enkel sein könnten, die aber über eine ganz eigene Stimme im Jazz verfügen, noch intensiver zusammen zu arbeiten.“ Eine Aussage, die typisch war für den Musiker und den Menschen Rolf Kühn, der immer aufgeschlossen für Neues war, stets Herausforderungen suchte, sich nie auf Erreichtem ausruhte und seine Erfahrungen und sein Können freigiebig mit dem Nachwuchs teilte.

 

Es werden in den nächsten Tagen und Wochen viele Nachrufe auf den einzigartigen Musiker Rolf Kühn erscheinen. Um ihn auch als den warmherzigen, zugewandten und offenen Menschen kennen zu lernen, als den ihn nicht nur seine Liebsten, seine Familie, seine Freunde schätzten, sondern auch die Musiker und Musikerinnen, mit denen er sein langes Künstlerleben verbracht hat, sei hier die Lektüre von „Clarinet Bird – Rolf Kühn – Jazzgespräche“ der Musikjournalistin Maxi Sickert, Christian Broecking Verlag, Berlin 2009, empfohlen.

Das Beitragsbild zeigt Rolf und Joachim Kühn bei den Leipziger Jazztagen 2016 auf der Bühne der Kongresshalle am Zoo. Foto: Susanne van Loon

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