Lustvoller Tanz ums Goldene Kalb – Uassyn in Regensburg

„Normalerweise spielen wir keine Zugaben“, zeigte sich Vincent Glanzmann verblüfft über den anhaltenden Beifall nach dem Konzert mit seinem Trio Uassyn im Leeren Beutel. „Bei uns klatschen die Zuhörer sonst nicht so viel“, grinste er sichtlich angetan. „Jetzt wissen wir gar nicht …“, überlegte er kurz, „aber uns fällt schon etwas ein, was wir machen können“, und setzte sich wieder auf den Hocker hinterm Schlagzeug. Nach einigen Blicken, mit denen er sich mit seinen Mitmusikern Silvan Jeger am Bass und Tapiwa Svosve am Altsaxofon verständigte, legten die drei mit rhythmischer Prägnanz und vibrierender Energie los. Nur wenige Minuten, dann war der kurze, dichte Ausbruch freier Improvisation vorbei. Das Publikum, zahlenmäßig durchaus überschaubar, zeigte den Schweizern noch einmal, dass man mit komplexer Musik in Ostbayern durchaus reüssieren kann. Hochenergetisch Leichte Kost war es keine, die das Trio mit dem seltsamen, frei erfundenen Namen bei seinem Jazzclub-Debüt bot. Schon die Aufstellung der Musiker auf der Bühne unterschied sich formal deutlich vom üblichen Schema. Statt etwas weiter hinten, saß der Schlagzeuger nahe am Bühnenrand, mit dem Rücken halb zum Publikum gewandt. Jeger und Svosve standen ihm gegenüber und bildeten …

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In den unendlichen Weiten… – CD des Void-Quintets

Strenge Bläsersätze, die an kirchenmusikalische Formen anknüpfen, ein Piano, das sich scheinbar nicht von der Stelle bewegt und in einem Stockwerk hin- und herruckelt. Das mit kosmologischen Begriffen behaftete Album Globular Cluster der steirischen Pianistin und Komponistin Ursula Reicher ist ein ungewöhnliches Debüt. Auf Anhieb hat die in Graz bei Ed Partyka studierende Pianistin mit ihrem Void-Quintet damit einen Wettbewerb des amerikanischen Downbeat-Magazins gewonnen. Bei dessen weltweit größtem Wettbewerb seiner Art hat hat Reicher mit ihrer Band in der Kategorie „Small Jazz Combo“ für eine „Outstandig Performance“ gewonnen. In ihrer Musik verbindet die komponierende Instrumentalistin Jazz und Klassik mit tiefgründigen Texten und wortlosem Gesang. Instrumental setzt sie auf eine in allen musikaischen Sphären seltene Kombination von vier Blechbläsern und Piano. In ihren Kompositionen, die so kryptische Titel wie „Heksebran“ und „Up On My Re Al“ oder „Elevator“ und „Turtles“ tragen, thematisiert sie Überlegungen zum Tod, Sein und Nicht-Sein und den neugierigen Blick über den Tellerrand. Letzteren vor allem praktiziert die 26-Jährige mit ihrer eigenwilligen Musik, in der sich Trauer und Offenheit, Neugierde und Versenkung verfangen und spiegeln. Das Spiegeln funktioniert dabei wie bei Alice im …

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Youn Sun Nah eroberte Regensburger Publikum

Wenn es dem Jazzclub gelingt das Theater am Bismarckplatz mit einer bislang im Gäu noch eher unbekannten Sängerin bis auf wenige Plätze zu füllen, dann hat er einiges goldrichtig gemacht. Nun ist die koreanische Musikerin Youn Sun Nah im internationalen Jazzbusiness alles andere als eine Unbekannte. Immerhin hatte sie sich bereits einen erstklassigen Ruf als Musicaldarstellerin in ihrem Geburtsland Südkorea erworben, als sie vor fast einem Vierteljahrhundert nach Paris ging, um Jazz und französische Chansons zu studieren. Ergänzend besuchte sich ein staatliches Musikinstitut und das Boulanger-Konservatorium. Eine der schönsten Stimmen… Dennoch dauerte es noch einige Touren durch Clubs und die Jazzkeller Frankreichs, bis „eine der schönsten Stimmen des heutigen Jazz“, wie die Tageszeitung Le Figaro die Koreanerin pries, zunehmend auch international wahrgenommen wurde. Zusätzlichen Schub bekam ihre Karriere als Youn Sun Nah einen Exklusivvertrag mit dem ACT-Label schloss, mehrere viel beachtete Alben einspielte und einen BMW Welt Jazz Award – zusätzlich zu ihren vielen anderen Preisen – gewann. Mit ihrem damaligen Duopartner Ulf Wakenius, einem großartigen dänischen Gitarristen, war sie der große Aufreger bei den Jazztagen Ingolstadt. Viel Hall und Weite Ein Gitarrist, Tomek Miernowski, …

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Musikalisch mehrdeutige Schlachtplatte – Erika Stucky in Regensburg

Aus dem Dunkel klopft es laut fordernd – „macht mir Platz, ich komme rein!“ Knarzend stiefelt Erika Stucky im abgedunkelten Saal des Leeren Beutel vorne an der Bühne vorbei zum Garderobenständer, dabei mit einem Schaufelstiel auf dem Steinfußboden trommelnd. Dort angekommen beginnt sie mit tänzerischem Schwung leere Kleiderbügel rauszureißen und hinter sich zu werfen. Ein trotziges Kind, das lustvoll provoziert und sich zugleich von schmerzenden Zwängen befreit. Dabei stößt sie gellende Rufe aus. „Stucky con carne“ nennt die schweizerische Sängerin, Performerin und Multimedia-Künstlerin ihr Programm, mit welchem sie beim Jazzclub im Leeren Beutel gastierte – und dafür begeistert gefeiert wurde. Dabei ist das Thema, welches „die Meisterin im Brechen von Traditionen“ mit Schlagwerker FM Einheit, dem prächtigen Holzbläser Steffen Schorn und dem vielseitigen Ben Jeger am Keyboard und an der Glasharfe inszenierte, keine leichte Kost. Servierte sie doch mit Videos und Klangcollagen, düsteren Lichtstimmungen und szenischen Auftritten, Popsongs und Jodeleinlagen dem Publikum eine latent bedrohliche „Metzgete“, eine Schlachtplatte wie es im Alemannischen heißt, die keineswegs nur Leichtverdauliches enthielt. Papi-Tochter-Programm In diesem Papi-Tochter-Programm, wie Stucky es vorstellt, seinen viele „daddy issues“ enthalten. „Hush little baby, my …

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Lisa Simone mit neuem Album

Bei Priesterinnen würde man sagen sie ist eine Spätberufene. Bei Lisa Simone trifft das nur eingeschränkt zu, obwohl sie erst als 50-Jährige ihre Solokarriere startete und in ihrem zweiten Album (My World) die eigene, von Ablehnung, Ängsten und Aufbegehren durchzogene Welt beschrieben hat. Bevor sie mit dem neuen Album endlich zu ihren Themen und einem persönlichen Ausdruck gefunden hat, musste Simone sich zunächst von ihrer alles überstrahlenden Mutter abgrenzen, der großen Nina Simone. Dazu musste sie mit ihrer Vergangenheit radikal brechen. Mit ihrem neuen Album „In Need Of Love“ macht die Sängerin  endlich Frieden mit ihrer berühmten Mutter Nina Simone. Lisa Simone hatte eine schwierige Kindheit und litt unter den Psychosen der Mutter ebenso, wie unter deren Zorn und aufgestauter Wut gegenüber dem alltäglichen Rassismus in den USA. Dann war Lisa auch noch häufig von ihrer Mom getrennt, die als internationaler Star viel in der Welt unterwegs war. Sie wurde hauptsächlich von Nannies und ihrer Tante Betty Shabazz betreut und aufgezogen, denn die Eltern liessen sich scheiden, als sie zehn Jahre alt war. Mit zwanzig ging sie zur Armee, diente bei der Air Force in …

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Furioses für 144 Saiten plus Drumset – neue CD von Christy Doran

Seit Jahrzehnten versorgt der irisch-schweizerische Gitarrist Christy Doran eine treue Fangemeinde stetig mit neuen Ideen und musikalischen Überraschungen. Bands wie New Bag, Sound Fountain oder Bunter Hund existieren teilweise als Langzeitprojekte bis heute. Seine Partner und Mitmusiker sucht er sich danach aus, wie er sich mit ihnen in einen ekstatischen Rausch spielen kann. Er spielte und spielt mit Fredy Studer, Urs Leimgruber, Carla Bley, Ray Anderson, Erika Stucky, Marilyn Mazur, Han Bennink, Albert Mangelsdorff, Jamaaladeen Tacuma, Marty Ehrlich oder der Pipa-Virtuosin Yang Jing. Doran lehnt Denkverbote und Schubladen ab und verabscheut Langweile oder Routine. Das Rockjazz- oder Fusionquartett OM mit Urs Leimgruber, Bobby Burri und Fredy Studer, welches in den 2000er Jahren eine Neuauflage erfahren hat, ist eines seiner erfolgreichsten Projekte. Für seine siebenteilige Komposition „144 Strings for a Broken Chord“ hat er 20 Elektrogitarrist*innen, vier E-Bassist*innen und eine Schlagzeuger angeheuert und ist mit ihnen ins Studio – und danach auf die Bühne in seiner Heimatstadt Luzern – gegangen. Unter der Leitung von John Voirol führte das E-Gitarren-Orchester die suitenartig angelegten Instrumentalstücke auf und wurde von einem hörbar begeisterten Publikum stürmisch gefeiert. Es sind – …

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Frischer Mix aus Afro-Cuban-Fusion-Jazz mit Mario Alberto Silva

Geboren in San Francisco, wuchs der Trompeter, Komponist und Pädagoge Mario Alberto Silva in einer Latino Community auf. Aus jedem Fenster in der Nachbarschaft plärrte Latin music, aus Straßenschlitten dröhnte Rap und während des Carnival vibrierte die Atmosphäre vom Klang der Sambarhythmen. Schon auf der HighSchool spielte Silva in der Schulband und war fest entschlossen die Leidenschaft zum Beruf zu machen. Mittlerweile blickt er auf über zwanzig Jahre Erfahrung als Musiker in verschiedenen Bands zurück – und legt mit der Pan-American Sonata sein Debutalbum als Leader vor. Es enthält einen erfrischenden Mix aus unterschiedlichen Einflüssen, Stilen und Inspirationen. Lebenslust und gute Laune Insgesamt acht Songs, darunter zwei des famosen kubanischen Pianisten Chuchito Valdes, die eines gemeinsam haben: Sie machen Laune, versprühen Lebenslust und kümmern sich einen Dreck um Gestern oder Morgen. Hier und jetzt animieren sie prallem Charme zum Hüfte schwingen, Tanzen und dazu das Dasein in vollen Zügen zu genießen. Da prallt 80er Jahre Funk auf kniffeligen Dixieland-Blues, afro-kubanische Trommelrhythmen auf Fusion, Pop- und Afro-Jazz. Allerdings ist Silva, der sich für die Aufnahmen Valdes (p, synth, fender rhodes), Aaron Germain (bass), Josh Jones (dr, …

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Magische Klangmomente: Rockjazzformation OM gibt seltenes Konzert in Regensburg

Es sei das beste gewesen, was sie seit langem gehört habe. Etwas unsicher, aber mit leuchtenden Augen, hält die junge Frau Urs Leimgruber und Christy Doran nach deren Auftritt mit OM im Leeren Beutel ein abgelöstes Plakat zum Signieren hin. Sie spiele selbst Musik, erklärt sie und antwortet auf die Frage nach ihrem Alter: „18 Jahre.“ „So muss es sein“, strahlt sie darauf der 67-jährige Saxofonist an, „die Jugend hört unsere Musik“. Damit übertreibt der grauhaarige Musiker mit dem adretten Pferdeschwanz zwar leicht, denn das Gros der Zuhörer im Konzertraum gehört eindeutig älteren Semestern an. Vermutlich haben einige schon die erste Auflage des Quartetts in den späten 70er- oder frühen 80er-Jahren miterlebt. Damals zählte OM aus dem zentralschweizerischen Luzern zu den aufregendsten Gruppen des sich neu entwickelnden Jazzrock-Genres. Selbst hat das – bis heute – kollektiv organisierte Quartett seine Musik allerdings immer als „Electric Jazz“ bezeichnet. Durchaus auch um sich gegen die einsetzende Kommerzialisierung und musikalische Vereinfachung abzugrenzen, die sich auch bald herausbildete und manchen Bands eine breitere Anerkennung verschaffte. Neben dem deutschen Trio Giger-Lenz-Marron und der englischen Band Nucleus um den Trompeter und Musikprofessor …

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Musikalischer Trip von Texas bis Brasilien

Eine junge multikulturelle Jazzszene in Londons Südosten zählt seit einiger Zeit zu den angesagtesten der Welt. Promotet von bestens vernetzten DJs und Labelbetreibern haben es weniger hippe und weniger wild antanzende Bands  aus anderen Weltregionen deutlich schwerer sich gegen den Trend zum „Umsturz auf dem Dancefloor“ durchzusetzen. Emiliano Sampaios „Meretrio“ aus dem urbanen Moloch Sao Paulo, der größten Stadt Brasiliens, gehört einer solchen Szene an. Obwohl das exzellente Trio seit 15 Jahren existiert und mittlerweile acht Alben auf dem Markt hat, wie Sampaio mit professioneller Genugtuung beim Auftritt des Trios im Degginger erzählte, zählt es hierzulande noch zu den Insidern. Anders in Österreich, wo der kreative Kopf des Trios und Schlagzeuger Luis André nach einem Kompositionsstudium seit einigen Jahren lebt. Im Nachbarland gehören die Brasilianer längst fest zur quirligen und vielfältigen Grazer Szene, von wo aus sie ihre Eroberungstouren durch die Clubs von Deutschland, Frankreich und andere europäische Länder starten. Ursprünglich ins Leben gerufen, um die ganze Breite der brasilianischen Popular-Musik zu erforschen und neu zu definieren, hat sich das stilistische und musikalische Spektrum der drei Musiker stetig erweitert. Deshalb reagierten nach der Pause im …

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