Das 7. „Look Into The Future“-Festival in Burghausen vereinte wieder wegweisende Künstler aller Genres

 Ungewisser Blick in die Zukunft – Spannende Grenzgänge

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„Music On The Edge“ war das Motto des 7. „Look Into The Future“-Festivals in Burghausen. Es hätte auch schon auf alle früheren Ausgaben gepasst. Kein reines Jazz-Festival ist das, obwohl traditionell viele Künstler dem Genre zuzurechnen sind, nicht einmal ein reines Musikfestival. Hier wird das präsentiert, was interdisziplinär und über Genregrenzen hinaus gedacht ist, sozusagen in die Zukunft der Kultur allgemein. Dafür stehen schon seine Macher: Die Brüder Cornelius Claudio und Johannes Tonio Kreusch haben ihre so unterschiedlichen Karrieren als Jazzpianist und klassischer Gitarrist schon seit Langem in vielen Projekten als Künstler wie als Veranstalter zusammengeführt – mitunter auch inspiriert und unterstützt von ihrer Schwester Carolina Camilla Kreusch, einer renommierten bildenden Künstlerin und Kunstprofessorin.

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So bemühte fast jede Veranstaltung den kreativen Austausch unterschiedlicher Künste und Künstler, mit dementsprechend vielen Uraufführungen oder einmaligen Vorstellungen. Gleichzeitig beschäftigte sich „Look Into The Future“ stärker als andere Festivals mit Raum und Zeit als Vorgaben künstlerischen Schaffens. Das Kloster Raitenhaslach als „Festivalzentrale“ ist ein ebenso außergewöhnlicher Spielort wie das Ankerkino, die Studienkirche oder der Stadtsaal. In ihnen verbinden sich die Ästhetik des 18. und 19. Jahrhunderts sowie die der Fünfzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts mit der Gegenwart. Um im besten Fall den Blick auf die Zukunft zu eröffnen.

Bestes Beispiel dafür war die schon traditionelle Stummfilm-Live-Vertonung im Ankersaal, stets ein Höhepunkt des Festivals. Dafür suchten sich die Kreusch-Brüder diesmal den Dokumentarfilm „Wunder der Schöpfung“ aus dem Jahr 1925 aus und engagierten für den Live-Soundtrack den mehrfach Grammy-nominierten Postgenre-Komponisten, Multiinstrumentalisten und Produzenten PC Nackt aus Berlin. Für den Mann, der unter anderem fünf Jahre in der Band von Nena saß, mit Bands wie Apparat ganz oben in den Charts stand und Soundtracks für Wim Wenders („Land of Plenty“) oder die legendäre Fernsehserie „Breaking Bad“ schrieb, war es eine Reise zu den Wurzeln: Er wuchs als Patrick Christensen in Burghausen auf, bevor er in die Welt zog.

Zwar war der Film mit seiner kruden Mischung aus „Telekolleg Astronomie“ Stand 1925, Peterchens Mondfahrt und kryptofaschistoiden Einsprengseln von Blut-und-Boden-Bildsprache (glückliches Landvolk beim Bearbeiten der Scholle und rassistische Darstellungen fremder Völker) unbefriedigender und stärker aus der Zeit gefallen als die früher hier vertonten – zum Beispiel im direkten Vergleich der russische Stummfilm-Nachzügler „Die kosmische Reise“ vor sechs Jahren. Doch PC Nackt aka Patrick Christensen gelang – wie vor ihm unter anderem Claus Boesser-Ferrari, Lukas Ligeti oder FM Einheit – eine beeindruckende Performance am Klavier. Weil er die Bilder nicht illustrierte, sondern einen echten, zusammenhängenden Score schuf, der auf einer eigenen Ebene auch unabhängig von Film funktionierte.

Schon zur Eröffnung schrieb das Festival seine eigene Geschichte weiter. Aus dem Auftritt des wohl prominentesten Experimentalgitarristen des Jazz Fred Frith vor zwei Jahren hatte sich spontan eine Zusammenarbeit mit den Kreusch-Brüdern ergeben. Das daraus entstandene, rechtzeitig zum Festival auch als Doppel-Album veröffentlichte Improvisationsprojekt „Pink / Neon“ wurde in zwei Teilen als Klanginstallation mit Tanz-Performance von Dario Wilmington uraufgeführt. Der Freitagabend im Ankersaal und der Samstagvormittag in der Studienkirche unterschieden sich denn auch radikal, musikalisch wie visuell. Beeindruckend – auch von der Kondition her -, wie Wilmington die durchaus sperrigen Klänge in Bewegung übersetzte, mit sehr wenig klassischem Ballett, dafür mal futuristisch in Roboter-Manier, meist aber naturalistisch an Tierbewegungen erinnernd.

Mindestens so mitreißend war der Perkussionist Mohammad Reza Mortazavi mit seinem „polyphonic Solo“. Was er alleine an persischer Tombak und Daf vollführte, war virtuos, orchestral und einzigartig. Ebenso einzigartig wie das Leipziger Figurentheater Wilde & Vogel mit seinem Familienstück „Überall & Unterall“: Eine tiefsinnige, humorvolle, in feinsten Reimen vorgetragene Welterkundung in sieben Rätseln. Bei der neben den Theaterprofis Charlotte Wilde und Michael Vogel auch der Jazzdrummer Philipp Scholz als Performer glänzte.

Die hier stets anschließend von den Kreusch-Brüdern geführten Künstlergespräche waren stets erhellend und weiterführend. Ganz besonders beim Schweizer Pianisten Nik Bärtsch, dem vielleicht prominentesten Gast des Festivals. Nicht nur sind wenige so reflektiert der Meister der perkussiv-minimalistischen Grenzgänge zwischen Neuer Musik, Jazz und Global Pop. Die wenigsten können sich auch so gut ausdrücken und den Hintergrund ihrer künstlerischen Arbeit so klar vermitteln.

Der abschließende Pfingstsonntag im Kloster Raitenhaslach stand dann ganz im Zeichen der Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz. Zunächst klopfte der Philosoph, Cembalist und Komponist Rolf Basten die Musikgeschichte mit vielen Beispielen auf den titelgebenden Gegensatz „Menschliche Intelligenz vs. Künstliche Intelligenz“ ab, freilich ohne auf den allerneuesten Stand einzugehen. Das erledigte anschließend der Musikproduzent und am Düsseldorfer Robert-Schumann-Konservatorium lehrende „Professor für Computergestützte Medienkomposition“ Andreas Kolinski. Welche Möglichkeiten die KI mit Programmen wie Suno oder UDIO Stand heute bieten, in jedem Sinne massenhaft Musik zu generieren, und wie das auch schon exponentiell passiert, führte er ganz praktisch vor. Was nicht nur erhellend, sondern auch wirklich erschreckend war.

Fürchten muss man sich auch bei Blick in die Zukunft von „Look Into The Future“ selbst. Ob die bereits erfolgte Umwidmung zur Biennale (weshalb es im vorigen Jahr keine Ausgabe gab) und Verkürzung um eineinhalb Tage die letzte „Verschlankung“ durch die in arger Finanznot steckende Stadt Burghausen als Veranstalter ist, bleibt abzuwarten. Avantgardistische Festivals wie dieses haben es ohnehin schwer. Ein Termin am Pfingstwochenende ist auch nicht eben förderlich, zumal bei Sommer- und Biergartenwetter wie dieses Mal. So war der Publikumszuspruch überschaubar, selbst bei Nik Bärtsch, der beispielsweise bei der Jazzwoche im März sicher viel mehr Besucher gehabt hätte.

Trotzdem wäre es ein großer Verlust, wenn dieses Festival aufgegeben würde. Nach sieben Ausgaben lässt sich festhalten, dass es kaum eine vergleichbare Veranstaltung in der Republik gibt, bei der wegweisende Klangkunst so spannend, vielfältig und durchgehend unterhaltsam geboten wird.

Text und Fotos von Oliver Hochkeppel

 

 

 

 

 

 

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