(Von Robert Fischer) Da sage noch einer, im Jazz gebe es nichts Neues. Das, was der in Köln lebende Saxophonist und Komponist Fabian Dudek gerade auf seinem neuen Album „Recent“ vorgelegt hat, mag zwar in der Entstehung „schon“ drei Jahre alt sein; im Höreindruck aber entzieht es sich souverän jeglicher Sortierung in irgendwelche – „alten“ – Kategorien.
Wobei es sicher kein Zufall ist, dass er dabei mit dem Pianisten Felix Hauptmann und dem Schlagzeuger Leif Berger zwei Musiker an seiner Seite hat, die ihrerseits auf einer sehr beeindruckenden Suche nach dem unbedingt Eigenen – also letztlich: Neuen – sind, ohne Scheuklappen in welche Stilrichtung auch immer, solange das Ergebnis nur dazu geeignet ist, sich selbst musikalisch herauszufordern. Vierte im Bunde ist die in Südtirol geborene, in London lebende E-Bassistin Ruth Goller, die mit ihrem Instrument ordentlich Druck zu machen versteht. Was gut zum Gesamtkonzept der eine unbedingte Dringlichkeit offenbarenden Musik auf diesem Album passt.
Unmittelbar aus dem Moment heraus
Eingespielt wurde „Recent“ beim ersten gemeinsamen Auftritt dieser Band im Sommer 2023 im Kölner Stadtgarten-Club JAKI. Vorausgegangen waren zwei Probentage, ehe schließlich auf der Bühne das zelebriert wurde, was Fabian Dudek den „Alles-oder-Nichts-Moment“ nennt. Genau genommen sind es eine ganze Reihe solcher allesamt herrlicher Momente, die in Summe ein rund 41 Minuten langes, in vier Kompositionen Dudeks eingeteilte, aber auch als durchgängige Suite vorstell- und hörbares Album ergeben, das vom ersten Takt an vor Spannung zu bersten scheint. Dabei lässt Dudek sich im ersten Stück, „Against“, erst mal gut fünf Minuten lang Zeit, ehe er einen Ton in sein Instrument bläst. Davor entstand, beginnend mit einem rumpelig groovenden Schlagzeug, ein musikalischer Bewusstseinsstrom, der letztlich das ganze Album zu durchziehen scheint.
Zwischen Freiheit und Struktur
Wo hier dem Ganzen freier Lauf gelassen wird oder Struktur vorgegeben ist – es lässt sich zwar erahnen, es ist aber auch egal, weil man sich diesem Album am besten so „ergibt“, wie es aus den Lautsprechern kommt: als langer, durchaus nicht immer ruhiger, aber stetig fließender Fluss, in den vor allem Felix Hauptmann immer mal wieder ein paar Akkorde oder auch nur einzelne Töne zu werfen scheint – wie Bälle ins Nass, als wolle er ihnen dabei zuschauen, was sich daraus noch entwickeln könnte.
Manchmal reduzieren die Vier auch sehr bewusst das Tempo, genießen die Schönheit des Moments, spielt Hauptmann eine traumschöne Kadenz, ehe das Album im schelmischerweise „Sweet Nothing“ betitelten Schlussstück kulminiert. Hier wird über einem nun ungleich nervöser treibenden Rhythmus, einer weitgehend ostinat gespielten Basslinie und einem das Geschehen stoisch akzentuierenden Klavier Raum geschaffen für ein immer exressiver werdendes Saxofonsolo, an dessen Ende man sich bei dem Gedanken ertappt, so in etwa könnte es klingen, wenn die Welt untergeht. Aber nur, um sofort vom Bild einer sich zu neuen Kontinenten formierenden Erde verdrängt zu werden – noch dunkel zwar, aber über weite Wasserflächen hinweg im fernen Nirgendwo ein erstes, neues, Licht sichtbar werden lassend …

Aktuelles Album:
Fabian Dudek: Recent
VÖ: 26.06.2026
Furusato Records