Bayerisches Jazzweekend 2026 – vielfältiger, jünger und interessanter denn je

Freitag und Samstag: Sounds zwischen Afrika und Ohrenputzern

Vielfältiger, reicher, jünger und damit interessanter denn je. Auf diese einfache Formel lässt sich das diesjährige 45. Jazzweekend bringen. Auch wenn in den letzten Jahren seit dem geglückten Relaunch des einstigen Amateurfestivals vieles nach Jahren der Stagnation besser geworden ist, scheint es heuer noch einmal mehr Schwung bekommen zu haben. Zu spüren war das vor allem am Abend der offiziellen Eröffnung, als Scharen jüngerer und junger Menschen die Plätze, Höre und Gassen und später die noch wenigen offenen Spielstätten regelrecht bevölkerten.

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Beim Degginger bildete sich gar eine lange Schlange Wartender, um möglichst doch noch etwas von der coolen Show des Rapduos Leila Carter und Maniac mitzubekommen. Die virtuose junge Freestyle-Sängerin und der fast schon altgediente HipHop-Enthusiast traten zusammen mit einem der heißesten Live-Acts der deutschen Hip-Hop-Szene auf. Tribez, das fünfköpfige Ensemble mit dem vibrierenden Gitarristen Ben Treimer im Zentrum fädelte sich mit phänomenaler Energie von der 1960er Jahre Instrumentalnummer „Apache“ bis zu scratchy Sound von heute ohne dabei in eine Nostalgiepfütze zu treten.

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Die durchwateten dagegen am nächsten Abend voller Genuss Uwe Nitzl and his Sixpack an gleicher Stelle. Bandleader, Arrangeur und Keyboarder Nitzl kramt für sein energiegeladenes Spiel lustvoll im keyboardlastigen Sound der Miami-Vice-Zeit, als ein George Duke das Maß aller Dinge war. Mit drei versierten, solistisch jazz- und latinfesten Bläsern und einem Perkussionisten, der die Party mit mächtigen Soli aufstachelt, setzte er das altersmäßig voll durchmischte Publikum schwer unter Strom.

Zeitlich ähnlich lässt sich die hörbar geschmeidigere Version von Fusionjazz des jungen Münchner Trios Solaire einordnen. Die Preisträger des Bayerischen Jazzverbandes begeisterten die Gäste im Garten des Hansa Apart Hotel beim leckeren Brunch mit eigenen Versionen von Michael Jacksons „Human Nature“, Cannonball Adderley und dem eigenen „Stories“. In die jüngere Jazzgeschichte tauchte auch das Hardbop Ensemble der Musikhochschule Nürnberg mit Arrangements von Songs des Dexter Gordon-Slide Hampton Albums „A Day in Copenhagen“ ein. Jedes Bandmitglied hatte den Job eine Nummer zu transkripieren und für die eigene Band zu arrangieren, was die fünf jungen Musiker unter Leitung des Posaunisten Jürgen Neudert eindrucksvoll bewältigten.

An andere Strömungen knüpften mehrere Formationen an, die teils mit Sängerinnen und Musikern mit afrikanischen Wurzeln besetzt waren. Die Leichtigkeit südafrikanischer Musik brachte die aus East London stammende Sängerin Sinomtha Zake mit ihrer geschmeidigen Stimme mitten ins Herz Regensburgs. Zur Beschwingtheit, wie man sie auch  von Bands wie Savuka oder Abdullah Ibrahim kennt, tragen wesentlich Pascal Haas’  (dr) Kompositionen bei, in denen Einflüsse Süd- und Westafrikas mit Popjazz zusammenfließen.

Einen eigenen, eigenwilligen Stil mit oft einfachen Mitteln hat die kongolesisch-deutsche Musikerin Savannah Hauskeller entwickelt. Im Trio mit Patrick Mabiala am Piano und Schlagzeuger Henri Reichman sang sie mit ihrer hellen, ausdrucksstarken Stimme, sich selbst am Cello begleitend, Songs, die in ihrer Kargheit und Unmittelbarkeit unter die Haut gingen. Dabei erinnerte Mabialas Soli manchmal an die hymnische Wildheit des Art Ensemble of Chicago, während Hauskeller mit ihrem Gesang Stärke generiert und magische Tiefe evoziert. Die Initimität aber auch die eruptiv Kraft dieses Trios würden manche begeisterte Zuhörende, wie sie später verrieten, liebend gern in einem Clubkonzert des Jazzclubs erleben.

Eher funkige und Souleinflüsse prägen den Sound des Frankfurter Ramatou Orchestra mit mehreren Bläsern und dem aus dem Senegal stammenden Perkussionisten Khadim Seck. Damit heizte die energiesprühende Band den ohnehin schon heißen Haidplatz weiter auf. An gleicher Stelle ging das europäisch besetzte Quintett Flow Regulator mit seinem avancierten Sound zwischen Free, Neuer Musik, Electronic und Jazz zeitweise im Geräuschpegel sich unterhaltender Besucher unter. Mit feinsten Pianoklängen und komplexen Arrangements war die Band am völlig falschen Ort besetzt. Richtig knallte und krachte es dagegen bei den rohen punkigen Eruptionen vom wuchtigem Schlagzeug, Douebleneck-Bass, Electronics und Olga Reznichenkos Umhängekeyboard des Quartetts Crutches im Arkadenhof. Ein Ohren- und Hirnputzer par excellence ganz im Unterschied zu den ausgetüftelten Stücken des Thärichens Tentett mit dem überragenden sänger und Vokalisten Michael Schiefel.

 

Sonntag: Engagierter Straight-Jazz aus Hamburg

Am letzten Tag des Jazzweekends erinnert Gewitter an frühere verregnete Zeiten. Dalidas Hit „Der Tag, als der Regen kam“ gehörte weder zum Repertoire des österreichischen Sextetts Affäre Dreyfuss, zur Dave Combo oder dem einzigartigen Rap-Electronic-Duo Booom mit Sängerin Layla Carter und Drummagier Gerwin „Geff“ Eisenhauer. Während beim plötzlichen Gewitter am letzten Tag des Jazzweekends Besuchende und auch Musiker der ersten beiden Bands in trockene Bereiche flüchten mussten, konnten Carter und Eisenhauer entspannt warten bis die letzten Tropfen ausgetröpfelt waren.

Kaum losgelegt, verwandelte das Duo, das vor drei Jahren einen raketengleichen Start hingelegt hat, den Haidplatz in kurzer Zeit in einen Hexenkessel des Groove. Vergessen die Kühle, die auf den Regen folgte, der Platz vor der Bühne stand siebzig Minuten lang keine Sekunde mehr still. Entsprechend dem ungleichen Duo oben, mit dem 58-jährigen Schlagzeuger und der 21-jährigen Rapperin und Sängerin, tanzten unten Silberlocken neben jungen Clubfans, studentisches Publikum neben Vätern und Müttern, teils mit ihren Kindern.

Diese generationen- und szeneübergreifende Begeisterung für eine weitgehend frei improvisierte, rhythmisch komplexe Musik widerlegt kulturpessimistische Unkenrufe von bedrohlichen Entwicklungen für die Musikszene durch KI. Vielmehr zeigt der Erfolg von Eisenhauer und Carter, im Grund des gesamten Jazzweekends in seiner ganzen faszinierenden Breite und Vielfalt, welch enorme soziale Bedeutung das unmittelbare Erleben von Musik für das Zusammenleben und die Entwicklung einer Gemeinschaft hat.

Der Enthusiasmus und die sprühende Energie von Carter, mit der sie aus dem Stegreif über Politik und Feminismus, über das was ihr Angst und anderes was ihr Mut macht singt, überträgt sich auf die dicht gedrängte Zuhörenden und Tanzenden. Das passierte tags zuvor bei der musikalisch eingängigeren Wiener Band Katatropic ebenso, wie beim dadaistisch-schrägen Electropop der beiden Multiinstrumentalistinnen Marion Dimbath und Anja Morell, garniert mit schwerem Gebläse und – Trommelwirbel – punktgenauem Schlagzeug.

Selbst das musikalisch völlig anders aufgestellte queer-feministische Kollektiv Sir Bradley, so die Eigenbezeichnung, legte mit bitteren Songs die Lunte an gesellschaftliche Zustände. „Es gibt ein paar Typen auf dem Planeten“, führt Catharina Boutari in das düstere „Bitter Crop“ ein, „die glauben alles für sich haben zu müssen. Dabei ist genug für alle da“, ist sich die engagierte Sängerin sicher und wünscht sich, „dass alle Schönes erleben, wie wir heute Abend hier“. Die Kritik, mit der die sechs Musikerinnen und  Quotenmann Rainer Sell an der Posaune auf die Geld- und Machtkonzentration im heutigen Turbokapitalismus zielen, trifft auch den Nerv vieler im Publikum.

Mit ihrem tanzbaren „FinalStraightJazz“ und temperamentvollen Soli der Klarinettistin Samantha Wright, von Lovis Determann, E-Gitarre, und Doro Offermann am Tenorsax nahmen sie als letzte Band am Haidplatz das bayerische Publikum für sich ein. Vertrackter wirkte der instrumentale Fusionjazz des Berliner Quartetts Calaido, den die Musiker im Degginger vorstellten. Gegenüber den Vorabenden war der Besucherandrang weniger stark. Dafür hatten auch Zuhörende weiter hinten guten Blickkontakt, um die warmen eindringlichen Soli des Altsaxofonisten Hendrik Marin oder die feine Bassläufen Simon Henschens mit Ohren und Augen zu verfolgen. Ein musikalisch ungewöhnlich reiches Wochenende, von dem einiges hängen bleiben wird.

Beitragsbild: Savannah Hauskeller
Alle Fotos: Michael Scheiner

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