Cicero – Zwei Leben, eine Bühne jetzt im Kino

Vor ziemlich genau sechs Jahren erschütterte die Nachricht vom frühen Tod Roger Ciceros die Musikwelt Deutschlands und weit darüber hinaus Fans in ganz Europa. Er hatte den Bigband-Swing mit deutschen Texten so populär wie nie zuvor gemacht, beim ESC in Finnland weit abgeschlagen, aber um so mehr in Deutschland verehrt. Dass er einen ziemlich berühmten Vater namens Eugen hatte, der mit nur 57 Jahren an einem Hirninfarkt gestorben ist, war wohl nur Jazzfans wirklich bekannt.

Im berührenden Dokumentarfilm CICERO – ZWEI LEBEN, EINE BÜHNE, der jetzt ab heute in den deutschen Kinos zu sehen ist, zeichnen Kai Wessel und Katharina Rinderle die Vater-Sohn-Beziehung zweier Ausnahmetalente nach. Wegbegleiter wie Charly Antolini, Till Brönner, Ack van Rooyen und weitere Zeitzeugen lassen die beiden in ihren Erinnerungen wieder lebendig werden, und besondere Konzertausschnitte lassen die Lücke, die ihr früher Tod hinterließ, aufleuchten.

Foto: LATEMAR Film

Der Filmfängt irgendwo backstage in Deutschland an: Ein nicht mehr ganz junger Mann mit Kappe, Jeans und Lederjacke macht Lippenstimmübungen während er Tee kocht und seine Mails checkt. Etwas später mit Hütchen und T-Shirt unterm Anzug wünscht er allen Musikern im Dunklen hinter der Bühne toi toi toi. Bigband Sounds erklingen: Roger Cicero ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Sänger. Ein echter Gänsehaut-Moment.

Von Bukarest nach Zürch

Rückblick: Roger noch mit langer Mähne und schon unverkennbarer Stimme: „The unique selling point“, wie ein Wegbegleiter feststellt. Und genau so war das bei seinem Vater, dem 1940 in Rumänien geborenen Pianisten Eugen Cicero, eigentlich Ciceu, der über abenteuerliche Umwege nach Ostberlin und schließlich in der Schweiz landete. Mit einer Jazzband war der klassisch ausgebildete Pianist mit einem Tagesvisum in Westberlin gelandet.

Jazz war im Kommunismus dekadent und streng verboten, also ging er einfach nicht mehr zurück. „Er spielte in obskuren grässlichen Kneipen“, erzählt sein Bruder. In der Schweiz, wo er nach einigen Umwegen landete, war es kein Geringerer als Charly Antonlini, der ihn zu Saba/MPS brachte. Sieben Platten spielten sie zusammen ein, „Rokoko Jazz“ (1965) wurde weltweit über eine Million Mal verkauft. Dort lernte Eugen auch seine spätere Frau, die Tänzerin Lili Cziczeo kennen, mit der er wieder zurück nach Berlin zog, wo Roger 1970 in Grunewald geboren wurde.

„Das klang so, als ob der Steinway um seine Hände gebaut worden war“, erinnert sich Ack van Rooyen an Eugen Cicero, wie er sich jetzt nannte. Und weiter: „Er hätte mit seiner wunderbaren Ausdrucksweise weitermachen müssen. In Konzertsälen. Er hätte nur ein Management gebraucht.“ Statt dessen nimmt er Jobs an – im Fernsehen etwa bei Paul Kuhn, er verdient Geld für seine kleine Familie.

Was der Film komplett ausspart ist, dass Rogers Halbschwester Babette 1977 im Alter von 14 Jahren an einer Überdosis starb. Sie erlangte traurige Berühmtheit durch das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und als damals jüngste Drogentote Deutschlands. Sicher auch eine nicht zu unterschätzende Belastung für Roger.

Frühe Jahre

Als Elfjähriger tritt er im Vorprogramm von Helen Vita auf. Mit 16 hat er mit dem RIAS-Tanzorchester unter Leitung von Horst Jankowski seinen ersten Fernsehauftritt. Im Alter von 18 Jahren wird er am Hohner-Konservatorium in Trossingen aufgenommen und in den Fächern Klavier, Gitarre und Gesang ausgebildet. Von 1989 bis 1992 trat Roger Cicero mit dem Horst-Jankowski-Trio, dem Eugen-Cicero-Trio (Gruppe seines Vaters) sowie mit dem Bundesjugendjazzorchester unter Leitung von Peter Herbolzheimer auf.

Beide haben neue Türen aufgestoßen. Ein Knackpunkt, der ihn wohl sein Leben lang belastet hat, kommt auch anfangs zur Sprache. „Das was du machst – du singst, – das ist kein Instrument. Wenn du Sänger werden willst, musst du ein Star sein,“, soll Eugen Cicero zu ihm gesagt haben. Dass er das dann wirklich wurde, hat er leider nicht mehr selber miterleben könne.

Kurzes Comeback

Sein früher Tod ließ den Sohn ratlos und traurig zurück. Er trank viel, erzählt eine Freundin. Dem voraus gingen sowohl privat wie beruflich nicht einfache Jahre. Eugen hatte die Familie verlassen, fing in München an zu trinken, schaffte es dann mit neuer Freundin in der Schweiz, mit der er dann an auch noch eine gemeinsame Tochter hatte, ein kleines Comeback. „Er spielte wieder wie ein Gott“ und brachte die Welten Klassik und Jazz scheinbar mühelos und elegant zusammen: „Er hatte eine Technik wie Oscar Peterson“.

„Männersachen“

Richtig entdeckt wurde Roger mit seinem unglaublichen Stimmumfang erst zu einer Zeit, als er etwas verloren unter anderem in Angie’s Jazzclub in Hamburg spielte und auftrat. „Er hatte kein Auto, kein Geld, keine Familie. Wollte nur Musik machen. Von 23 Uhr bis 4 Uhr morgens.“
2005 war es, als er bei einem Zufallsauftritt in der Laeszhalle zusammen mit Joja Wendt „How come U Don’t’ Call me Any more“ singt. Die ganze Plattenbranche war da. Und seine spätere Managerin Karin Heinrich gibt ihm danach ihre Karte und fragt ihn, warum er noch kein Star sei. Roger lächelt, steckt die Karte ein und meldet sich erst nach ein paar Monaten.

Foto: LATEMAR FILM / Alexander Heil

Heinrich, die Roger zusammen mit Freddie de Wall zum Star aufbaute, kam schließlich auf die Idee mit Swing und deutschen Texten, beziehungsweise hörte sich um und beauftragte Matthias Haß und Frank Ramond, Texte und Musik für ein solches Projekt zu schreiben. 2006 erscheint „Männersachen“, das erste Soloalbum von Roger Cicero und wird ein riesen Erfolg.

Foto: LATEMAR FILM / Alexander Heil

„Zu dieser Musik gehört Stil, visuelle Umsetzung, so wurde der Hut geboren“, erzählt Frank Ramond. Roger verändert sich, „er rockte den Laden, plötzlich war das ein anderer Mensch auf der Bühne.“
Postfeministische Männertraumata wie „Zieh die Schuh aus“ werden zu Hits, Roger landet damit in einer Schublade, die ihm aber auch bald zu eng wird. Doch erst spielen sie große Hallen, er wird zum gefeierten Star. Er wird Vater, will Neues ausprobieren, verausgabt sich. Im Winter vor seinem Tod leidet er an einem Burnout, macht Pause, bevor er sein Frank-Sinatra-Projekt groß raus bringen will.
Herzzerreißend dann das Ende des Films, als er seine Hommage an Eugen singt: „Ich hätt so gern noch Tschüß gesagt. Das hätten wir alle noch gern gesagt. „Ich glaube fest daran, dass wir andere Leute am Leben halten können, indem wir an sie denken“, stellt ein Freund Rogers fest. Gut, dass der Film dabei helfen wird.

Titelbild/Beitragsbild: LATEMAR Film / Angelika E. Meier

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Ein Kommentar

  1. Roger Cicero war bereits 35 Jahre als er zum Erfolg kam.
    Matthias Hass und Frank Ramond hatten zwar nicht die Idee. Aber sie haben es umgesetzt. Das war gewiss nicht einfach, weil Cicero gewiss andere Vorstellungen hatte.
    Die ersten drei Alben waren ein großer Erfolg und anschließend waren zu viele Leute an den Alben beteiligt. Wie gesagt: viele Köche verderben den Brei

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