Fotograf des Mittendrin: Nachruf auf Sepp Werkmeister

Die Clubs hießen anders, „Orlando“ zum Beispiel, oder „Bongo Bar“, „Reitschule“ oder „Domicile“. Die Welt war auch noch eine andere. Musiker spielten oft wochenweise auf einer Bühne, in den Clubs wurde gequalmt, was das Zeug hielt, auch ordentlich gesoffen. Es gehörte zum Lebensstil des kultiviert Subversiven, sich ein wenig gegen die Etikette der Hochkultur zu stemmen, auch wenn man insgeheim ein Stück von ihr sein wollte. Es war eben Jazz, afroamerikanische Musik, importiert mit den Alliierten, einschließlich des dazu passenden Lebensgefühls der kleinen Freiheit im schon wieder bieder sich einschwingenden Wirtschaftswunder.

Und mittendrin ein junger Mann mit Kamera, der mit Ikoflex oder Rolleiflex versuchte, den Musikern auf der Bühne ein von Intensität durchdrungenes Bild abzutrotzen. Es ist ihm oft gelungen. Duke Ellington zum Beispiel, mit Augenringen, Kippe im Mund, spät in der Nacht. Art Blakey oder Lionel Hampton, vor Schweiß nur so glänzend. Bobby Timmons, ein pianistischer Fürst der Dunkelheit, lässig das Zigarillo im Mundwinkel. John Coltrane, in der Pause auf der Treppe des Village Gates in New York, den Blick in die Ferne der Inspiration gerichtet.

Berühmte Jazzmusiker*innen – Fotografiert von Sepp Werkmeister.

Sepp Werkmeister hat sie fast alle gehört, gesehen, festgehalten, die Stars des Bebops, Hardbops, der jazzenden Moderne. Er ist ihnen mit der Kamera sehr nahe gekommen, manchmal so auf Tuchfühlung, dass die Künstler reagierten. Dizzy Gillespie etwa, selbst Fotograf und Fan der Rolleiflex, nahm dem vor der Bühne wuselnden Bildjäger einmal während des Sets im „Domicile“ die Kamera aus der Hand und drehte die Perspektive um. Es gibt das Foto des völlig überraschten Sepp in seinem Archiv. Die Kamera war seine Leidenschaft, aber Josef Werkmeister wagte nicht den Schritt, daraus einen Beruf zu machen. Möglich wäre es gewesen. Als Jugendlicher hatte er noch 1944 eine Lehre als Fotograf angefangen. Er lernte das Handwerk des Entwickelns, wurde von einem Kriegsreporter in die Geheimnisse wirkungsvollen Lichts und passender Perspektiven eingeweiht. Aber er verdiente sein Geld lieber mit einem graphischen Betrieb, der ihm bald nicht nur das Hobby finanzierte, sondern auch ermöglichte zu fotografieren was er wollte, nicht was er musste.

Ralf Dombrowski beim Interview mit Sepp Werkmeister im Gasteig München anlässlich seiner Ausstellung im Jahr 2009

Damit schaffte es Sepp Werkmeister, in der Welt seiner Idole weit herum zu kommen. Man traf ihn in New York, wo er übrigens nicht nur Musiker, sondern – im Brown Bag versteckt – auch unbemerkt Straßenszenen dokumentierte, wie er überhaupt gerne mit Bildern etwa von Architektur oder Raum und Landschaft experimentierte. Er gehörte auch zum MPS-Kreis in Villingen, verstand sich gut mit Joachim-Ernst Berendt, reiste mit der Kamera um die Welt, kehrte aber immer wieder zurück zum Jazz in seiner Heimatstadt München.

Sepp Werkmeister war der König der Geschichten. Das mag einer der Gründe sein, warum es von ihm wunderbare Bilder an vielen Orten, aber bislang keine wirklich Werkausgabe gibt. Drückte man ihm eine Kamera in die Hand, verstand er es, einen Blick, eine Situation, ein Gesicht aus der Wirklichkeit zu extrahieren. Fragte man ihn, sprudelten die Anekdoten, Spezialitäten, Details des Augenblicks aus ihm heraus. Er war ein Erzähler, kein Chronist, ein Fotograf des Mittendrin, der die Welt genoss, die er festhielt. Das sieht man und fühlt man seinen Bildern auch nach Jahrzehnten an.

Am 11. November 2021 starb Sepp Werkmeister im Alter von 90 Jahren nach langer Krankheit.

Text: Ralf Dombrowski

Fotos: Archiv Alex Werkmeister

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