Toine Thys Overseas featuring Harmen Fraanje in der Münchner Unterfahrt

Es ist etwas Unwirkliches, das erste Live-Konzert in der Unterfahrt für den Verfasser seit Beginn der Pandemie -seit nun 20 Monaten. Selbst für Michael Stückl, den Vorsitzenden des „Förderkreis Jazz und Malerei München e.V.“, der den Jazzclub trägt, ist das Konzert des Quintetts „Toine Thys Overseas featuring Harmen Fraanje“ vor 70 Zuhörern noch etwas Besonderes. Nicht nur, weil die Band des Abends endlich extra für das Konzert anreisen konnte, das bereits zum dritten Mal im Programm stand. (Erstmals ist es im Oktober auch wieder gedruckt erschienen.) Sondern auch, weil Stückl nach 200 Streaming-Konzerten im Jahr 2020 und bereits über 200 in diesem Jahr „noch nicht oft so viele Leute“ in der Unterfahrt begrüßen konnte. „Die drei G ermöglichen endlich wieder Kultur auf der Bühne vor Publikum.“ Und sie werden vom Arzt Stückl und dem Team der Unterfahrt auch ernst genommen, sodass man sich im lockerer als sonst bestuhlten Club halbwegs sicher fühlen kann. Obwohl es offiziell keine Beschränkungen mehr gibt, dürfen nur maximal 100 per E-Mail vorangemeldete Zuhörer hinein und nur nach penibler Kontrolle – nicht nur des Impfzeugnisses sondern auch zusätzlich des Personalausweises. Auch an diesem Abend wird das Konzert wieder live im Internet übertragen. Das Verfahren hat die Unterfahrt inzwischen mit fünf Kameras perfektioniert. Hinter dem Regiepult sitzt an diesem Abend Michael Stückl selbst.


Auch für die international besetzte Band ist dieser Live-Auftritt nach langer Pause etwas Besonderes. Die Erleichterung über den lange ersehnten Gig schlägt sich in bester Laune und großer Spielfreude nieder. Der bei uns noch wenig bekannte belgische Bandleader Toine Thys ist in Frankreich und Benelux ein gefragter Bassklarinettist und Sopransaxophonist, der auch Projekte in Westafrika, Südkorea und Kanada verfolgt. Zwei Jazz-CDs sind 2020 von ihm erschienen: „Orlando“ (Hypnotisch Records HR016), sein belgisch-französisches Straight-Ahead-Jazz-Projekt, und „Tamam Morning“ (Igloo Records IGL 322), das Programm, das er in der Unterfahrt vorstellt. Die Stücke stammen von Thys und dem ägyptischen Oud-Spieler und Vokalisten Ihab Radwan. Der melancholische Sound der Kurzhalslaute harmonierte prächtig mit den lyrischen bis expressiven Klängen von Thys‘ Instrumenten. Dazu gesellten sich brasilianische Einflüsse des Percussionisten Ze Luis Nascimento, der auf der großen Rahmentrommel auch den orientalischen Klang unterstützte. Der niederländische Pianist Harmen Fraanje, bei uns bekannt vor allem durch das Trio Reijseger Fraanje Sylla (mehrere CDs bei Music Edition Winter Winter), sorgte für eine große Portion Romantik, unterstützt und begleitet von der luxemburgischen Cellistin Annemie Osborne, die auch für Rhythmik und Vokalisen zuständig war. Am Ende des Konzertes hieß es verschmitzt: „We have no music left. But we can chill together.“ Da schien es, als hätten Musiker und Publikum über die eindreiviertel Stunden die Pandemie vergessen.

Text und Fotos: Godehard Lutz

 

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