41. Jazzfestival Saalfelden: Experimente mit den Rändern des Genres

Neuauflage des Saalfelder Jazzfestivals setzt auf Kommunikationsfähigkeit und wechselnde Formationen

In der Kunst geht es auch darum, was sein kann, nicht zwangsläufig, was sein darf. „Ich halte mich da an Roscoe Mitchell“, meint Craig Taborn im Gespräch. „Seine Frage lautet: ‚Worin besteht dein Beitrag?‘“ Um das zu erkunden, wagt er Experimente, stellte sich mit Fender Rhodes in den Wald, begab sich mit Christian Lillinger und Elias Stemeseder auf die Nexus-Bühne oder spielte im Trio mit Tomeka Reid und Ches Smith auf der Main Stage des Kongresszentrums von Saalfelden mit der Dramaturgie der improvisierenden Gruppenenergie. Das passte gut zum Gesamtbild, denn die Neuauflage des international renommierten Jazzfestivals (16. bis 22. August) nach der pandemiebedingten Weekender-Kleinform im vergangenen Jahr setzte unter anderem auf die Kommunikationsfähigkeit einiger zentraler Musiker:innen, die in wechselnden Formationen mit den Rändern der Genres experimentierten.


Modulierende Besetzungen

Der Vokalist, Schauspieler und Dadaist Christian Reiner zum Beispiel war als Artist in Residence an fünf verschiedenen Projekten beteiligt, von einer mehr textorientierten Waldrezitation über ein wild expressives frei agierendes Quintett mit dem Namen „Fünf“ und semantisch helikopternden Wortfragmenten bis hin zur Spontan-Vertonung eines 16 Meter langen Satzes, der zur intuitiven Proklamation der Inhalts gleichzeitig vom Inhaber des Veranstaltungsortes, der Buchbinder Fuchs in traditioneller Manier gedruckt wurde. Die Saxophonistin Angelika Nescier war mit einem bis zur strukturellen Neuverschraubung umgedeuteten Beethoven-Tribute im Sextett zu Gast, kommunizierte aber auch im dialogischen Format etwa mit dem Pianisten Alexander Hawkins. Christian Lillinger trommelte mal mit Christopher Dell und Jonas Westergaard, mal mit Taborn und Stemeseder oder Kaja Draksler und Peter Eldh, ebenso Lukas König, der mit Bassist Shahzad Ismaily auch bei Irreversible Entanglements oder im Trio mit der Spoken-Word-Diseuse Moor Mother zu hören war.

Immer ein Plan B in der Schublade

Solche Mehrfacheinsätze waren einerseits der noch immer unübersichtlichen Situation für Veranstalter geschuldet, die angesichts der schnell wechselnden und international unterschiedlichen Reglements zur Gesundheitsvorsorge immer einen Plan B in der Schublade haben müssen. So hatten Mario Steidle, Daniela Neumayer und ihr Team in diesem Jahr Wochen, statt Monaten zur Vorbereitung und schafften es trotzdem, 63 Konzerte an 14 Spielstätten vom Nexus und dem Stadtpark bis hin zu Wanderwegen und Berghütten auf die Beine zustellen, mehr als die Hälfte davon bei freiem Eintritt, aber mit vorheriger Akkreditierung. Sie machten es mit präziserer Planung auch möglich, trotz systematischer Erfassung des Publikums über QR-Codes während der Konzerte das Organisatorische für die Menschen nicht dominieren zu lassen, sondern die Musik, Kunst und auch den Spaß in den Mittelpunkt zu stellen.

Kultur, Spaß und Gemeinschaft auch in komplizierten Zeiten

Denn auch der gehörte dazu, populäre Konzerte vom Nino aus Wien bis zu Il Civetto im Stadtpark, die mit mehr Bier und G’spritztem immer besser wurden, oder auch schon in der Anlage humoristische, avancierte Projekte wie Edi Nulz, The True Harry Nulz oder Kuhn Fu VI. Das Trio Hang Em High um den Drummer Alfred Vogel spielte mit frei rockigen Assoziationen in der neu für das Festival erschlossenen Otto Gruber Halle, das Quartett Kuu! stellte sich noch etwas kraftvoller vor, als man es eh schon kannte und Marc Ribots Ceramic Dog lärmten mit der Lust der geläuterten Avantgarde durch ihr Programm aus modifizierten Garagenklängen. Schließlich gab es auch noch viel Leises, Freies und Filigranes zu hören, vom Duo der Pianistinnen Sylvie Courvoisier und Kris Davis bis hin zu David Helbocks neuem Trio. Unterm Strich zeigte das Jazzfestival Saalfelden, was auch in komplizierten Zeiten möglich sein kann, wenn Veranstalter, Musiker, Publikum und Verantwortliche in alle Richtungen gemeinsam agieren: eine Woche Kultur, Spaß, Gemeinschaft mit mehr als 10.000 Konzertbesuchern an sieben Spieltagen und einer Perspektive, die über die Woche im August hinaus weist.

Text und Bilder: Ralf Dombrowski

Beitragsbild: Artist in Residence Christian Reiner. Bild: Ralf Dombrowski

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