Transatlantisches Miteinander beim Jazzfest: Berlin und New York rückten online ganz dicht zusammen

Nach jedem Konzert entsteht ein kurzer Moment der Leere, bei dem auch die Musikerinnen und Musiker etwas verunsichert wirken. Denn dort, wo sich nach intensivem Miterleben schließlich der Applaus entlädt ist – erst mal nichts! Auch dieser Eindruck blieb hängen nach vier virtuellen Jazzfest-Berlin-Tagen, wo – wie überall sonst auch zurzeit- das Publikum draußen bleiben muss. Trotzdem wurde nach Kräften und mit Erfolg demonstriert, wie auch in schwierigen Zeiten ein Festival zum Vorzeigeprojekt wird.


Schon vor Verlegung des gesamten Jazzfests Berlin 2020 in den virtuellen Raum stand dafür eine gute Infrastruktur bereit. Sämtliche ARD-Sendeanstalten hatten online-Übertragungen und zugespielte Beiträge aus den Funkhaus-Studios von München und Köln zugesagt. Als dann der Lockdown 2.0 das Unvermeidliche eintreten ließ, verhalf die völlige physische Ortsgebundenheit vor allem den Kulturmetropolen New York und Berlin zu gemeinsamer Augenhöhe.

Wo sich Gesellschaften zu spalten drohen, baut Jazz mit all seinen Randzonen die Schranken zwischen Kulturen, Nationen, und Stilistiken immer weiter ab – die zeitgleichen Tandemkonzerte zwischen Berlin und New York demonstrierten dieses Zusammenrücken vorbildhaft Weise. Fazit: Diesseits und jenseits des Atlantiks ist eine unbändige Lust vorhanden, beständig neue musikalische Welten zu erschaffen.

Die Präsentation des Festivals zeigte zudem, dass auch bei der Präsentation im Netz die Hausaufgaben gemacht worden sind: Neue, kreative Lösungen gehen über die schnöde Konzertsimulation im Netz hinaus – umso wichtiger, seit dem Streamingkonzerte in der Szene nicht mehr den allerbesten Ruf genießen. Und Jazz (in Berlin im allerweitesten Sinne definiert) ist ja mit seiner freien musikalischen Formensprache ohnehin dazu angetan, einen optischen Bilderfluss folgen zu lassen. Beispielhaft realisierte so etwas zum Beispiel das „KIM Kollektiv“, als es die hochglanzpolierte Normalität einer Hotelsuite mit einer schrägen instrumentalen und szenischen Spontan-Performance aufmischte.

Glücksfall Kulturquartier „Silent Green“

Wo kein Publikum den Musikern mehr direktes Feedback gibt, sorgt wenigstens das „Einander-Zuhören“ beim Musikmachen für emotionalen Halt. So etwas schien die vielen Sextett-, Septett-, Oktett etc.- Besetzungen in Berlin und New York hörbar zu beflügeln, die meist im Kreis oder vis a vis musizierten. Als Glücksfall erwies sich dafür das Kulturquartier „Silent Green“ – ein historischer achteckiger Bau im Berliner Wedding, der einst Krematorium war und ein architektonisches Kleinod ist. Die fast spirituelle Aura dieses Orte ließ vielfach in ungeahnte musikalische Welten abheben, immer neu, immer wieder anders. Hinreißend etwa, was den Ausführenden im Projekt „Ap Lla“ alles einfiel.  Kern des Projektes unter Federführung des schwedischen Bassisten Joel Grip ist ein dadaistisch angehauchtes Kunstsprache-Konstrukt unter diesem Namen. Es wurde eine Sternstunde an improvisierter, komponierter, auch choreografierter Darstellungslust. Zum synästhetischen Erfahrungsraum wurde das Silent Green immer wieder: Auch das Projekt „Sunnosphere“ des Pianisten Alexander Hawkins zog auch optisch alle denkbaren Register. Aber aus Sirenengesängen und Trompetensound-Kaskaden erwuchs viel mehr, als „nur“ kosmische Fantasiegebilde eines Sun Ra: Denn mittendrin textet der libanesische Rapper Siska über eine  – auch gerade in der Hauptstadt seines Heimatlandes – desolaten Wirklichkeit.

Transatlantische Befreiungsräume

Die Möglichkeiten echter Begegnung sind in Zeiten von Ausgangssperren und Abstandsgebot wie Strohhalme, um sich dran zu klammern. Die Gespräche, welche Nadin Deventer und ihre New Yorker Co- Moderatorin mit allen Musikerinnen und Musikern führten, widerspiegeln ein starkes Ausgehungertsein, welches zurzeit hinter allem kreativen Tun steht. Die Bühnen in Berlin, New York und anderswo sind hier Befreiungsräume, um loslassen zu können. Und um Charakter zu zeigen.

Charaktervoll ging es vor allem mit dem Schlagzeuger Jim Black zu – ohne diesen wäre das Festival wohl nicht das, was es geworden ist. Zu erleben war der humorvolle Drummer in gleich mehreren Besetzungen – last but not least auch in einer schrägen Rock-, Disco-, Retro-Hiphop-Hommage im Rahmen der Band MEAOW.

Und was für einen Spaß auf der Bühne transportierten auch die Sopranistin/Gitarristin Heidi Heidelberg und der Flötisit Mauricio Velasierra in ihren  komödiantisch-überspitzten Live-Duellen im Rahmen ihres Duos „Which and Monk“ – gleich zu Beginn des Festivals zeigte die Lust am Erfinden neuer, frischer Formate.

Ein neues Trio des Pianisten Craig Taborn schickte seine musikalischen Mikroorganismen über den Atlantik  – aber die drei können auch ganz anders, wenn sie gegen Ende ihres Sets jede aufgetürmte Abstraktion über Bord werfen, konkret werden, die Elfenbeintürme zum Einsturz bringen. Lakecia Benjamin legte im Trio eine Coltrane Hommage hin, was wie eine würdige Hommage an klar definierte Ewigkeitswerte im Jazz wirkte. Aber mit genug Frische im Hier und Jetzt – denn Lakecia Benjamin vermeidet es von vornherein, mit Coltranes Spiel konkurrieren zu wollen. Die Antwort auf so viel geballte Jazzgröße aus Berlin folgte zu einem anderen Zeitpunkt des Festivals:  Von sprühender Spiellust und funkelnder Finesse nahm sich die Großformation Potsalotsa von Silke Eberhardt der charismatischen Musik des großen Henry Threadgill an.

Ein Festival auf Spurensuche

Bandleaderinnen haben im aktuellen Jazz immer und überall die Nase vorn – das fällt schon auf! Die Rede muss hier auch von der New Yorkerin Anna Webber sein – und die sprengte in ihrer Formation mit großer expressiver Geste und höchst fantasievoll alle Jazzidiome.  Und klar, dass sich hier bei diesem Festival Berlin auch als Schmelztiegel in Sachen elektronischer Klänge Gehör verschaffte – etwa im Duo TRAINING, wo John Dieterich and Isil Karataş die Klangereignisse aus den Schaltkreisen mit real erlebbarer Perkussion konfrontieren.

Die Philosophie der Berliner Jazztage junger Zeitrechnung (vor allem, seit Nadine Deventer im Jahr 2018 die künstlerische Leitung übernahm) verschreibt sich einer Spurensuche nach allem, was in den Szenen der großen Städte gegenwärtig, aufregend und kostbar ist – und im Moment auch so bedroht wie nie ist, wo die politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie vor allem den freien Kultursektor bedrohen.

Zwischendurch hellte in Berlin und New York ein heller Lichtblitz die Minen aller Beteiligten auf, sofern dies nicht von Mundnasenschutzmasken verdeckt war. Gerade als Ingrid Laubrock und Kris Davis eine sehr kammermusikalische Form von Gemeinsamkeit leben ließen, kam die Nachricht  von der endgültigen Abwahl des ungeliebten Donald Trump – bekanntlich hat der in seiner Amtszeit nicht wirklich mit Großtaten für ein transatlantisches kulturelles Miteinander geglänzt.

Text: Stefan Pieper

Beitragsbild: Das Craig Taborn New Trio im Club Roulette, Brooklyn/NY. Foto: Wolf Daniel

Stream Jazzfest Berlin 2020: hier

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