Neues aus der Kölner Subway Kitchen

Von Dietrich Schlegel. In einem eher finsteren Teil der Aachener Straße in Köln geht es im Haus Nr. 82 eine steile Treppe hinunter in den mehr als fünfzig Jahre bestehenden Club „Subway“, einst neben Disco-Betrieb auch ein viel frequentierter Jazz-Hotspot mit legendären Konzerten deutscher und internationaler Bands und Stars. Lange Jahre war in den eher engen Kellerräumen kein Jazz mehr zu hören – bis 2013 eine Gruppe von befreundeten Jazzmusikern auf der Suche nach einer geeigneten Spielstätte für zeitgenössischen Big Band Jazz die absolut schalldichten Gemäuer entdeckten. Seitdem präsentiert dort das Subway Jazz Orchestra SJO/CGN jeden zweiten Mittwoch im Monat „handgemachte Big Band Musik“. Die Band versteht sich als Musikerkollektiv, dessen Mitglieder sich aus gemeinsamen Jahren im Bundesjazzorchester, der Kölner Musikhochschule oder diversen Bands kennen. Mittlerweile sind alle in der höchst lebendigen Kölner Jazzszene zu Hause. Wenn auch immer wieder interessante Gäste aus der nationalen und internationalen Szene mit oder vor der Band auftreten, so werden die Konzerte als Projekte doch vorwiegend von Komponisten und Arrangeuren aus den eigenen Reihen gestaltet.


Produktive Szene

Die Kreativität der Subway Jazzer erschöpft sich natürlich nicht in der Arbeit mit ihrer Big Band. Einige von ihnen formieren eigene Bands, die sie – vor und zunehmend auch wieder trotz Corona – nicht nur in Konzerten und auf Festivals, sondern auch in sorgfältigen Studioaufnahmen präsentieren. Einige der neueren Produktionen, die auch als CDs erschienen sind, werden hier vorgestellt.

Der Saxophonist Stefan Karl Schmid und der Gitarrist Philipp Brämswig sind seit ihrer Zeit beim BuJazzO vor fünfzehn Jahren in einer Art musikalischer Wahlverwandtschaft befreundet. Der in der Pfalz gebürtige Schmid gehört zu den Gründern des SJO und seinem fünfköpfigen Leitungsteam. Der aus dem nördlichen Niedersachsen stammende Brämswig ist der feste Gitarrist der Band. 2015 hatten sie als namenloses Quartett mit dem begehrten Duo Robert Landfermann (b) und Jonas Burgwinkel (dr) bei meta records die CD „Anima“ veröffentlicht. Für ihre Folge-CD „Awake“ (2019 bei FLOAT Music) nennen sie ihr Quartett „Niaque“, was einerseits dem französischen „J’ai la niaque“, etwa „ich packe es“, andererseits dem auch auf dem Cover abgebildeten Niagarafall entlehnt ist. Einem Wasserfall ähnlich beginnen manche der Stücke wie die gestauten ruhigen Wasser, bevor sie jäh brodelnd und tosend in die Tiefe stürzen, um sich im Auslauf wieder zu beruhigen. Fünf Kompositionen steuerte Schmid, vier Brämswig bei. Notierte und komponierte Teile halten sich die Waage.

Beider Spiel greift faszinierend ineinander. Wenn Schmid auf Tenor oder Sopran soliert, begleitet ihn Brämswig teils als Harmoniestütze, teils improvisiert er parallel. Brämswigs Gibson, die er hier gegen seine sonst genutzte Stratocaster austauscht, klingt volltönend, in schnellen Läufen Ton für Ton klar erkennbar, fließend, aber nicht zer-fließend. Ähnliches trifft auf Schmids Spiel zu, sonor und warm auf dem Tenor, meditativ auf dem Sopran, und auf beiden expressiv und energetisch in den Niagara-haften Mittelteilen sowie im Opener „Alarmstufe bunt“ und dem furiosen Rausschmeißer „Odd Man Out“. Zuverlässige Pulsgeber in den dynamischen Teilen und bewusster Störfaktor, ehe es zu meditativ würde, sind am Bass David Helms (Jazzpreis der Stadt Köln 2019) und der in der Kölner Szene viel beschäftigte Fabian Arends an den Drums.  Das Quartett strahlt bei aller harmonischen und rhythmischen Komplexität eine gelassene Geschlossenheit und musikalische Reife aus.

Brämswig und Schwengler

Auch aus der gemeinsamen Arbeit im Subway Jazz Orchestra kennen und vertrauen sich Philipp Brämswig und der Trompeter Matthias Schwengler. Mit dem Bassisten Reza Askari hatten sie die CD „Soulcrane“  (2016 bei FLOAT Music)  herausgebracht, gefolgt von „Soulcrane – Another Step We Take“, mit dem irischen, längst in der Kölner Szene etablierten Saxophonisten Matthew Halpin (2019 bei MONS Records). Brämswig und Schwengler ergänzen sich auch deswegen so gut, weil sie beide in sich musikalische Gegensätze vereinbaren  können. Der Gitarrist kommt ursprünglich von Rock und Fusion. Die Laufbahn des Trompeters war von Big Bands geprägt, in denen er zumeist die Trumpet Section führte. Auch beim SJO ist er der gesetzte Lead Trompeter.

Irgendwann kam bei Schwengler der Wunsch nach einer eigenen Band in kleinerer Besetzung auf. Mit einem 2013 gegründeten Sextett aus Weggefährten des Master-Studiengangs an der Folkwang Universität der Künste (Markus Harm, saxes; Raphael Klemm, tb; Simon Seidl, p; Oliver Lutz, b; Thomas Sauerborn, dr) wurde endlich 2018 das  Album „Schwengelbop“ als Teil des Master’s Project „Jazz Performing Artist“ produziert und letztes Jahr auf dem Label der Folkwang veröffentlicht, mit sieben von Schwengler komponierten Stücken, mal temporeich im Hard bop, mal balladesque oder mit Latin touch, höchst origineller „Schwengelbop“ eben. Auch demonstriert der Trompeter Schwengler hier seine brillante Technik und ideenreichen Improvisationen. Er studierte bei Kapazitäten wie  Frederik Köster und (klassisch) Thomas Meise in Osnabrück, Jan Osthoff und Ruud Breuls in Amsterdam, Andy Haderer und Matthias Bergmann in Köln sowie abschließend Ryan Carniaux in Essen. Vorbilder waren und sind Chat Baker, Clark Terry, Tom Harrell und Philip Dizack.

Mit dem zwei Jahre nach dem Sextett gegründeten Trio „Soulcrane“ schlug Schwengler bewusst den Weg zur noch kleineren Besetzung ohne Schlagzeug ein, um sich in kammermusikalischen Gefilden zu versuchen. Das ist ihm mit seinen gleich gestimmten Partnern Philipp Brämswig und Reza Askari auf der ersten CD sogleich meisterlich gelungen: mit feinem Pinselstrich entstehen melodiöse, schwebende, impressive Klanggemälde, von denen einige an Chet Bakers Trio mit Philipp Catherine gemahnen. Eine konsequente Fortführung stellt das zweite „Soulcrane“-Album „Another Step We Take“ dar, zugleich auch bei fünf der neun Songs eine instrumentale Erweiterung durch Matthew Halpin, der sich mit seinem warmen, umfänglichen Sound auf dem Tenor bruchlos einfügt in die Philosophie des Trios. Auch hier teilen sich die Akteure in die Urheberschaft der Kompositionen.

Paradoxe Empfehlung

Eine scheinbar paradoxe Empfehlung: Der überwiegend leisen Musik eine gewisse Lautstärke zu gönnen, um den vollen Hörgenuss zu erfahren, die Kunstfertigkeit der Kompositionen, die Schönheit der melodiösen Themen zu genießen, den Wohlklang der Akkorde und der virtuosen, klar akzentuierten Läufe auf Brämswigs Gitarre, die überwiegend sanft gespielten, lang gezogenen Linien auf Halpins Saxophon und Schwenglers Trompete sowie vor allem (auf sechs der neun Titel) dem Flügelhorn. Unüberhörbar als zuverlässiges rhythmisches Gerüst der Kontrabass Askaris, der seine Soli äußerst feinfühlig in das intime Klanggebilde einbringt.

Matthias Schwengler, immer auf der Suche nach Neuem, schwebt bereits ein drittes „Soulcrane“-Album vor, diesmal mit Streichquartett. Er liebt Streicher. Eine seiner Lieblingsplatten ist „Clark After Dark“, Clark Terry auf dem Flügelhorn vor dem von Nat Peck zusammengestellten, von Peter Herbolzheimer geleitetem großen Orchester, London 1977. Fürwahr ein großes Vorbild!

Trompeterin Heidi Bayer

Zur Trumpet Section des Subway Jazz Orchestra gehört auch Heidi Bayer, die im vergangenen Jahr von der jazzzeitung ausführlich vorgestellt wurde (www.jazzzeitung.de/cms/2019/07/die-trompeterin-heidi-bayer-ein-porträt/…). Da hatte sie gerade ihre Band „Virtual Leak“ gegründet, für die sie den Altsaxophonisten und Komponisten/ Arrangeur Johannes Ludwig, einen der Mitgründer und Aktivposten des SJO, gewinnen konnte sowie für den Rhythmus zwei begabte Youngsters, den von André Nendza und Robert Landfermann ausgebildeten Bassisten Calvin Lennig und den Schlagzeuger Leif Berger, der u. a. bei Jonas Burgwinkel in Köln studiert hat. Wie ideal dieses Quartett zusammenpasst, erwies sich nicht nur in vielen Live-Auftritten, sondern wird auch dokumentiert auf Heidi Bayers erster unter eigenem Namen produzierten und Anfang dieses Jahres veröffentlichte  CD „Virtual Leak“ (bei Tangible Music).

Heidi Bayer, die bei Axel Schlosser und Frank Wellert in Mainz sowie letztlich noch bei Ryan Carniaux in Essen studierte, hatte lange überlegt, ob sie dem Quartett ein Harmonieinstrument, Piano oder Gitarre, zufügen sollte, war dann aber durch ihre Mitwirkung am pianolosen JULI Quartetts des Saxophonisten Sven Decker zum Schluss gekommen, dass ihr eine reduzierte Besetzung andere kompositorische Möglichkeiten eröffne.(www.jazzeitung.de/cms/2018/11/sven-deckers-juli-quartett-mit-lost-in-poll//) Wie hervorragend ihr das gelingt, beweist sie auf diesem Album. Sieben der neun Titel stammen von ihr, zwei von Ludwig. Die geschriebenen Sätze für die Bläser klingen homogen und satt, mal synchron, mal zweistimmig. Sie führen logisch in die an Einfällen überreichen Improvisationen, in Bayers glasklares Trompetenspiel oder das von ihr geliebte Flügelhorn (gelegentlich blitzt Kenny Wheeler auf) und in das von Ludwig mal sanft geschmeidig, mal in flirrenden, teils freejazzigen Läufen gespielte Altsaxophon. Viel Raum bekommt auch der Bassist Lennig für seine melodiösen Soli, während sich der leichthändig und filigran begleitende Berger sich – bis auf „It It Helps“ – solistisch eher zurückhält, aber in idealer Abstimmung mit Lennig immer präsent ist. Die Abfolge ist abwechslungsreich ausbalanciert. Temporeiche Stücke wie „Eifel Blues“, „Hedwig’s Flight“ oder „Hot Train“ kontrastieren mit melodiös lyrischen Songs wie „Something Different“ oder Ludwigs „Shores“.

Zeitgleich mit „Virtual Leak“ erschien Stefan Karl Schmids Album „Pyjama“ (bei Tangible Music), bemerkenswert allein schon wegen des Formats als Oktett, dessen Klangbild für ihn schon feststand, bevor er an die Besetzung dachte. Es sollte eine Gegenüberstellung des orchestralen Sounds einer Brass Section mit individuellen Improvisationen von Piano und Saxophon werden, ohne den Blechbläsern eigene Soli vorzuenthalten. So entstand eine sensationell besetzte Small Big Band: mit dem Bastian Stein und wiederum Heidi Bayer an Trompete und Flügelhorn, der aus Australien nach Köln übersiedelten, vielseitigen und innovativen Posaunistin Shannon Barnett, Mattis Cederberg von der WDR Big Band an Bassposaune und Cimbasso (Ventilbassposaune) – allesamt ausgewiesene Satzspieler und zugleich hervorragende Solisten. Den improvisierenden Gegenpart zu den oft vierstimmigen Bläsersätzen bildet der international renommierte Kölner Pianist Pablo Held. Die aufmerksame, ingeniös agierende, improvisationsfreudige, in schnellen Stücken schier dampfende Rhythmusgruppe besteht aus David Helm am Bass und dem SJO-Schlagzeuger Thomas Sauerborn. Gewissermaßen über allen schwebt als primus inter pares Stefan Karl Schmid, der Komponist aller neun Titel und überragender Solist am Tenor (2013 Jazzpreis der Stadt Köln).

Pyjama – Stefan Karl Schmid

Es ist ungewöhnlich im digitalen Zeitalter und umso lobenswerter, dass Schmid im Booklet ausführlich Einblick in die künstlerische Intention des Albums gibt und zu jedem der Stücke Erläuterungen verfasst hat – eine willkommene Handreichung für die Zuhörer. Hier nur ein paar subjektive Ergänzungen zu einigen der Stücke. „Rise & Shine“ entstand unter dem unmittelbaren Eindruck der ihn überraschend emotional berührenden Geburt seiner Nichte, der er das Stück auch widmet, mit einem zarten, nein: zärtlichen Intro durch Pablo Held und zwei einfühlsamen Soli durch Shannon Barnett und „Onkel Stefan“. „CGN“ ist eine Hommage an Köln, wo  Schmid nun schon elf Jahre lebt, fest verwurzelt in ihrer vielfältigen Jazz- und Kulturszene, die hier stimmig eingefangen wird, nicht zuletzt durch Thomas Sauerborns Energie geladenes Solo.

„After my sleeping“, inspiriert von Max Ernsts gleichnamigen, 1958 in Paris entstandenen surrealen Gemälde, fängt mit Schmids langem Solo die noch traumverhangene Stimmung des Erwachens an einem stillen Morgen ein, doch Heidi Bayers suggestives Solo auf dem Flügelhorn lässt nachempfinden, wie die zunehmend heller werdenden Strahlen der aufgehenden Sonne den Schläfer in den neuen Tag und seine Anforderungen reißen. Schmid bekennt gern, dass er seine besten Ideen in den frühen Morgenstunden noch im Pyjama (sic!) mit einem Becher Kaffee am Klavier entwickeln kann. So wurde ein Nachtgewand zum Titel der Band und der CD.

„Snillingur“ ist nicht Schmids erste Komposition, die er durch Eindrücke bei häufigen Besuchen auf Island, der Heimat seiner Mutter, gewonnen hat – hier ist es ein durch Soli von Schmid und Bastian Stein eingestimmtes, im Wechsel von Lyrismen und dynamischer Rhythmik geprägtes Landschaftsgemälde. Höchst komplexe, anspruchsvolle Kompositionen stellen „Sleepwalking“ und „Donny’s Mode“ dar, mit faszinierenden Bläsersätzen und ebensolchen Improvisationen. Herausragend, wie sich die parallel improvisierenden Schmid und Held in “Sleepwalking“ umwinden und herausfordern. „Point of view“  bildet den Abschluss dieses in jeder Hinsicht überzeugenden Albums ein kräftig gegen den Strich gebürsteter Blues, der auch Shannon Barnett nochmals solistisch glänzen lässt.

Janning Trumann

Das letzte Album dieser Plattenrevue aus dem Umfeld des Subway Jazz Orchestra wird von dem mit 31 Jahren  jüngsten und zugleich umtriebigsten Gefährten der sich in den Dreißigern bewegenden Musikerschar verantwortet, von dem 2016 mit dem Internationalen J. J. Johnson Award ausgezeichneten Posaunisten und Komponisten Janning Trumann. Gerade erst am 21. Mai veröffentlichte er die CD „Emotional Reality“, und zwar auf Tangible Music, seinem eigenen, 2018 gegründeten Label, das – wie oben beschrieben – auch anderen, zumeist befreundeten Musikerinnen und Musikern offen steht. Trumann ist auch der initiative Mitgründer des SJO und Mitglied der Leitung der Band. Zudem sitzt er im Vorstand der Kölner Jazzkonferenz. Er ist auch der Hauptorganisator der unter Corona-Bedingungen open air stattfindenden „Jazz hinterm Haus“-Konzerte des Club Subway.

Der aus der Lüneburger Heide stammende Janning Trumann hatte sich als Fünfzehnjähriger für die Posaune entschieden und noch vor dem Abitur bei Nils Landgren in Hamburg studieren können. Nach Abschluss seines Posaunen- und Kompositionsstudiums an der Kölner Musikhochschule ging er als DAAD-Stipendiat für zwei Jahre an die New York University und tauchte neben seinem Studium in die lokale Jazzszene ein. Dort lernte er auch den Kölner, seit 1995 in NYC lebenden Schlagzeuger Jochen Rückert kennen und traf zudem seinen Schulfreund, den Vibraphonisten Dierk Peters, wieder, der an derselben Uni studierte. Daraus entstand, ergänzt durch den NYU-Dozenten Drew Gress am Bass, Trumanns New York Band, mit der er die von der US-Fachpresse  gewürdigte CD „Be Here, Gone & Nowhere“ produzierte und dann eine Konzerttour durch Deutschland unternahm. Zum Tourneeabschluss, im Oktober 2018, wurden im Kölner LOFT acht Kompositionen Trumanns aufgenommen, die sich jetzt auf der neuen CD „Emotional Reality“ finden.

Zu dem Quartett hatte sich eine gewichtige Stimme hinzugesellt: Simon Nabatov, der in Moskau geborene, in den USA aufgewachsene und dort zum Jazzmusiker gereifte, seit 1989 in Köln lebende Ausnahmepianist enzyklopädischen Ausmaßes. Mit einem hinreißenden Solo – perlende Rechte, hämmernde Linke – behauptet er seinen Platz in dieser energetischen Band gleich im ersten Stück „Real“, das von Trumann und Rückert mit einem ansatzlosen, fast rabiaten Einstieg eröffnet wird.

Ehe es mit dieser Kennung weitergeht, werden jedoch erst einmal zwei Gänge zurückgeschaltet, zu zwei sachten, melodiösen Kompositionen, „Detached“ und „Sanctuary“,  für das diesmal noch pianolose Quartett. Dafür glänzt Peters, der in der Massivität des Openers fast unterging, mit luziden  Vibraphon-Soli, während Drew Gress ein fein akzentuiertes Bass-Solo beisteuert. Und Trumann, der sonst einen kräftigen, seiner energiegeladenen Spielweise entsprechend angerauten Ton bevorzugt, gibt sich hier ganz weich, langt aber mitten drin  wieder zu, als ob er gegen eine aufkommende Gefühligkeit rebellieren müsse.

In der Tat atmet auch der Zuhörer auf beim sich anschließenden kompakten d in „Permanent Proposal“, einem swingenden Parforceritt mit fulminanten Soli aller fünf Bandmitglieder. Im folgenden „Impelled“ glänzt wiederum Nabatov mit seiner unglaublich geläufigen Rechten und der perkussiven Linken. Anders als Stefan Karl Schmids „CGN“ ist Trumanns „Kölln“ nicht eigentlich eine Hommage an seine Wahlheimat, sondern eher eine Reflexion in der Ferne darüber, was ihm diese Stadt, in die er wieder zurückkehren wird, eigentlich bedeutet – was wiederum der Zuhörer kaum deuten kann, wenn er das live im LOFT aufgenommene Klanggebilde aus kontemplativen Improvisationen, so im Posaunen-Vibraphon-Duett, und freien, von wachsender Dynamik und Energie gespeisten Passagen auf sich wirken lässt.

Silence

Gleichen Charakters ist das ebenfalls live aufgenommene „Alarme“, das stellenweise noch eine Spur „chaotischer“ wirkt. Danach könnte es gern wieder etwas geruhsamer zugehen. Das verspricht der Schlusstitel „Silence“, beginnend mit einem das Versprechen einlösenden Vibraphon-Solo, und auch Trumann gibt sich ganz sanft mit weichem Ansatz. Aber das hält er nicht lange aus, der Ton wird wieder rauer. Die Ruh‘ ist hin. Die ganze Band vereint sich gewissermaßen in einem tumultuarischen Ausbruch aus der Stille der Lüneburger Heide, in die sich Trumann gern zum Meditieren und Komponieren zurückzieht, in die lärmende Welt dort draußen. Doch ein Zögern und Zagen führt nochmal zurück in die beschauliche Ruhe. Die Musik Janning Trumanns könnte als Spiegelbild einer Persönlichkeit gedeutet werden, die sich wider Willen schwankend oder bewusst pendelnd zwischen energischem Zupacken und reflektierender Nachdenklichkeit bewegt. Über solcherlei Interpretationsversuche hinaus aber haben wir mit „Emotional Reality“ ein weiteres überzeugendes Werk zeitgenössischen Jazz, wie er vom  Kölner Subway Jazz Orchestra und seinem Umfeld gelebt wird (www.jazz-im-subway.com).

 

Beitragsbild: © Annamarie Ursula / CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

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