Flügelhorn und Zeichentisch: Zum Tod von Herbert Joos

Er war ein kompromissloser Künstler, einer der sagte: „ Zuerst kommt das, was ich machen möchte, unabhängig davon, ob es jetzt gerade ‚in‘ oder ‚out‘ ist.  Dann erst kommt das Geldverdienen.“ Dieser Maxime blieb er treu und von daher war sein Künstlerleben immer ein Tanz auf der Rasierklinge. Durch den immensen Erfolg des Vienna Art Orchestra wurde der Flügelhornist und Trompeter Herbert Joos zu Beginn der 80er-Jahre endlich einem breiteren Publikum zum Begriff. Da stand er schon zwei Jahrzehnte auf der Bühne. Seit Mitte der 1960er Jahre gehörte er zum Modern Jazz Quintet Karlsruhe, aus der dann die Gruppe Four men only (mit Wilfried Eichhorn und Rudolf Theilmann) entstand. Anschließend war er Mitglied in verschiedenen Modern- und Freejazz-Formationen (u. a. mit Bernd Konrad, Hans Koller und Adelhard Roidinger bzw. Jürgen Wuchner). Er spielte auf dem Free Jazz Meeting Baden-Baden bei einem Flügelhorn-Workshop mit  Kenny Wheeler, Ian Carr, Harry Beckett und Ack van Rooyen. Außerdem leitete er sein eigenes Bläsertrio, Quartett und Orchester.


Aus den über 50 Alben, die er unter eigenem Namen herausbrachte oder auf denen er als Sideman zu hören ist, ragt die Soloplatte „The Philosophy of the Flügelhorn“ aus dem Jahr 1973 heraus (Tonstudio Bauer, Ludwigsburg). Auch die Alben „Daybreak The Dark Side of Twighligt“ (ECM) und die Trioaufnahme „Blow“ mit Bernd Konrad am Tenorsaxophon  und Wolfgang Czelusta an der Tenorposaune (beide aus dem Jahr 1977) zeigen exemplarisch sowohl seinen kompositorischen Impetus, als auch den des Improvisators. Bis Mitte der 10er-Jahre unsere Jahrhunderts  brachte er regelmäßig neue Aufnahmen auf den Markt. Doch seine Virtuosität und sein ganz individueller, weicher und doch strahlender Ton sind bereits auf den frühen Alben voll ausgeprägt. Das Geheimnis seines Flügelhornklangs lag in seiner Eigenart, dem Ton viel Luft hörbar beizumischen. „Die Pausen sind das Wichtigste in der Musik“, sagte Joos einmal im Werkstattgespräch über seine Kompositionen und Improvisationen.

Eine Karriere als Professor oder Dozent wie es andere aus seiner Generation anstrebten, schien im nicht attraktiv. „Das erste was ich den Studenten sagen würde: ‚Jetzt verlasst mal die Hochschule. Versucht euch selber durchzuschlagen, denn Individualität und Kreativität kann man nicht an einer Hochschule lernen.‘ Dort kann man nur die Grundlagen, die Technik lernen. Die Hochschulen ziehen sich ihre eigenen Big Bands ran. Und dann sitzen die Absolventen im Studio und spielen Kommerzmusik. Aber Jazzmusik ist entstanden aus einer Art Protest gegen die Kommerzialisierung, gegen das Gewohnte.

Herbert Joos wurde am 21. März 1940 in Karlsruhe geboren, studierte dort später auch Kontrabass an der Hochschule für Musik und erhielt Trompetenunterricht. Auch als Zeichner hatte er sich einen Namen gemacht. Anfang 2017 erhielt er den baden-württembergischen Landesjazzpreis für sein Lebenswerk. Der Jazztrompeter starb am Samstag, den 7. Dezember, im Alter von 79 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit in einer Baden-Badener Klinik.

Andreas Kolb

Beitragsbild: Hans Kumpf

Alben mit Herbert Joos (eigene und als Sideman)

„The Philosophy Of The Fluegelhorn“ (1973, Tonstudio Bauer, Ludwigsburg)
„Daybreak ­ The Dark Side Of Twilight“ (1977, ECM 3315-2)
„Blow“ (1977)
„Piece For Mouth“ (1978)
„Tango From Obango“ (1979)
„The Horses“ (1980)
„Live At The Jazz Festival Frankfurt“ (1981)
„Mel-An-Cho“ (1981)
„Concerto Piccolo“ (1981)
„Suite For The Green Eighties“ (1982)
„Still Life“ (1983)
„From No Time To Rag Time“ (1983)
„Five Old Songs“ (1984)
„Perpetuum Mobile“ (1985)
„Ochsenzoll“ (1985)
„Nightride Of A Lonely Saxophoneplayer“ (1985)
„Jazzbühnen Berlin ’85“ (1985)
„Two Little Animals“ (1987)
„Cracked Mirrors“  (1987, ECM)
„Orchestra“ (1988, ECM)
„Inside Out“ (1988)
„Blues For Brahms“ (1989)
„Innocence Of Cliches“ (1989)
„Still Life“ (1990)
„Plays Billie Holiday Songs“ (1994, EMARCY, 527634-2)
„Südpool Jazz Project V: Marcia Funebre – The Italian Suite“ (1994)
„Mallet connection“ (1995)
„Plays Billie Holiday Songs“ (1996)
„Aspects“ (1998, PAO)
„Pipes And Phones“ (1999, Finetone)
„Ballade noire“ (1999)
„Nature Way“ (1999)
„Adagio“ (2000, Finetone)
„Ballads“ (2000, Finetone)
„Aspects“ (2000)
„Nature Way“ (2000)
„Standard Project-New Bottles-O“ (2001)
„3 & 4 : Ob’n und Unt’n“ (2002)
„You Never Lose An Island“ (2002)
„Seven Duets“ (2004)
„The Beauty Of Darkness“ (2004)
„Adagio I+II“ (2005)
„File Under Jazz“ (2006)
„Salesny / Schabata / Preuschl + Herbert Joos“ (2007)
„Pipes and Phones“ (2008)
„Gegenwelten Abgesang“ (2009)
„Book Of Family Affairs“ (2013)

 

 

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Ein Kommentar

  1. Sehr gute Würdigung! Ich besitze die 2 großartigen grafischen Werke von ihm über Chet Baker und Miles Davis. Herbert Joos machte für mich mal eine spezielle Grafik von Miles mit persönlicher Widmung. Wir lernten uns dann kennen in Düsseldorf , wo er mit dem Vienna Art Orch. auftrat. Ein großartiger Musiker, der durch seine Musik u n d Grafiken bei mir weiter lebt!

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