Roger Hanschel und „String Thing“ im Konzert 

Von Stefan Pieper. Lange war es still um den alten Bahnhof Mönchengladbach-Rheydt-Geneicken. Seit dem Herbst begegnen sich in diesem liebevoll restaurierten Architekturdenkmal aus dem Jahr 1899 Musik und bildende Kunst. Auch der Jazz hat hier einen zentralen Platz, wenn er überregionale Künstler zu Gastspielen anlockt und zudem der regionalen Szene ein Podium bietet. „kunstsignal“ haben die Macher ihre Initiative genannt. Der Name soll eine Marke sein für den frischen Aufbruchsgeist, mit dem ein ambitionierter Konzertbetrieb seitdem Fahrt aufnimmt. Der hohe Raum mit seiner offenen Akustik hat sich bereits bei einigen sehr unterschiedlichen Debut-Konzerten gut bewährt. Aktuell kam er einer Begegnung des Saxofonisten Roger Hanschel mit Gunther Tiedemanns Streichquartett „String Thing“ zu gute.


Dieses Quartett sucht seinesgleichen: Wenn Cellist Gunther Tiedemann zusammen mit Nicola Kruse (Violine), Ingmar Meissner (Violine, Viola) und Jens Piezunka (Kontrabass und Gesang) aufspielen, öffnen sich die Tore sehr variantenreich in alle mögliche Richtungen. An diesem Abend wurde dieser fantastisch flexible Klangkörper zum Partner auf Augenhöhe für Roger Hanschel, dessen Spielweise und Klangkultur schon für sich genommen aus dem zahllosen Saxofonisten-Meer mit großem Wiedererkennungsfaktor herausragt.

Fast ausschließlich neue Kompositionen erblicken an diesem Abend das Licht der Welt, die in den nächsten Monaten auf einer neuen CD präsentiert werden – man darf gespannt sein! Beim Konzert im kunstsignal lebt ein bezwingendes, herrlich konzentrisches musikalisches Kontinuum. Ostinato und Unisono – vor allem diese Prinzipien verleihen Roger Hanschel und String Thing extrem viel hypnotische Stringenz: Bassist Jens Piezunka sorgt für den starken Puls und allerhand Klangzauber drumherum. Zusätzlich pulsieren Pizzicato-Synkopen, atmen Legato-Bögen der vereinten Streichinstrumente und öffnet sich der Horizont für das blühende, latent dunkel gefärbtes Timbre von Roger Hanschels Altsaxofon. Letzteres ist schon für sich genommen ein warmer Regen aus purer, beseelter Emotion! So kann die Reise ewig währen. Aber wo ein endloser meditativer Sog denkbar wäre, produziert die Interaktion zwischen Roger Hanschel und dem Quartett eine beständige Erneuerung durch rasante Improvisationen, durch verblüffende Vereinigungen der Streicherlinien mit dem Saxofon, vor allem in den immer wieder rasant aufblitzenden Sechzehntelphrasen, die für eine atemberaubende, indisch angehauchte Rhetorik sorgen – nicht selten in spektakulären „Note-gegen-Note“-Unisono-Parts! Auch die Klangkultur von Gunther Tiedemanns Quartett ist reich, variabel und abenteuerlustig. Sie liefert Gegenpole zur modalen Stringenz in Hanschels Saxofonspiel – nicht nur, wenn zuweilen Momente von romantischer Innigkeit den Raum fluten oder sich raffinierte sinfonische Bögen spannen. Im nächsten Moment ist Roger Hanschel aber schon wieder mit einer Interaktion zur Stelle, wenn er die nächste alarmierende Sechzehntelphrase abfeuert. Dieses aufregende Kontinuum will keinen Stillstand kennen. Leichtfüßig bleibt es dennoch: Immer wieder wird das formal sehr aufgeräumte Räderwerk aus modalen Skalen zugunsten romantischer, manchmal folkloristisch Farbtupfer in Dur und Moll abgelöst und sorgen Perkussionsparts aus den Pizzicati sämtlicher Streicher für unberechenbare Intermezzi.

Am Ende gab es eine empfindsame Hommage an Charlie Mariano – kein Zufall, denn auch dieser legendäre Jazzmusiker pflegte – wie Roger Hanschel heute – einen ständigen Austausch mit der reichen, für den modernen Jazz so unverzichtbaren indischen Musikkultur. Für Roger Hanschel ist Indien ein wichtiger Lebensaspekt geworden, der seine künstlerische Haltung von grundauf prägt: Zweimal im Jahr besucht er den Subkontinent, um mit dortigen Musikern zu spielen. Dieser wertvolle Austausch zwischen den Kulturen verlieh auch diesem Abend im Kunstsignal viel existenzielle Kraft!

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