Zigzag-Club in Friedenau. Foto: Hufner
Zig-Zag-Club in Friedenau. Foto: Hufner © Martin Hufner

Lorenz Kellhuber solo im Berliner Zig Zag Jazz Club

In Berliner Bezirk Friedenau steht ein kleiner Jazzclub. Man kann durch die großen Fenster zur Straßenseite hinein- und hinausschauen. Er gilt als „angesagt“ – er ist gleichwohl klein und bietet geschätzt vielleicht maximal 100 Personen Platz. Demnächst tauchen im Zig Zag Jazz Club auch „The Bad Plus“ (2.12.) hier auf oder Carla Bley (22.11.). Das alles in einer Gegend, die nicht bekannt ist für ihre Hipsterstyler und man dafür sonst wie in Charlottenburg beispielsweise den Begriff des gutbürgerlichen Bezirks findet. So wie das Schnitzel mit Kartoffelsalat mit einem Bierchen abgelöscht wird – auch wenn natürlich nördlich des Steglitzer Bierpinsels längst und sowieso Lokale aus aller Welt ihren Platz gefunden haben. Aber es riecht hier weder nach New York noch nach einem eigenartig nicht nur vegan umwolkten Prenzlauer-Berg-Kinderwagen. Die Bürgersteige wirken abends eher hochgeklappt.


Darin also der Jazzclub. Der sich da ganz gut einfügt, aber nicht verschmilzt mit der Gegend. Friedenau eben. Hier am Donnerstag war der Ort eines Release-Konzerts des Pianisten Lorenz Kellhuber, 2014 Preisträger der Parmigiani Montreux Jazz Piano Solo Competition. Im Jahr darauf spielte er ein Solokonzert im Jazzclub von Montreux ein. Zwei Jahre später konnte diese Aufnahme veröffentlicht (20.10.) werden (Besprechung in der JazzZeitung von Thomas J. Krebs).

Der Bericht dieses Solo-Konzerts in Friedenau ist möglicherweise nicht ganz einfach zu lesen: Additiv nacherzählend das, was der Rezensent wahrgenommen und „heraus“gehört hat. Doch mit einem einfachen wohlklingenden Stück sich stapelnder Adjektive der Wertung ist es nicht getan. Ein bisschen soll zumindest der Versuch gemacht werden, dem Musiker mit würdiger Aufmerksamkeit gegenüber zu treten; natürlich gefiltert durch die hörende, historisch-subjektive Blase des Autors. Dafür bitte ich die Leserinnen um Entschuldigung und den Musiker um Nachsicht.

Das Konzert

Das erste Stück beginnt mit zwei leisen Akkorden, respektiven deren variierenden Wiederholungen mit dem Charakter von Seufzern – fallend. Langsam füllt sich der Klang über den Zeitraum von ein paar Minuten bis sich ein Solo der rechten Hand langsam in den groovenden Ketten explosiv widerfindet. Darunter bleiben die changierenden Akkorde. Es klingt wie aus dem Klavier herausgekämpft. Übrig bleiben wieder die Akkorde in den tiefen Registern. Statt Tonketten geht die rechte Hand in eine Ton-Repetition über, die ihrerseits in sich changiert. Eine Abwechslungsvarianz – diese Phase und die restlichen ca. 30 Minuten werden diese Repetitionen ständige Begleiter bleiben. Sie verändern ihre Lage im Register, aber nicht oft, vielleicht drei Mal, steigen und sinken. Zwischen den Registern entstehen neue kleiner Motive. Aus der Eintonrepetition wird eine im Quartabstand – darunter gleitet es ins Düstere (eine tieflagige Mollterz-Repetition) und die Repetition selbst wird rhythmisch umgedacht. Drunter und drüber legt Kellhuber diese harmonisch reichhalten Klänge. Es wirkt gerade so, als ob jetzt noch ein imaginäres Solo eines Instrumentalisten hinzuzufügen wäre. Grandios und herb.

Sein zweites Stück dagegen klingt nach einem lyrischen Countryside-Stück, wie eine Art Vorspiel zu einem Standard. Und immer diese von Kellhuber bewundernswert konstruierten reichhaltigen Akkordklangkonstrukte in die dann der Melos eingeflochten wird. Ab und zu gibt Passagen, die nach alten kirchenmusikalischen Klauseln klingen. Und kleine Pole von Klarheit reiner Dur-Akkorde, die aber hier in dem Akkordarsenal wie schwarze Perlen freistehen – und sofort harmonisch umgefärbt werden. Es ist immer wieder dort ein Impuls, der das Gebilde löst und irgendwie schwimmt die Musik schließlich wie in einem Nocturne von Chopin. Das erste Set mit zwei Stücken geht über insgesamt ca. 50 Minuten. Pause.

Das zweite Set besteht ebenfalls aus zwei Einzelimprovisationen. Die erste hier transformiert lineare Ideen in fallende Akkordbrechungen und erinnert darin an etwas wie das erste Brahms‘sche Intermezzo aus op. 119. Die Akkorde werden schließlich aufgebrochen, jetzt mehr in Richtung Vertigo-Thema von Bernard Herman. Und immer wieder im Innern der „süße Tod“ eines reinen Dur-Akkordes. Zum Ende löst es sich verlierend – aber nicht: „auf“. Das zweite Stück startet in einer Art musikalischen Rauschens in den tieferen Registern, bevor es sich zu einer Art Choral findet. Die harmonischen Felder werden dabei in ihrer Grundtonart verschoben. Die homophonen „Gestalten“ gehen in ein Ostinato über. Über dem sich nun reichlich wilde Melosexzesse ausbreiten können. Dabei sind die Ostinati nie ganz präzise in ihrer Dauer, sondern mit unterschiedlichen Längen ausgestattet (fünfer/vierer). Das Ende dann offen.

Eine Zugabe mit Jimi Hendrix‘ „Little Wing“. Der Ton jetzt weniger pedalisiert sondern trocken. Kellhuber beherrscht das Stück, hat es vollständig im Griff und erfasst es. Da steht er eben drüber. Es fließt, es ist leicht, es ist „emotional wesentlich rasanter“. Da sind alle improvisatorischen und spontankompositorischen Mittel voll entfaltet, dicht gewebt und doch zugleich locker gefügt.

Lorenz Kellhuber am Klavier. Foto: Hufner
Lorenz Kellhuber am Klavier. Foto: Hufner

Das ist hier so ausführlich dargestellt ohne dass man sich als Leserin wohl wirklich etwas darunter vorstellen wird können. Der Klang des Augenblicks eines starken Musikers bleibt am Ende eben auch endlich und mit der Musik verschwindet die Begleitung der Hörenden durch das Gespielte. Und naturgemäß konnte sich der Rezensent auch nicht dem Flow überlassen – im Protokollieren ist man einfach gehemmt. Und zugleich kann das Protokoll selbstverständlich nicht annähernd all das zur Sprache bringen, was und wie (es genau) passiert.

Kellhuber, solo am Klavier, ist eine Herausforderung auch gegen sich selbst. Die reichhaltige Harmonik, die Kellhuber produziert ist in sich so komplex, dass ein Fehlgriff fatal wirkt. Aber sicherlich auch unvermeidlich sein wird. Er gehört zum Risiko des Spiels dazu. Das Risiko des Moments ist doch auch der Grund, warum man daran sich hörend beteiligt. Den großen Moment erhoffen. Der Moment, der einen Riss am Rand des musikalischen Universums erzeugt. Dazu ist es meines Erachtens nicht gekommen. Diese Risse hat er aber durchaus in seiner Solo-CD, deren Release-Konzert es schließlich sein sollte, angetastet.

Im Vergleich zur Solo-Aufnahme in Montreux spielen gewiss auch Raum und das Klavier selbst eine wahrscheinlich nicht zu unterschätzende Rolle. In Montreux war das alles durchsichtiger musikalisch konstruiert und gleichwohl reichlich komplex genug, hier und heute im Zig Zag Jazz Club eben ziemlich harmonisch zugedeckt. Nun, wenn man eben mindestens drei musikalische Gedanken zur gleichen Zeit auf dem improvisatorischen Schirm hat, sind Gehirn und Motorik mehrfach gefordert. Lorenz Kellhuber kann sich nicht einfach ausruhen. Das geht „noch“ nicht. Aber das kommt. Dazu müssen dann Teile des Gehirns in die Hände selbst ausgelagert werden, während oben der musikalische Schiedsrichter und Regisseur seine musikalischen Akteure führt.

Großer Abend. Er ist einfach eine Ausnahmeerscheinung. Seine Entwicklung, beeindruckend, wie sie sich in den bislang veröffentlichten Aufnahmen präsentiert – sei es im Trio mit Arne Huber (b) und Gabriel Hahn (dm) oder mit Orlando le Fleming (b) und Obed Calvaire (dm). Jetzt nicht aufhören!

Und dank geht auch an das Label Blackbird, das ihm seit Jahren die treue hält und ihn fördert. Möge die Kooperation noch lange Zeit anhalten.

  • Lorenz Kellhuber: Live at the Montreux Jazz Festival, Blackbird, BR 201730

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