(Von Gisela Sonnenburg) Das ist selten: Eine Tageszeitung betreibt eine Galerie und präsentiert dort regelmäßig Konzerte mit renommierten Jazzmusizierenden. Diese Besonderheit bietet die überregional erscheinende, linke Berliner Tageszeitung „junge Welt“ („jW“), die sich damit kulturell zu profilieren weiß. Zustande kam die „jW geht Jazz“ genannte Reihe aber durch einen Notfall. Denn die Jazzkoryphäe Hannes Zerbe, bekannt als Pianist, Komponist und Organisator, musste befürchten, dass die von ihm ausgerichteten, seit Jahrzehnten beliebten Jazzkonzerte im Berliner Musikinstrumenten-Museum mangels Förderung durch den örtlichen  Senat eingestellt würden. Diese Förderung kam später wieder dazu. Doch auch die zunächst nur als Ersatz gedachte, nicht mit Steuergeld geförderte Konzertreihe „jW geht Jazz“ in der Maigalerie der „jungen Welt“ wurde ein Erfolg – und blieb. Jetzt begeht sie ihr zweijähriges Jubiläum.
Zeit der Unsicherheit
„Das war damals wirklich prekär“, erinnert sich Hannes Zerbe, wenn man ihn auf die Zeit der Unsicherheit in Bezug auf die Finanzierung der Konzerte im Musikinstrumenten-Museum in Berlin anspricht. Zerbe, 1941 im heute polnischen Litzmannstadt geboren, ist seit Jahrzehnten eine treibende Kraft im Berliner Jazz. „Jatz“ spricht Zerbe sein Lieblingswort auf deutsch aus, als Ausdruck seiner ostdeutsch geprägten Herkunft. Aber er wusste 2024: Viele internationale Künstlerinnen und Künstler waren noch im Corona-Schock, hatten durch die Drosselung des kulturellen Lebens in der Pandemie ihre Verbindungen und Auftrittsmöglichkeiten verloren. Umso wichtiger waren ihnen die Termine im Museum. Und nun sollten diese eingespart werden? In dieser Situation kam Zerbe mit dem Verlag der Berliner Tageszeitung „junge Welt“ ins Gespräch. Flugs zeigte sich, dass man an einer Kooperation interessiert war. Das Konzept der Konzertreihe „jW geht Jazz“, von Zerbe kuratiert, wurde geboren.

Immer wieder dienstags…
An jedem ersten Dienstag eines Monats gibt es seither diesen ungewöhnlichen Jazz-Termin in Berlin-Mitte. Im Mai 2024 fand das erste Konzert im Galerieraum der Zeitung, also in der Maigalerie in der Torstraße 6 in Mitte, statt. Damals brillierten Hannes Zerbe selbst und sein langjähriger Duettpartner, der Klarinettist Jürgen Kupke. Sie spielten Transkriptionen klassischer Musik, etwa von Dmitri Schostakowitsch, aber auch Songs von Hanns Eisler sowie vor allem eigene Kompositionen von Hannes Zerbe. Hommagen und musikalische Korrespondenzen sind seine Spezialität.
Zerbes guter Geschmack – er ist überdurchschnittlich gebildet und vernetzt – prägt die Konzertreihe. So wird zum zweijährigen Jubiläum am Dienstag, 05. Mai 2026, das Trio BROM aufspielen. Der Saxophonist Alexander Beierbach, Jahrgang 1971, gründete es vor rund fünfzehn Jahren. Beim Bandnamen BROM ging es Beierbach, der aus Stuttgart kommt und seit 2002 in Berlin lebt, damals  zunächst nur um das Element Brom. Das ist eine ätzende Substanz, die zur Desinfektion genutzt wird, in der Medizin aber auch als Beruhigungsmittel taugt. Ätzend und beruhigend zugleich soll die Musik vom Trio BROM auch sein.
A Night in Tunesia
Dabei helfen der Bassist Jan Roder, der in Hannover studierte und mal mit Rockmusik begann, und der Schlagzeuger Christian Marien. Aus Münster kommend, studierte er in Amsterdam und Berlin und leitet heute auch ein Jazzquartett. Als Trio BROM nehmen die musikalischen drei Jungs vor allem Bezug auf Traditionsstücke des Jazz, wie etwa auf „A Night in Tunesia“ („Eine Nacht in Tunesien“), die Dizzy Gillespie 1942 musikalisch beschrieb. Sie surfen aber auch sozusagen hemmungslos im Bereich des Free Jazz.
Fast zufällig ergab sich, dass die Buchstaben „BROM“ auf „Beierbach“, „Roder“ und „Marien“ wie zugeschnitten sind. Solche schicksalhaften Zufälle ergeben sich auch beim musikalischen Handeln von BROM. Manchmal, sagt Alexander Beierbach, bauen sich dabei regelrechte „Intervallbäume“ auf, wie im danach benannten Song „It‘s In The Trees“ („Es ist in den Bäumen“). „Das ist wie eine Stapelung von Intervallen, also von bestimmten Tonabständen“, erklärt der umtriebige Musiker.
Faszination Saxophon
Sein erstes Saxophon kaufte Beierbach sich übrigens als Teenager: auf der Versteigerung einer Pfandleihe. Des einen Leid ist des anderen Freud und Neubeginn: Beierbach hatte zuvor nur Blockflöten- und Klavierunterricht, bis er in der Schule ein Konzert mit einem Saxophonisten erlebte. Dieser Sound – es handelte sich um ein Tenorsaxophon – erwischte ihn dermaßen, dass ab da für ihn klar war: Das wird er spielen. Die Faszination hält bis heute, und aus dem bloß passiv Faszinierten wurde auch ein aktiv Faszinierender.
Und so tiriliert sein Sax in den smartesten Höhen, während Christian Marien mit Feingefühl rhythmisch die Trommeln rührt und Jan Roder aufmerksam-galant die Saiten am Bass zu zupfen weiß. Das Miteinander und Einverständnis dieser drei ist überwältigend, und es übersetzt sich mit jeder Note ins Publikum.
Interaktion mit Publikum
Die Interaktion mit dem Publikum ist etwas, das in der Maigalerie besonders gut gelingt. Gerade weil der Raum eher nüchtern und so ziemlich das Gegenteil einer verruchten Eckkneipe ist, konzentrieren sich die Zuschauenden besonders gern auf die Musik. Oft hängen Kunstwerke – etwa Linolschnitte aus den 20er-Jahren von Lea Grundig und Hans Grundig – an den Wänden, denn es handelt sich ja um eine Galerie. Aber die Bestuhlung nebst Ausstattung mit Tischen sowie die Versorgung mit Wein oder Wasser machen deutlich, dass sich der Raum flugs in eine kleine Konzerthalle gewandelt hat. Das kulturelle Flair hier ist aber schier unvergleichbar, denn einerseits ist der Raum groß genug für Konzerte, andererseits ist die Atmosphäre stets intim.
Schon viele Größen und auch Nachwuchstalente aus dem Berliner Jazzbereich haben das im Rahmen der Reihe „jW geht Jazz“ genossen. Einige Trägerinnen und Träger des Berliner Jazzpreises sind darunter, allen voran der „Jazzmagier“ Hannes Zerbe, der ihn 2021 erhielt; dann die japanische Komponistin und Marimbaphonistin Taiko Saito, die ihn 2023 erhielt; der Jazzallrounder Gebhard Ullmann, der 2017 der erste Preisträger vom Berliner Jazzpreis überhaupt war; die Saxophonistin, Klarinettistin und Komponistin Silke Eberhard, die ihn 2020 erhielt. Aber auch ganz junge, vielversprechende Leute sind in der Maigalerie zu hören, wie die Sängerin Sophie Link, die vor wenigen Wochen mit der Band Tee.Trio bei „jW geht Jazz“ zu Gast war.
Nahende Zukunft
Aber hören wir jetzt in die nahende Zukunft. Mal elegisch und gelassen, dann wieder hochdynamisch und aufregend zappelig: Die Musik vom Trio BROM übermittelt Schwung und Aktion, sie elektrifiziert gewissermaßen. Gründer Alexander Beierbach, der in Freiburg und Mainz für sein Saxophonspiel studierte, komponiert die meisten Stücke selbst. Ihr eigentliches Volumen entfaltet diese Musik aber erst im Live-Spiel, im Konzert: durch die Interaktion und Improvisation der Musizierenden.
Dabei verzahnt das Trio seine Stücke gern. Beierbach sagt, da könne jedes Stück, das die Musiker im Repertoire haben, unvermittelt bei einem Konzert auftauchen. Die Brüche und Stilwechsel werden betont und wie in der japanischen Technik des Kintsugi – bei welcher zerbrochene Keramik mit Goldlack gekittet wird – als überwundene Narben präsentiert. Drei CDs von BROM mit diesem musikalischem Goldlack sind schon auf dem Markt. Und: Das Trio spielt prinzipiell unplugged. Es bietet daher bewusst einen authentischen Stil.
Da kann man im Hinblick auf das anstehende Jubiläum nur sagen: Happy Birthday, „jW geht Jazz“!
Das Trio BROM spielt am Dienstag, 5. Mai 26, um 19.30 Uhr (Einlass ab 19 Uhr) in der Maigalerie der jungen Welt, Torstraße 6, 10119 Berlin. Eintritt: 10 Euro (ermäßigt 5 Euro). Die Anmeldung ist nicht zwingend, aber erbeten unter: 030 – 53 63 55 54 oder per E-Mail unter maigalerie@jungewelt.de
Foto im Text: BROM von Alexander Beierbach
Beitragsfoto ebenfalls BROM von Gabriele Nielsen