Seit langem gehört der Jazz zu dem, was man gerne Hochkultur nennt. Man sieht das an der akademischen Ausbildung der Musiker parallel zur Klassik, an den selbst für jedes Vorort-Kulturzentrum oder -Bürgerhaus inzwischen obligatorischen Jazzreihen oder am selbstverständlichen Einzug des Jazz in die „Kulturtempel“. Doch die wichtigsten Festivals, zumindest in Bayern, sind noch aus einer von einzelnen Gallionsfiguren angeregten Graswurzelbewegung entstanden und werden nach wie vor von ihr getragen. Was also in Burghausen die IG Jazz ist, ist in Kempten der Kleinkunstverein Klecks e.V.
Zum 41. Mal hat der Verein mit seinen gut 70 aktiven Mitgliedern den „Jazzfrühling Kempten“ ausgerichtet. Mit heuer wieder gut 50 Konzerten auf fast 30 Bühnen gehört er nach wie vor zu den großen, anerkannten und eine ganze Stadt erobernden Festivals. Freilich hatte der Jazzfrühling in seinen besten alten Zeiten schon mal über 100 Konzerte. An seiner Größe wäre das Festival aber auch fast gestorben. Schon vor Corona hat der Verein einen Verjüngungs- und Konsolidierungsprozess gut hinbekommen. Auf Gerold Merkle und Hansjürg Hensler als prägende Figuren folgte ein Team um den Pianisten Andreas Schütz. Der Verein zieht ausreichend neue junge Mitglieder, und mit Initiativen wie der Begleitung Videoteam der Multimedia-AG des Allgäu-Gymnasiums weckt man auch bei den ganz Jungen Interesse.
Dass auf der Musikerseite ohnehin kein Nachwuchsmangel herrscht, bewies wieder einmal der zusammen mit dem Bayerischen Jazzverband bereits seit 2014 ausgerichtete Nachwuchs-Wettbewerb. Wie inzwischen bei vielen Festivals gehört der Wettbewerbsabend stets zu den Höhepunkten. Mit den vier Bands Solaire, Mantra, Mawass Trio und dem Korbinian Bauer Quintett erlebten die Besucher wieder einmal einen mitreißenden, abwechslungsreichen Querschnitt durch den nachrückenden jungen Jazz auf Profi-Niveau. Den Vogel schoss das Trio Solaire ab, das sowohl bei der Jury wie beim Publikum siegte, und das – als hätten es die Veranstalter gewusst – auch bei der „Jazz Nacht“ einen der elf Slots in elf Locations hatte. Der Pianist Anton Kleespies und der Schlagzeuger Paul Suttner sind beide 17 Jahre alt und gehen noch aufs Münchner Pestalozzi-Gymnasium; der Dresdner Bassist Noah Scheufler, der das Trio komplettiert, ist gerade ein Jahr älter. Unglaublich für dieses Alter, mit welcher Technik und Wucht, aber auch kompositorischer Klasse und improvisatorischer Grandezza sie ihren Fusion Jazz a la George Duke in Szene setzten. Der altgediente Kritiker kann sich nur an ein einziges Mal erinnern, dass er einen vergleichbar reifen 17-Jährigen gesehen hatte: das war einst Jakob Manz. So waren diese Drei eindeutig die Entdeckung des Festivals.
A propos altgediente Kritiker: Die meisten Zugpferde des Jazzfrühlings konnte man mit ihren Programmen als Jazz-Reisender schon anderswo sehen. Wie der durchgehend gute Besuch unterstrich, war es für das Kemptener Publikum aber eine äußerst attraktive Auswahl. Mit swingender Opulenz bei der SWR Bigband und dem traditionell an Basie und Ellington ausgerichteten Trompeter und Komponisten Thorsten Wollmann sowie der kurz auch am Flügel brillierenden schwedischen Soul-Diva Ida Sand im zweiten Set. Mit unwiderstehlicher Wucht beim mit zwei Schlagzeugen und Bässen sowie den drei herausragenden Bläsern Mario Rom, Yvonne Moriel und Johannes Schleiermacher besetzten österreichischen Breitwand-Septett Shake Stew des Bassisten Lukas Kranzelbinder. Mit Finesse und enormer Bandbreite – von Minimalistischem über modern Verspieltes bis zum Latin-Sound eines Hermeto Pascoal – beim Berliner Andromeda Mega Express Orchestra.
Und mit der Kombination von all dem beim Quartett des Wahnsinnssaxofonisten Marius Neset, der in seinem neuen Programm „Cabaret“ alles von Zirkusmelodien über Funk bis zu Schlagzeug-Battles hochkomplex und doch höchst eingängig durcheinanderwirbelt.
Ein spannendes Festival im Festival war wieder die erst vor vier Jahren in der KulturWIRtschaft in der Allgäuhalle gestartete Reihe „Women in Jazz“. Die spannte diesmal den Bogen von den „Female Instincts“ betitelten Lyrikerinnen-Vertonungen von Katrin Avison über den vieles von Hildegard Knef bis zu Südamerikanischem umfassenden  klassischen Jazzgesang Eva Morenos bis zur doppelten Antonia Dering: Die Sängerin widmete sich erst am Kontrabass und nur begleitet nur vom Gitarristen Giangiacomo Rosso alten wie neuen Schlagern, dann als Teil des Damen-Kollektivs SiEA an den Electronics einem fulminanten und variantenreichen Indie-Jazz.
Für Blues- und Oldtime-Fans war wieder das Wirtshaus „Zum Stift“ die feste Anlaufstelle, morgens zum „Musikerfrühstück“, abends zum „Bluescafe“. Von Swing der unverwüstlichen Allotria Jazzband und Engelbert Wrobels Swingin‘ La, ging es über den Südstaaten-Blues von Abi Wallenstein, Henry Heggen und Ludwig Seuss, den R&B-Soul von San2 und den Bluegrass von Grass Root Ties bis zum kabarettistischen Tastenfeuerwerk eines Martin Schmitt.
Eines der Highlights war der Festival-Ausflug auf das auf 1000 Metern gelegene Alpe Müller Bergrestaurant: In der durch Johannes Schleiermacher erweiterten Basis-Trio-Besetzung bewies Marja Burchard mit Embryo erneut, wie stimmig sie das Band-Erbe ihres Vaters in die Zukunft zu führen vermag. Ihre rauschhaften weltmusikalischen, rhythmisch mit 10ern, 11ern und 15ern höchstschwierigen Stücke brachten einen bei strahlendem Wetter vor dieser Bergkulisse ins Schweben.
Weitere Zielgruppen wurden mit Open-Air-Konzerten zur Eröffnung, Kinderkonzerten, Galerie-Jazz, einem Jazz-Gottesdienst und tanzbaren Sounds bei den Kleks-Nights im Künstlerhaus (mit Komfortrauschen, Ziggy Zeitgeist, Pho Queue und Sorvina) bedient. Ein wieder einmal beachtliches Programm also. Weil es von so vielen Ehrenamtlichen und örtlichen Sponsoren an den Start wie ins Ziel gebracht wird, hat es ein solides Fundament und gute Zukunftsaussichten. Dem Jazzfrühling können anders als anderswo wohl auch kommunale Sparzwänge und politische Wechsel wenig anhaben.
Text und Fotos von Oliver Hochkeppel