Die ein wenig versteckt in der Predigergasse liegende Dominikanerkirche St. Blasius war bisher keineswegs als Hort überschäumender Lebensfreude und unbändiger Bewegungslust bekannt. Seit letztem Wochenende ist das anders. Schon vor dem Konzert der in München beheimateten Jazzrausch Bigband, die den bewusstseinsverändernden Zustand bereits im Namen trägt, hatten sich vor dem schmalen Eingang am Albertus-Magnus-Platz lange Menschenschlangen gebildet. Geduldig warteten sie auf Einlass in die nur selten zugängliche frühgotische Basilika.
Es war, wie es eine ältere Besucherin zurückhaltend ausdrückte, „ein ganz besonderes Erlebnis“. Das war vom Ort, der nach vorne zum Altar gerichteten Bänke, der für fast die Hälftedes Publikums ungewohnten Musikmischung aus Jazz und technoiden Grooves bis hin zur Form der Musikaufnahme in der Tat. Bevor sich die Besuchenden einen Platz in dem von draußen erhellten Kirchenraum einen Platz suchen konnten, bekamen sie von Mitgliedern der Bigband einen Kopfhörer mit dem Hinweis in die Hand gedrückt, dass ein Teil der Musik nur über dieses Hilfsmittel zu hören sei.
Mittig im Hauptschiff, wo sich Haupt- und Quergang kreuzen, war eine eher kleine Bühne aus mehreren Elementen aufgebaut, die – wie sich wenig später herausstellte – Platz für 15 oder 16 Musikern bot. Die genaue Zahl liess sich durch die Anordnung und die gedämpften Lichtverhältnisse mit einer farbig flammenden und zuckenden Lightshow nicht ermitteln. Fast so dicht gedrängt wie das Publikum, das in den Gängen und Bänken tanzte oder zumindest Kopf und Hüften zu den unerbittlich vorwärtspeitschenden Rhythmen bewegte, standen die Musiker.
Wenn die Bläser nicht gerade Saxofone, Trompeten, Posaunen oder Klarinetten bedienten, waren auch sie am Tanzen und Grooven. In ihrer Mitte der Schlagzeuger. Der trommelte geisterhaft auf einem elektronischen Drumkit, das wie die Stimme von Sängerin Caroline Weiß, Gitarre, Bass und Keyboards ausschließlich über die halbdurchlässigen Kopfhörer zu hören war. Setzte man diese während des etwa 75-minütigen Konzertes zeitweise ab, konnte man noch die Bläser und die mit dem Münchner Kantor und Organisten Tobias Frank besetzte Kirchenorgel hören, den Rest nur erahnen.
Letztlich lag darin auch das Hauptmanko des ungewöhnlichen Konzertereignisses. Zwar hörte man mit dem technischen Hilfsmittel auch die nicht über Kopfhörer laufenden Solo von Bandleader Roman Sladek, Posaune, und anderen Solisten. Die sich immer wieder verändernde Akustik des riesigen Kirchenraumes und manche feinen Nuancen bei Improvisationen aber gingen bei dieser Form der Musikrezeption unter.
Dem von Sladek in seiner Anfangsmoderation ausgegebenen Motto, „seid glücklich, habt Spaß und tanzt“, tat das keinen Abbruch. Die Besuchenden liessen sich auf das inhaltlich auf die besondere Örtlichkeit abgestimmte Erlebnis ein und gaben sich dem elektrisierenden Genuss voll hin. Es war wohl auch dieses besondere Programm, das sechsteiliges Werk „In Heaven´s Sake“, welches mit den Ausschlag gab, dass die Kirche für die Aufführung genutzt werden konnte.
Die Band, die sich in den zwölf Jahren ihres Bestehens weltweit in Clubs und auf Festivals mit Programmen zu Beethoven, Bruckner und Wittgenstein einen Namen gemacht hat, stellte in St. Blasius ihr neues Programm vor. „Um Himmels Willen“, wie die mindestens zweideutige Übersetzung des Werks von Komponist Leonhard Kuhn lautet, befasst sich „eher metaphysisch mit dem was über uns ist“, beschrieb Sladek die Musik. Das gehe von den Vögeln zu den nahen Planeten, zur Sonne und immer tiefer in den Raum hinein. Praktisch spielten dabei die Orgel mit ihrem Wumms und vor allem der Gesang und Sprechgesang von Weiß eine große Rolle. Die raunte bedeutungsvoll über Beginn und Bestehen der Welt, sang wunderschön und tobte sich in weiten Vokalisen aus. Dem Zusammenwirken von orchestralem Sound und stimulierenden Technorhythmen setzte die von der Band mitgebrachte Lightshow zudem optisch ein Krönchen auf.
Michael Scheiner