Zum neunten Mal – das Kölner Festival „Vive Le Jazz“ lebt

img_2263Von Dietrich Schlegel – Welch feine Nuance doch in der französischen Aussprache von Jazz liegt im Vergleich mit der amerikanisch-englischen und international gebräuchlichen Ursprungsversion, weich und sanft, fast zärtlich kommt er daher, der Jazz à la française. Von wegen! Der Jazz, den die junge französische Musikergeneration pflegt, lässt keine Assoziationen zu Douceur oder Chanson d’Amour zu. Hier geht es kraftvoll zu, laut und lärmend, dissonant und anarchisch. Klanggewitter und Geräuschkaskaden aus erfindungsreich manipulierten Instrumenten stürzen den Zuhörern entgegen und über sie hinweg. Die Widerspiegelung gesellschaftlicher Zustände? Echo auf unsere reale laute und lärmerfüllte Welt?

Diese umwerfende Energetik und widerborstige Kreativität zeigte sich wie schon in den Vorjahren erneut auch beim Festival „Vive le Jazz“, das von seinem nimmermüden Initiator und Organisator, dem Jazzpublizisten Hans-Jürgen von Osterhausen, tatkräftig unterstützt von seiner Partnerin Marieke Rabe, nun schon zum neunten Mal in Köln realisiert worden ist. 35 Musiker in neun Bands verteilten sich im Oktober und November auf acht Konzerte. Der ursprünglichen Idee eines regelmäßigen französisch-deutschen Jazz-Austauschs folgend bestritten auch diesmal 16 französische und zehn deutsche Musiker das Programm, zumeist in gemischt besetzten Formationen. Zu ihnen gesellten sich auch einige polnische Musiker, denn seit zwei, drei Jahren überschreitet von Osterhausen mit seinem Trägerverein „Jazz am Rhein e. V.“ auch die Grenzen nach Osteuropa, nach  Ungarn, Tschechien und eben Polen.


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Wie bereits im letzten Jahr trug das Programm den Stempel der intensiven und freundschaftlichen Zusammenarbeit von Jazz am Rhein e.V. mit der Musikerinitiative MUZZIX in Lille. Ergänzend kam in kleinerem Rahmen die Kooperation mit einer Musikervereinigung in Kattowitz hinzu. Einen Überbau bilden die regionalen Partnerschaften des Landes Nordrhein-Westfalen mit der nordfranzösischen Region Nord-pas-Calais-Picardie und der polnischen Region Schlesien, deren jeweilige Hauptstädte Lille und Kattowitz zugleich Partnerstädte Kölns sind. Folgerichtig lautet der vollständige Titel des Festivals „Vive le Jazz et Culture EUROPE 2016“, zumal das Programm auch wieder andere Kulturbereiche wie Literatur, Film und Fotografie enthielt.

Mitveranstalter waren die rege Kölner Musikerinitiative KLAENG und das Institut français Cologne, das neben dem LOFT, Hotspot für zeitgenössischen Jazz, auch als Spielstätte diente. Zu den Sponsoren, ohne die es nun einmal nicht geht, zählten das Land Nordrhein-Westfalen, die Stiftung der Sparkasse Köln/Bonn, ein namhafter Einzelhandelskonzern und die Kölner Citroen/Peugeot-Zentrale. In deren lichten Ausstellungshallen wurde das Festival mit einer Ausstellung des viel gefragten Jazzfotografen Hyou Vielz und einem zweiteiligen Konzert eröffnet. Den Opener gab das gut gelaunte Trio „Un Poco Loco“ – Fidel Forneyron (tb), Goeffroy Gesser (ts/cl), Sébastien Beliah (b) –  , das Klassiker wie „Dinah“, „High Society“, „Tin Tin Deo“ oder Bernsteins „Tonight“ virtuos und humorig gegen den Strich bürstete. Im zweiten Teil gaben das Kölner Duo Filippa Gojo (voc) / Sven Decker (cl/bcl) Proben aus ihrer hochgelobten aktuellen CD „vertraum“ (jazzzeitung.de vom 18.01.2016).

Nach dem gelungenen, gut besuchten Auftakt bot das nächste Konzert ein Musterbeispiel für die Intention des Festivals. Zehn Musiker aus Paris, Lyon und Köln bildeten ein „Elektro Tentet“, das elektronische Musik mit Modern Jazz, Chanson und Popmusik verschmolz, ein vom Deutsch-Französischen Jugendwerk unterstütztes Projekt des Saxophonisten Sébastien Jarrousse und der Kölner Vokalistin Hanna Schörken. Das im Verlauf einer Woche erprobte Konzept stieß bei seiner Premiere im voll besetzten LOFT auf großen Beifall. Weitere Konzerte, u. a. beim Goethe-Institut in Paris, und eine Plattenaufnahme bei France Musique sind für nächstes Jahr geplant. WDR 3 hat das Konzert mitgeschnitten und wird es zu einem späteren Zeitpunkt senden.

Wie schon im Vorjahr so wurde das Konzert des Projekts „Muzzix meets Klaeng“ im Institut français zu einem Highlight des Festivals. Der Pianist Peter Orins und sein Bassist Christophe Haché aus Lille trafen erneut auf zwei mehrfach ausgezeichnete Stars der Kölner Szene, Niels Klein (ts) und Jonas Burgwinkel (dr). Aus dieser Paarung ist bereits eine gut eingespielte Band geworden, die den mit viel Beifall aufgenommenen Soli der hervorragenden Improvisatoren, einschließlich der beiden perfekt abgestimmten Sidemen an Bass und Schlagzeug, ein stabiles Gerüst bietet. Dieses Kooperationsprojekt wird auch weiter fortgesetzt.

Der Auftritt des polnischen Geigers Marcin Halat aus Kattowitz gemahnte an die Tradition der großen polnischen Jazzgeiger Zbigniew Seifert und Krzesimir Debski, ohne jedoch deren Klasse zu erreichen. Er hatte es im ersten Set, in dem er mit seinem Trio auftrat, auch schwer, sich gegen den seine eigene Show aufführenden, wie selbstverliebten Drummer Krzysztof Gradziuk zu behaupten. Auch dem ausgezeichneten Bassisten Maciej Garbowski gelang es nur mit Mühe, die Bindung zwischen den Dreien herzustellen. Im zweiten Set gesellte sich der exzellente, mehrfach ausgezeichnete Kölner Pianist Pablo Held hinzu, und das Konzert gewann gehörig an Qualität. Hier konnten sich Violinist und Bassist voll entfalten, während Gradziuk sich geplant oder nolens volens zurückhielt und einfühlsam seiner Aufgabe als rhythmischer Background nachkam. Held und Halat ergänzten sich großartig in eher getragenen, impressionistisch-balladesken Stücken, die von Garbowski, dem jazzigsten Mitglied des polnischen Trios, dann aufgeraut wurden, wenn es der Innerlichkeit fast schon zu viel wurde. Das finale Stück entwickelte sich dann, getragen von einem schönen Solo Pablo Helds und einer von Marcin fast schon „hot“ gespielten Geige, aus einer Art Romanze zu einer richtig groovenden Jazznummer, die das zahlreich erschienene Publikum begeistert applaudieren ließ.

Das Trio „WEI 3“ wurde als vertrauter Freund begrüßt, spielte es doch bereits in den beiden Vorjahren mit großem Erfolg bei „Vive le Jazz“. Es handelt sich dabei um ein wahrhaft völkerverbindendes Projekt mit einer sogar politischen Note. Das Trio mit dem Kölner Pianisten indischer Herkunft Jarry Singla, dem bereits genannten Bassisten Maciej Garbowski aus Kattowitz und dem Schlagzeuger Peter Orins aus Lille wurde 2013 in Erinnerung an die 1991 vorgenommene Gründung des sogenannten Weimarer Dreiecks zwischen Deutschland, Frankreich und Polen formiert. Durch seine Auftritte sowohl in Köln als auch in Lille und Paris, demnächst auch in Kattowitz, dient „WEI 3“ gewissermaßen als Synonym für die Kooperation der Jazzinitiativen in den drei Städten. Singlas Kompositionen werden durch orientalische, fernöstliche Klangbilder bestimmt, verstärkt durch seine häufigen Eingriffe in den Flügel und kongenial begleitet von Garbowskis – auch gestrichenem – Bass oder seinem Cello. Leider werden die leiseren, lyrischen Momente durch Orins oft zu lautes Schlagzeug zugedeckt. Aber vielleicht muss dieser Kontrast sein.

Laut, sehr laut ging es überwiegend zu bei einem anderen grenzüberschreitende Projekt, ebenfalls einem Trio, gebildet aus dem österreichischen, in Köln wohnenden Pianisten Philipp Zoubek, dem Gitarristen Ivan Cruz aus Lille und dem Schlagzeuger Marcin Witkowski aus Warschau. Zoubek ist bekannt als Protagonist des präparierten Klaviers, der mit einer Unzahl an Materialien aus dem Alltagsleben experimentiert, um immer noch neue Sounds und Geräusche zu erzeugen, verstärkt noch durch elektronische Zutaten vom Keyboard. Im Zusammenspiel mit Schlagzeug und vor allem elektronisch überladener Gitarre entstanden dann tönende Cluster, die für empfindsame Ohren zeitweise bis zur Unerträglichkeit gesteigert wurden und sich vom Kriegslärm der aktuellen Berichterstattung aus dem Nahen Osten kaum unterschieden. Aber möglicherweise waren solche Parallelen beabsichtigt. Trotz dieser Einwände – die Musiker hatten den durch konkurrierende Veranstaltungen oder das Länderspiel Italien-Deutschland verursachten extrem schwachen Besuch nicht verdient.

Leider gab es bei diesem wie auch einigen der anderen Konzerte keine oder nur lapidare, wenig erhellende Ansagen, was doch gerade bei sehr komplexer Musik den Zuhörern dienlich sein könnte. Dieser Mangel traf auch für das letzte Konzert zu, bestritten im Institut français vom französisch-japanischen Quartett „Kaze“, das von MUZZIX unterstützt wird. Die Trompeter Christian Pruvost und Natsuki Tamura spielten in den ersten Titeln langgezogene, fast elegische Linien, teils unisono, teils sich kontrapunktisch umspielend. Die Pianistin Satoko Fuji nutzte mit vollen Akkorden und perlenden Läufen die Tastatur, griff aber abwechselnd mit vollen Händen auch in die nicht präparierten Saiten des Flügels, erzielte zuweilen sehr zarte Klänge dadurch, dass sie eine Nylonschnur wiederholend durch bestimmte Saiten zog. Aber in der Mitte des Konzerts entfernten sich die Trompeter von ihren reinen, manchmal Fanfaren ähnlichen Klängen, um dann diese strahlende Clarté mittels unkonventioneller Behandlung ihrer Instrumente bewusst zu zerstören. Dem gewollten Chaos schlossen sich der Schlagzeuger Peter Orins und die Pianistin lückenlos an. Die Zuhörer akzeptierten diesen Wechsel mit anhaltendem Beifall.

Literatur und Film bereicherten das Konzertprogramm. Im Institut français wurde der 2015 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete, gerade in deutscher Übersetzung erschienene Roman „Kompass“ durch seinen Autor Mathias Énard präsentiert – die Erinnerungen eines Wiener Musikwissenschaftlers an seine Forschungsreisen in den Orient. Immer wurden im Rahmen von „Vive le Jazz“ auch Filme vorgeführt, möglichst mit Bezügen zu Musik, so u. a. „Fahrstuhl zum Schaffott“ mit der berühmtem Musik von Miles Davis, „Des Femmes disparaises“ mit Art Blakey, „Außer Atem“ mit Martial Solals Musik, eine Dokumentation über Michel Petrucciani. Diesmal gab es den Dokumentarfilm „Il est minuit – Paris s’veille“, eine Hommage an den Geist des „rive gauche“ von Paris, mit Legenden wie Charles Aznavour und Juliette Gréco.

Großes Vergnügen bereitete das Filmprojekt von MUZZIX, auf das sich der Pianist Stefan Oris mit seinem Trio als Begleiter von Stummfilmen spezialisiert hat. Für dieses Jahr waren die 1918 gedrehte Komödie „Ich möchte kein Mann sein“ von Ernst Lubitsch und das um dieselbe Zeit entstandene berühmte „Triadische Ballett“ des Bauhaus-Lehrers Oskar Schlemmer, in der neuen Verfilmung von 1970, ausgewählt worden. Großer Beifall für die einfühlsame Begleitmusik“.

Es bleibt zu hoffen, dass es Hans-Jürgen von Osterhausen auch im nächsten Jahr gelingen wird, genügend Sponsoren und helfende Institutionen aufzutreiben, um „Vive le Jazz“ zum zehnten Mal realisieren zu können, wegen der vielen zeitgenössischen, manchmal provozierenden, aber immer anregenden Musik, aber nicht zuletzt auch wegen des vorbildhaften Beispiels seiner grenzüberschreitenden Aktionen im Bereich des zeitgenössischen Jazz.

Fotos: Institut francais

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