Toots Thielemans. Foto: German Jazz Trophy

Vom Hot Club de France in die Sesamstraße – ein Nachruf auf Toots Thielemans

Toots Thielemans. Foto: German Jazz Trophy
Toots Thielemans. Foto: German Jazz Trophy

In Brüssel, wo Jean Thielemans am 29. April 1922 geboren wurde, spielte er als Kind zunächst Akkordeon im Café seiner Eltern. In den Jahren 1943 und 44 wechselte er zur Gitarre und spielte die Musik der Platten von Django Reinhardt und Stephane Grappelli nach. Doch sein Lieblingsinstrument blieb sein „Toy“, das Spielzeug: die Mundharmonika. Jetzt starb Thielemans am 22. August im Alter von 94 Jahren in Brüssel. Aus diesem Anlass publiziert www.jazzzeitung.de die Laudatio, die Andreas Kolb anlässlich der Verleihung der German Jazz Trophy an Thielemans im Jahr 2004 verfasst hat.


Laudatio zur German Jazz Trophy 2004
Von Andreas Kolb

Lieber Toots Thielemans, sehr verehrte Damen und Herren,

als ich bei der Vorbereitung dieser kleinen Rede mit Toots Thielemans einen Termin für ein Telefoninterview verabreden wollte, stellte sich heraus, dass es gar nicht so einfach ist, ihn ans Telefon zu kriegen. Denn Toots Thielemans ist ständig auf Reisen: im Oktober zum Beispiel zwischen Stuttgart, Baden-Baden, New York und Seoul. Pro Jahr kommen so etwa 250 Konzerte zusammen – eine beachtliche Zahl. Die German Jazz Trophy, die dieses Jahr zum vierten Mal vergeben wird, erhält Toots Thielemans jedoch nicht für diese beeindruckende Zahl, sondern für sein Lebenswerk. Das Attribut der German Jazz Trophy, A Life for Jazz, trifft auf niemanden so gut zu, wie auf Toots Thielemans: Noch immer arbeitet der Zweiundachtzigjährige mit dem Enthusiasmus eines Zwanzigjährigen. Ein Ausruhen auf seinen Lorbeeren kennt er nicht. Toots Thielemans „lernt und übt“ ( so seine eigenen Worte) weiterhin und hat somit niemals den Anschluss ans aktuelle Jazzgeschehen verpasst, noch immer ist er ein zeitgenössischer Musiker, dessen Stimme und dessen Beitrag zählt.

Dass dem so ist, werden Sie im Anschluss hören, wenn Toots Thielemans gemeinsam mit seinem Duopartner, dem Pianisten Bert Van den Brink, uns ein Panorama seines Schaffens gibt, mit einem Programm zwischen Gershwin, Bossa Nova und Coltrane – auch die Filmmusik wird nicht vergessen werden.
Wir leben in einer Welt des Spezialistentums. In der Klassik drückt sich das zum Beispiel in der bekannten Trennung zwischen E- Musik, der ernsten Musik, und der U-Musik, der Unterhaltungsmusik, aus.
Diese strikte Trennung kennt der Jazz glücklicherweise nicht so stark –was unter anderem auch die steigende Beliebtheit des Jazz erklärt. Die Musik von Toots Thielemans ist das beste Beispiel, dass Vergnügen und Ernsthaftigkeit kein Widerspruch sind. Sie gehören in der Musik zusammen, sind sozusagen nur zwei Seiten der gleichen Medaille.
Toots Thielemans selbst beschreibt das so: „Meine Musik ist zwischen einem Lächeln und einer Träne, between a smile und tear.“ Und weiter: „Du kannst Bossa Nova ernst spielen und John Coltrane mit einem Lächeln.“ Und: „Mit der Freude (in der Musik) ist es mir sehr ernst.“

Nun – wie es sich gehört – ein kurzer Ausflug in die spannende Vita unseres Preisträgers.
In Brüssel, wo Jean Thielemans am 29. April 1922 geboren wurde, spielt er als Kind zunächst Akkordeon im Café seiner Eltern. Sein „Erweckungserlebnis“ für den Jazz beschreibt er so: „Ich wollte Mathematik-Lehrer werden, ich war nicht schlecht, aber ich war kein Einstein. 1942, mitten in der Deutschen Besatzungszeit, gab es in der Nähe meiner Brüsseler Wohnung einen kleinen Schallplattenladen. Die Dame im Laden sagte: Jean, du musst diese Platte kaufen „Louis Armstrong & the Mills Brothers“. Er kaufte die Platte. Und wenig später eine Harmonika. Die belgischen Musiker, mit denen er – zunächst als ein Hobby – spielte, sagten ihm, er könne ein guter Musiker werden, aber die Mundharmonika sein ein Toy, ein Spielzeug. Ein Freund besorgte ihm eine Gitarre, und er spielte in den Jahren 43 und 44 die Musik der Platten von Django Reinhard und Stephane Grappelli nach.“

Die Kollegen raten Toots Thielemans nicht nur, doch alternativ Gitarre zu lernen, sie schlagen für die Plakatwerbung auch den Namen „Toots“ vor. (nach dem damals bekannten Saxofonisten Toots Mondello aus der Band von Benny Goodman). Dieser Name passe besser zum Swingstil, glauben sie. Dabei bleibt es ein Leben lang. Bei einem USA-Besuch 1948 hört ihn der Musikagent Billy Shaw und vermittelt einen Kontakt zu Benny Goodman, der Toots Thielemans dann während einer Europatournee engagiert. Der Bebop gibt ihm danach einen kreativen Schub zur Entwicklung seines Stils: Charlie „Bird“ Parker, mit dem er 1951 in Schweden auftritt, für die Mundharmonika, und Charlie Christian für die Gitarre.„ Du musst aufmerksam und andächtig zuhören, darum geht es in der Musik“, meint der Autodidakt Jean Thielemans.

Nach der Übersiedlung in die USA 1952 startet Toots Thielemans zu einer Weltkarriere. Bedeutende Partner sind George Shearing, in dessen Quintett er bis 1958 spielt, und Bill Evans sowie Quincy Jones, mit dem Toots Thielemans noch heute befreundet ist. Sein erstes Album „Man Bites Harmonica“ stellt ihn mit Pepper Adams (bs), Kenny Drew (p), Wilbur Ware (b) und Art Taylor (dr) als Mundharmonikaspieler und Gitarristen im Cool Jazz Stil vor. Eine besondere Auszeichnung und Ehre ist für Toots Thielemans, dass Stéphane Grapelli ihn 1962, nach Django Reinhardts Tod, auf den Gitarrenplatz des Hot Club de France beruft. In dieser Zeit entsteht aus einer Spezialität von ihm, nämlich unisono zum Gitarrenspiel zu pfeifen, der Hit „Bluesette“, eine hübsche Melodie im Dreivierteltakt , die seine „Altersversorgung“ wird, wie Toots Thielemans einmal gegenüber einem Journalisten meint.

Quincy Jones ermuntert unseren Preisträger dazu, Filmmusik zu schreiben. Es entsteht die Musik zu „The Getaway“ und sogar die Titelmelodie für die – nach dem Sputnik-Schock entstandene – amerikanische Kinder-Bildungssendung „Sesamstraße“.

Auch als Jingle-Komponist wird Toots Thielemans immer gefragter. Als er vor 42 Jahren Bluesette aufnahm (mit Pfeiffen und Gitarre), da war dieser Klang des Pfeiffens ein neuer Sound für in der Werbung. Toots Thielemans ist Vollblut-Jazzer, doch die Honorare aus der Werbung nimmt der junge Musiker gerne mit. „In den 60ern, damals flog John Glenn ins All, pfiff ich für Werbespots“, erzählt Toots Thielemans schmunzelnd über seine ersten Erfahrungen in der Welt des schönen Scheins. Als Werbemusiker kommt er automatisch in eine andere Gewerkschaft und macht die angenehme Erfahrung einer Tantiemenausschüttung. O-Ton Thielemans: „Es war das erste Mal, das ich Geld verdiente, indem ich zu Hause blieb und TV schaute.“
Mit 50 Dollar pro Werbeclip (vor vierzig Jahren etwa soviel wert wie heute 500 Euro) war bereits die Miete eingespielt.

Interessanter als diese Ausflüge in die Werbung, ist jedoch der Effekt, dass sich seine „verführerischen Mundharmonikaklänge“ (Washington Post) und sein mildes, variables Jazz-Parlando nun auch viele zeitgenössische Kollegen für ihre Musik wünschen: darunter Jaco Pastorius und Pat Metheney, oder Popstars wie Paul Simon und Billy Joel, oder brasilianische Stars wie Gilberto Gil und Milton Nascimento. Toots Thielemans führt bis heute die Liste der Down Beat Befragung „Verschiedene Instrumente“ an, sodass die Redaktion schon überlegte, diese Rubrik „Toots“ zu nennen. Er spielte mit allen amerikanischen Stars, darunter Sarah Vaughan, Charlie Parker, Dizzy Gillespie. Shirley Horne, Jaco Pastorius, Bill Evans, George Shearing, Benny Goodmann, Quincy Jones, Stan Getz und Gerry Mulligan. Sogar mit Louis Armstrong spielte Toots Thielemans: für 30 Sekunden in einem Werbejingle.

Toots Thielemans spielt jedoch nicht nur mit der Creme der amerikanischen Künstler. Auch in Europa tritt er mit allen Größen auf und es soll nicht unerwähnt bleiben, dass auch alle unsere bisherigen German Jazz Trophy Preisträger darunter waren.
Erwin Lehn etwa trifft er 1959 zum ersten Mal. Es ist sein erster Besuch in Stuttgart. Dann Paul Kuhn: Den lernt Toots Thielemans nach dem Krieg in den amerikanischen Offiziers-Clubs kennen, noch bevor er nach Amerika geht.“ Als er 1959 Arbeit sucht – nach dem Ende seines Engagements bei George Shearing, führt Paul Kuhn – damals bereits das populäre Paulchen – Toots Thielemans bei wichtigen deutschen Radiostationen und deren Tanzorchester ein.
Sogar mit dem „Youngster „ Wolfgang Dauner arbeitet Toots Thielemans bereits in den frühen Sechzigern: In der Allstar Big Band von Peter Herbolzheimer.

Wenn Toots Thielemans in Stuttgart, der baden-württembergischen Landeshauptstadt die German Jazz Trophy erhält, dann darf eine Sache nicht unter den Tisch fallen: sein Instrument.
Toots Thielemans spielt eine chromatische Mundharmonika in C, hergestellt von der Trossinger Firma Matthias Hohner. Mit drei Oktaven, beginnend beim eingestrichenen C, verfügt das Instrument über den Tonumfang einer Querflöte. Nach den Vorschlägen von Toots Thielemans baute Hohner die Modelle „Toots Mellow Tone“ und „Toots Hard Bopper“.
Ohne schwäbische Handwerkskunst würde es den ganz besonderen, weltweit bekannten Toots Thielemans-Sound nicht geben. Made by M. Hohner, Trossingen, steht auf dem Instrument. Aber ohne die wunderbare Musik made by Toots Thielemans, Brüssel, wären wir heute nicht hier. Denn Toots Thielemans gehört, da bin ich derselben Meinung wie Quincy Jones, „zu den bedeutendsten Musikern unserer Zeit.“

Lieber Toots, herzlichen Glückwunsch zur German Jazz Trophy.

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