Konzert mit Gesprächigkeit – Jazzfest Berlin 2015: Vorspiel

Seit einiger Zeit laden die Berliner Festspiele vor großen Ereignisse noch einmal zu einer Extraveranstaltung ein. „Music & Public Talk“, so nennt sich das, klingt fluffiger als „Gesprächskonzert“ oder Konzert mit Gesprächen. Auf der Bühne zusammen oder abwechselnd die Musikerinnen Julia Kadel und Alexander Hawkins, der Festivalleiter Richard Williams, sein Hinterfrager Arne Schumacher (Radio Bremen) und die Koordinatorin des Festivals: Nadin Deventer. Eintritt frei.


Eigentlich ein tolles Team, großartige Musikerinnen umrahmen Gespräche über das in drei Wochen folgende Festival. Aber so ganz geht die Rechnung nicht auf. Man sitzt auf der Bühne, am Rand hinten eine Bar. Der Blick fällt auf ein Klavier zur Linken, eine große Leinwand mittig und einen Stehtisch mit Mikrofonen halbrechts. Dahinter der leere Saal. Man ist eigentlich irgendwie das Geschehen selbst und doch in Reih‘ und Glied im auf Sitzplätzen.

Nach einer kurzen Begrüßung durch die stellvertretende Intendantin der Berliner Festspiele, die offenbar ein bisschen an Bert Noglik, dem Leiter der drei letzten Jahre, hängt, darf sich Julia Kadel an das Klavier begeben und spielt drei Stücke im Gesamtumfang von ca. 30 Minuten.

Julia Kadel

Ein ziemlich guter Einstieg, Kadel ist, wie könnte es anders auch sein, mittenmang im Tastentonfeld und misst es aus mal mehr repetitiv, als mehr in strukturiertem Fließen des Melos. Introvertiert, hohe Anschlagkultur, feinsinnig gesponnen und dann in groovende Flüsse zu münden. Beim letzten Stück lässt sich das an, als ob sie zu einer ausgiebigen Fuge ansetzt. Das Thema schreit danach. Und wenn mich nicht alles täuscht, sind die Kerntöne dieses Themas gleich denen aus dem letzten Satz von Mozarts sogenannter Jupitersymphonie. Kadel ummodelt sie ebenso einfach wie geschickt und verleiht ihnen dadurch den zündenden Überschuss, der die Improvisation antreibt.

Alexander Hawkins

Wie anders läuft das bei Alexander Hawkins, der das Gesprächskonzert mit weiteren 30 Minuten Klavier-Soloimprovisation beschließt. Was bei Kadel so kultiviert aufklingt, ist hier ungestüm, wild. Hawkins rutscht die Tradition unter den Händen geradezu durch. Bis sie dann und wann auftaucht im Netz der expressiven Spielweise (Jazzstandards zum Beispiel). Cluster und Walking Bass sind zusammenklingend, manches tönt wie aus Leos Janaceks Harmonie-Welt hineingeschliffen. Dann kehrt er wieder das breite Spektrum des Klavierklangs hervor.

Vielfalt, Entgrenzung – Mehr Welt in Berlin

Die beiden Solistinnen führen im Prinzip das vor, was Festivalleiter Willams vorgeschwebt haben mag. Ein Fest der Extreme, der Vielfalt, der Entgrenzung. Berlin ist der Ort an dem dann Musiker aus 30 Nationen fürs Jazzfest sich zusammenmixen. Mit einem Festival im Festival mit dem Schwerpunkt Klaviertrio, das, Williams, die Jazzformation ist, die dem Streichquartett in der E-Musik entspräche. Immer spürt man den Druck, dass hier vor Ort dem Engländer Williams die Berliner Luft entgegenschlägt. Er wirkt wie unter Legitimationsdruck, weil seine Schwerpunktsetzung nicht in erster Linie der Berliner Szene zu Diensten ist. Da muss man zwischen den Zeilen lesen und zwischen den Worten hören (siehe das Interview von Ralf Dombrowski in der nmz 10/2015). Ein bisschen offensiver dürfte Williams dies schon nach außen tragen, auch wenn vielen das missfallen wird.

Kulturpolitik & Hörerschaften

Nadin Deventer hatte dann die beiden Musikerinnen zu sich zum Gespräch gebeten. Man redete unter anderem über den Einfluss des amerikanischen Jazz auf den europäischen. Interessanter war für mich aber das Gespräch mit Deventer nach der Veranstaltung. Sie wies auf ihren im Programmheft abgedruckten Beitrag „Talking ‘bout my generation – Zusammenschlüsse – Erfindertum – Burnout … & dann noch die Sache mit den Frauen“ hin, der einen großen Bogen um die kulturpolitische Lage des Jazz vor Ort zog und dabei durchaus die finanziell-prekäre Lage der gesamten Szene und ihre Veränderungen in den letzten 20 Jahren resümiert. (Hier ab Seite 29)

Nadin Deventer wünscht sich für die Zukunft noch mehr jüngere Zuhörerinnen für das Festival und denkt dabei auch über die räumliche Expansion in den Stadtosten nach. Ich denke nicht, dass der Veranstaltungsort vom Besuch abhält (als neulich Dillon hier gastierte, war der Saal voll mit jungen Zuhörern). Auch sollte man präzise definieren, wo für einen „junges Publikum“ beginnt und wo es endet (sind es die 15- bis 25-Jährigen oder die 25- bis 35-Jährigen oder die 35- bis 45-Jährigen?; oder alle die zusammen?) – um es mal in Umwandlung eines Rockmusik-Bonmots zu sagen: „too young to jazz, too old to die“.

Sicher ist: So ein Presse- und Publikumsgespräch mit Musik ist dafür einigermaßen wenig geeignet. Da hat man so wunderbare Musikerinnen, die so flüchtig-wuchtige Musik in den Raum gießen und mehr oder weniger deutlich unterbrochen werden von dazu relativ wenig unterhaltsamem Gespräch. Die Wirkung einer Talkshow, wie aus dem Fernsehen bekannt, stellt sich dabei nicht ein. Einerseits mag man das bedauerm, andererseits erspart es einem die Flachheit des hochgeschaukelten Tagesthemas. Man wünscht sich: Schneller, kürzer – weniger Ballgeschiebe, steilere Pässe auf die Flügel …

Besser als alles Gespräch haben die Musikerinnen es vermocht, die ästhetischen Ränder improvisatorisch zum Klingen zu bringen. Wenn das Jazzfest daran anschließt, darf man sich wohl freuen auf die Tage vom 5.11. bis 8.11. beim Jazzfest Berlin 2015.

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