Replik auf Händels Groll

Lieber Händel,

Mit Staunen erlebe ich, wie Sie aus einer wenig ernsthaften – weil glossistischen – publizistischen Mücke einen schwergewichtigen – trotz Satirik – allzu staatstragenden Elefanten machen. Ich will nicht sagen aus einem kleinen Furz eine kapitale Blähung, denn immerhin tragen Ihre Ausführungen viel Erhellendes zu Halle und dem WiJ-Festival bei, wofür ich Ihnen danke. Das kulturelle Mordor des Ostens, das sie da beschreiben, mag ich mir allerdings in meinen dunkelsten Träumen nicht vorstellen. Mit dem akribischen Zerpflücken meiner „Argumente“ zeigen Sie Handwerkskunst, doch was lohnt’s gegen die schamlosen Übertreibungen und Überzeichnungen eines Ironikers? Ich empfehle zur Entspannung den Genuss der taktlos-News von Theo Geißler und Martin Hufner, die beiden können das vermutlich besser als ich.

Worin Sie die Schmähung des Festivals, der Frauen oder der Stadt in meinem Blogpost erkennen wollen, will sich mir nicht ganz erschließen. Der ehrenwerte Händel pflegt zwar eine Neigung zur Satire, scheitert aber in seiner Beziehung zur Ironie auf fulminante Weise.

Zunächst darf ich Ihnen versichern, dass ich prinzipiell nichts gegen ein Festival habe, das sich jazzender Frauen annimmt. Es gibt genug außergewöhnlich gute und auch erfolgreiche Musikerinnen, um ein solches Unterfangen qualitativ auf sichere Beine stellen zu können. Ihr Lament für die Frau im Musikbusiness reizt mich daher nicht zur Trauer.

Was die Schweden (eigentlich geht’s ja um die -innen) angeht, sehe ich in ihnen nur ein Synonym für die gefühlt omnipräsente Heerschar skandinavischer Künstler, die das von Ihnen so genannte „bajuwarische Hochglanzlabel des Jahres“ ins musikalische Feld schickt und bewirbt, als wenn es kein Morgen gäbe. Meine Spitze war also gegen das genannte Label gerichtet, das, auch durch diese umtriebige Pressearbeit, suggeriert, es ginge nicht mehr ohne Solveigs, Idas, Caecilies, Viktorias und Rigmors. Keine übertriebene Affinität zu Ritterordenträgern jedenfalls (wobei ich ihm den durchaus gönne).

Und bevor der evtl. mitlesende, von mir geschätzte Presseverantwortliche ebendieses Labels eine Schmähung seiner Künstler ausmacht: Nein, ich will keine überflüssige Qualitätsdebatte vom Zaun brechen, diese Leute haben schon ihren berechtigten Platz. Das ACT-Bashing, wie es Martin Laurentius in seinem Kommentar beschreibt, will ich nicht betreiben – dazu müsste man ohnehin einen schwereren Hammer auspacken. Während ich jetzt darüber schreibe, merke ich allerdings, wie langweilig und überholt das Skandinavier-Thema eigentlich ist. Es wurde schon zuviel gesagt und Laurentius hat hier recht, es geht ohnehin um die Musik und das Können jedes Einzelnen.

Wenn ich Händel richtig verstehe, findet er/sie „eitle Abgehobenheit“ von Klugtönern“ wie mir nicht dienlich für die Sache des Jazz oder der Frauen im Jazz. Mag sein, aber ich bin auch kein Werbefuzzi, der die vermeintlichen oder auch die bestehenden Qualitäten seiner Kundschaft in den höchsten Tönen loben muss. Ich denke, wer genau liest, kann erkennen worum es mir geht – nämlich niemals gegen die Künstler.

Die Jazzzeitung berichtet im Übrigen regelmäßig über WiJ (WiJ 2006, WiJ 2008, WiJ 2009, WiJ 2010), so auch in diesem Jahr. Ihren Vorwurf der „desinteressierten Medien“ dürfen wir daher reinen Gewissens an uns vorbeigehen lassen. Wir haben den „blubberblasigen Kakao“ nicht gebraut, durch den Sie die Jazzfrauen gezogen sehen.

Das bereits begonnene Festival können Sie in Ruhe genießen, denn ich werde mein Klugtöner-Dreirad besteigen und es den Fluss hinaufsteuern, nicht die Saale, auch nicht Rhein oder Ruhr, sondern – Sie ahnen es – die Isar, wo ein Stück weiter flussaufwärts eine schöne ockerfarbene Villa steht, in der viele blonde und nicht so blonde Schwedinnen einem weisen alten Mann lauschen. Wenn wir Glück haben, kommt auch eine Cellistin namens Lars und spielt uns vor…

Schöne Grüße,

Jörg Lichtinger

PS: Ihr Bild vom Notenschlüssel pinkelnden kleinen Siggi finde ich übrigens ehrlich großartig!

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2 Kommentare

  1. Zumindest der mdr kommt an Women in Jazz nicht vorbei: mdr FIGARO hat zu den Auftritten von Randi Tytingvåg (Norwegen) und Cristin Claas (Sachsen-Anhalt!/Berlin) in Halle Interviews geführt.

    http://www.mdr.de/sachsen-anhalt/halle/8201785.html

    Ein Mitschnitt des Konzerts von Cristin Claas (mit l’arc six & dem Kammerchor des Universitätschores Halle „Johann Friedrich Reichardt“) bei WiJ wird im Programm von mdr FIGARO am 14.2.2011; 20.05 Uhr gesendet.

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