Emotion und Freigeist: Emile Parisien Quartett im Essener Grillo-Theater

Emile Parisien habe in der letzten Zeit viel über Digitalisierung, über die Sogwirkung von Bildschirmgeräten und über Multi-Tasking nachgedacht. So umriss der Saxophonspieler aus Okzitanien  zur Begrüßung seines Publikum die programmatische Idee zum neuen Album „Double Screening“ –  und dies setzte auch die Koordinaten bei einem Live-Konzert in perfekter Kollektiv-Chemie.  Die Band wurde im Essener Grillotheater begeistert gefeiert!


Die Antworten auf zuviel digitale Verzettelei finden auf der Livebühne in Essen dann aber so analog und musikalisch entschlossen wie nur möglich statt. Unerschöpfliche Weiten, die gar kein WWW brauchen, tun sich angesichts der riesigen Fantasie aller vier Spieler an diesem Konzertabend allemal auf.

Allein Parisiens Tongebung und Klangkultur auf dem Instrument ist schon Abendprogramm genug: Oft wie ein orientalisches Blasinstrument beschwörend und trotz der hohen Tonlage des Soprans irgendwie auch mystisch dunkel, dabei gerne latent orientalistisch die Intervalle verschleifend – so mutet sein Spiel über weite Strecken an. Bei allem Freigeist wird immer wieder dezidiert in klar definierte Jazz-Diktionen vorgestoßen – ja, es nimmt den Atem, wie diese Band swingen kann!

Solche aberwitzig synkopengespickten Highspeed-Neobop-Höllenritte sind immer wieder Fazit der vorausgegangenen instrumentalen Fantasiereisen. Aber auch Bindeglied, denn sie sorgen für kompakten Zusammenhalt der Töne, Rhythmen, Ideen, Spieler und ihres staunenden Publikums. Mal tanzen die Saxofonlinien in mediterran phrasierter Tanzrhythmik, die der neue – überhaupt extrem extrovertiert agierende- Schlagzeuger Julien Loutelier mit unablässiger Aktion befeuert. Regelmäßig interveniert Pianist Julien Touéry mit vehementer Klangbrillanz. Parisien ist flexibel immer und überall, türmt seine Kaskaden so komplex auf, als wären hier gleich mehrere Hörner am Werk. Wenn Bassist Ivan Gélugne nicht gerade mit seinen Tönen die Geschicke lenkt, versenkt er sich in mystisch meditativen Solo-Monologen. Auch auch hieraus gehen beständig neue, sich verästelnde Ideengebäude und so mancher Freejazz-Ausbruch hervor.

Überhaupt: Diese beständigen Prozesse, in denen alles ständig in etwas neues mutiert, bekommen diese Musiker in gleichberechtiger Kollektiv-Chemie fabelhaft hin. Je weiter die Horizonte ausufern, umso mehr zeigt sich die wahre Größe in der Balance.  Immer wieder gehen aus kühner Abstraktion Passagen von lyrischer, freudvoller Wärme hervor. Einmal weckt sogar ein fast discoartiger Beat spontane Lust zum darauf Tanzen, während  Parisien weiter in hymnischen Melodienbögen schwelgt. Den Moment feiern – so geht das! Sämtliche langen Stücke an diesem Abend sprühen vor solchem Reichtum. Vor allem das Zugabenstück hinterlässt mit seinem raffinierten Ideengeflecht ein staunendes Publikum in Essen.

Das Emile Parisien Quartett verströmt heute deutlich mehr routinierte Perfektion bei alldem. Geblieben sind die „typische französischen“ Qualitäten für einen zeitgenössischen Jazz im 21. Jahrhundert: Unmittelbare Emotion, Aufrührertum und bestechendes Können!

 

Nächster Livetermin

Donnerstag, 6. März, Birdland, Neuburg an der Donau

Alle Fotos: Stefan Pieper

 

 

 

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