Kryptisch verstreute Bilder einer vergessenen Zeit

Mathias Bäumel hat sich Stevan Kovacs Tickmayers neue CD „Cryptic Scattered Images of Time Forgotten“ angehört:Betäubender Blumenduft schlug mir entgegen. Eine eigenartige Pflanzenwelt gedieh hier. Langstenglige, hornförmige Blumen, deren Blütenblätter wie aus schwarzem Samt waren. In der Ecke ein Lilienbusch, weiße Lilien mit riesigen Kelchen. Überall verstreut niedrige, dünnstielige Blumen, deren Blütenblatt, deren einziges Blütenblatt von schwacher roter Farbe war. Es schien, dass sie den unbekannten, süßen Duft aussandten, der einem fast den Atem nahm. In der Mitte des Gartens wuchsen in Mengen purpurrote, dicke Blumen. Ihre fleischigen, seidig glänzenden Blüten hingen in das hochgewachsene, giftgrüne Gras.“


Diese Passage entstammt der Novelle „Der Garten des Zauberers“ des Schriftstellers und Psychiaters Géza Csáth, der am 11. September 1919 in der Nähe von Kelebia, wahrscheinlich durch Suizid, ums Leben kam. Nach der Fortsetzung der Beschreibung des opulenten Blumenreichtums und des enigmatisch wirkenden Gartens erzählt Csáth anschließend von den im Gartenhaus versteckten, zwergartigen „Räubern“, die nachts durch „die Zimmer lungern“, Schlösser aufbrächen, den Kindern die Köpfe abschnitten und ihre Dolche in den Herzen der Väter steckenließen. Schließlich verlassen die Gartenbesucher das wuchernde und dämonische Geheimnis, der Leser weiß nicht, ob das ein Tagtraum war oder ein Blick in die Vergangenheit oder eine gedankliche Vorwegnahme von Künftigem.

Stevan Kovacs Tickmayer, der Csáth zu seinen Lieblingsschriftstellern zählt, hat sich als Komponist und Improvisator mehrfach mit Novellen Csáths – besonders auch mit dieser – beschäftigt; nun bilden die Kompositionen „Der Garten des Zauberers“ und „Im Garten des Zauberers“ den Rahmen der neuen CD seines Kontraszt-Trios („Cryptic Scattered Images of Time Forgotten“). Das Hören dieser CD kommt, symbolisch gesprochen, einem Streifzug durch einen abwechslungsreichen, teils wild wuchernden, teils feinstrukturierten geheimnisvollen Klanggarten gleich.

Tickmayers bisheriges Œvre umfasst einen ähnlich vielgestaltigen Kosmos an Musik. Ab 1986 schuf der aus Novi Sad stammende ungarische Künstler, der seit dem Ausbruch des Jugoslawienkrieges 1991 in Paris lebt, kammermusikalische Werke (darunter ein Duo für Tasteninstrumente und Saxofon, aber auch Hymnen zum Gedenken an Andrej Tarkowski), Kompositionen für Ballett und sowie auch Musik für das Theater (bspw. zu Tišmas „Buch Blam“). Gemeinsam mit Chris Cutler gründete er 1997 die Avant-Rock-Band The Science Group, deren Entstehung auf langjährige Kontakte zwischen diesen beiden Musikern zurückgeht und an deren Konzerte und CD-Aufnahmen als Gäste auch Fred Frith, Amy Denio, Bob Drake, Mike Johnson und Claudio Puntin mitwirkten.

Die Nähe Tickmayers zur Musikauffassung der Rock-in-Opposition-Bewegung und des Avant-Rocks wie Henry Cow, Art Bears oder Thinking Plague sowie zur Neuen Musik lässt sich über die Jahre auch anhand von Veröffentlichungen Tickmayers auf Chris Cutlers Recommended Records nachvollziehen; „Gaps, Absences“, „Repetitiv Selectiv Removal of one Protecting Group“ und „Cold Peace Counterpoints“ sind Meisterwerke einer zeitgenössischen Musik, die – angeregt durch Literatur, Film, zeitgenössische Malerei und auch Musikgeschichte – expressive, freiere Improvisationen, elektronische Klanggebilde, Liedhaftes, Avant-Rockiges, Popmusikalisches und Einflüsse verschiedener Folkmusiken in sich vereint.

In der Reihe der Veröffentlichungen des Trios Kontraszt (gemeinsam mit dem Saxofonisten István Grencsó und wechselnden Drummern) entwickelt Tickmayer seine vielgestaltige Ästhetik noch tiefer in die Welt des zeitgenössischen Jazz hinein. Wer nun das neue Werk „Cryptic Scattered Images of Time Forgotten“ hört, gewinnt den Eindruck, dass dieses Musik gewachsen ist aus den – sagen wir – Wurzelballen, die über die Jahre, ja: Jahrzehnte gehegt und gepflegt worden sind und die nun klare, markante, leuchtende Blüten und Blätter ins Freie wachsen lassen.

Der „Garten des Zauberers“ hebt mit sich langsam entwickelnden, geheimnisvoll wirkenden Klängen an, die wie unheimliche Nebel über eine Landschaft bizarrer, vereinsamter Töne schweben. „Dark Ramifications“ könnte die kaum wahrnehmbaren Wucherungen und Verzweigungen gierigen Wurzelgeflechts in das Innere beschreiben, dessen Äußeres wir vielleicht zu kennen glauben. Szenenwechsel mit „Different Divisions and Rags“: Locker vom Hocker wird hier das Äußere skizziert, vor dessen Inneren man sich fürchtet. Als »Skurrilität in Jazz« kann man das Stück „Night Song of Icicles on the Banks oft he Danube“ nennen – es erklingt ein hymnisches, kollektives Nach-oben-Drängen, wie man es vielleicht aus der Hoch-Zeit des mitteleuropäischen Freejazz kennt.

Mit „Sinbad Waltz“ kehrt die Stimmung des Beginns zurück: geheimnisvoll, gelassen, dämonisch, aber auch betörend melodisch, verführerisch und wild vergleicht Tickmayer seine Lebensphasen mit den Reisen Sindbads. Wie dieser streift Tickmayer hier durch die Zeit und blättert in den Kapiteln seines Lebens mit der weiten Ruhe vergangener Zeiten, von seinen Jahren in Novi Sad über die Zeit an der Budapester Schule für freie Musik bis zu seinen Studien in den Niederlanden. Auf diese Weise finden freie und zeitgenössische Musik, Tanzmusik und die Jazzsprache alle einen Platz nebeneinander – was auch verschieden akzentuiert für die restlichen, hier unerwähnten Stücke gilt.

Insgesamt: Kryptisch verstreute Bilder einer vergessenen Zeit.

Mathias Bäumel

 

Trio Kontraszt: »Cryptic Scattered Images of Time Forgotten«, BMC CD 290.

 

 

 

 

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