CD-Rezension: Polyjazz mit Hans Lüdemanns TransEuropeExpress

Hans Lüdemann TransEuropExpress, „Polyjazz“ BMC Records CD 246


Ich will mal keine Namen nennen. Aber es gibt eben Pianisten/Komponisten, die einer unter den Freejazz-Hörern bekannten Tradition folgen, zu deren Ausprägung sie selbst auch beigetragen haben: die Tradition des expressiven, intuitiven, formal meist ausufernden freien Spiels, mit dem der Pianist seine innere, psychische Befindlichkeit, seine kreativen Anspannungen ebenso wie seine individuallyrischen Vorstellungen per Tastenkaskaden und instant composing nach außen bringt, hämmert, glöckelt … Zweifellos haben diese Musiker die Kunst des Freejazz-Pianos zur Blüte gebracht und sind weder aus der Jazzgeschichte noch aus der Jazzgegenwart wegzudenken. Aber da wäre zu denken, sehr bemerkenswert, der Umgekehrt (würde Tucholsky sinngemäß sagen …). Pianisten/Komponisten, denen es nicht, oder besser: nur sehr vermittelt darum geht, ihr eigenes Ich spannungsgeprägt nach außen zu spiegeln, sondern vor allem darum, mit ihren eigenen Mitteln (und denen der Mitspieler) Musikstücke zu gestalten, die einer sich stets wandelnden Struktur von Melodien, Rhythmen und Harmonien folgen. Nicht instant composing, sondern Balance zwischen vorher gestalteten Elementen und eingeflochtenen Improvisationen. Zu diesen brillanten Pianisten/Komponisten gehört Hans Lüdemann, in seiner Art vielleicht der am meisten beeindruckende in Deutschland. Nach jahrelanger Arbeit mit vielen Ensembles verschiedener Formate und Projekte (RISM, afrikanische Musik) nun das Mittelformat zwischen Kleingruppe und Bigband, der deutsch-französische TransEuropExpress. Lüdemann sagt selbst: „Der TransEuropeExpress ist keine klassische Jazzband, sondern eine unkonventionelle Formation, die maximale kreative Spielräume eröffnet und für die es keine Grenzen gibt.“ Und weiter: „Die eigens für den T.E.E. komponierten Werke der Musiker und die gemeinsam geschaffenen Improvisationen zeichnen sich durch eine stilistische Offenheit aus.“ Ergebnis: Eine klanglich vielgestaltige, kraftvolle, kontrastreiche Musik, die sowohl wunderschön schön als auch wunderschön dreckig wirkt. »Ein ›Polyjazz‹, in dem sich europäische Polyphonie und dynamische Polyrhythmen mit Mikrotonalität und elektronischen Klängen verbinden und der sich von der Postmoderne im Jazz verabschiedet«. Deswegen ist die Musik interessant, herausfordernd, strukturell anspruchsvoll und dennoch markant, eingängig und „verständlich“ – was könnte es interessanteres geben?

Mathias Bäumel

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