Virtuoser Grenzgänger und Flunkerer – Rabih Abou-Khalil im Leeren Beutel

„Auch auf diese Eventualität sind wir vorbereitet“, lächelt Rabih Abou-Khalil  verschmitzt ins Publikum. Nach der ersten Zugabe hat es dieses nicht mehr auf den zugewiesenen Stühlen gehalten. Alle sind auf den Beinen und rufen mit rhythmischem Klatschen und begeisterten Trillern und Kicksern nach mehr Musik. Den Abschied nach einem zweistündigen Konzert voller Tempo, Innigkeit, getragenen Klängen und mitreißender Power gestaltet der Komponist und Oudspieler mit seinen Partnern Mateusz Smoczynski (violin) und Jarrod Cagwin (drums) mit einem ruhigen Stück.

Er habe es über ein Thema geschrieben, erläutert Abou-Khalil, welches viele berühre. Von vielen verachtet, wolle der dieses Thema – Die (Kunst der) Lüge – mit seiner Musik verteidigen. Unter den innigen Bogenstrichen des virtuosen polnischen Geigers und den verhaltenen Schlägen Cagwins auf der großen Rahmentrommel zeichnet sich eher eine ruhige Wertschätzung, als eine vehemente Rechtfertigung ab.  Es ist ein ernstes und zugleich sinnlich-schönes Stück, welches noch einmal die Tiefe und Vielseitigkeit des musikalischen Kosmopoliten unterstreicht.

Grenzgänger

Der gebürtige Libanese, der lange in der Nähe Münchens gelebt hat, ist künstlerisch ein Grenzgänger. Früh hat er einen Weg gefunden traditionelle arabische Musik mit westlichen Formen von Klassik über Jazz bis Blues auf einzigartige Weise zu verbinden. Neben ausgeklügelten Kompositionen mit häufig komplexen rhythmischen Formen bildet die Improvisation ein tragendes, unverzichtbares Element, das die unterschiedlichen kulturellen Ausdrucksformen wie mit einem Zauberband verbindet. In den ersten Jahrzehnten nach Ankunft und Studium 1978 in München spielte er häufig mit Musikern aus dem Jazz und Grenzbereichen zusammen. Lediglich der syrische Rahmentrommler Nabil Khaiat war lange Jahre bei fast allen Produktionen und Tourneen mit dabei.

Dessen Rolle nimmt seit Ende der 1990er Jahre der US-amerikanische Schlagzeuger Jarrod Cagwin ein, der sich intensiv mit der Musik vieler alter Kulturen beschäftigt und das Spiel auf den Rahmentrommeln studiert hat. Ebenso wie der polnische Geiger Smoczynski ist er ein hochvirtuoser Musiker und agiert auf feinste Nuancen und musikalische Emotionen seiner beiden Mitspieler. Häufig setzt Cagwin eigene Akzente, wobei er sich eines Schlagzeugs bedient, welches nur in wenigen Teilen dem klassischen Drumset entspricht. Mit diversen Rahmentrommeln bis zur Baßtrommel statt der üblichen Hängetoms entwirft er ein gänzlich anderes Klangbild als gewohnt.

Modern und traditionsbewusst

Ein Bild des zugleich modernen und traditionsbewussten Musikern ist unvollständig, wenn Abou-Khalils Moderationen unerwähnt bleiben. Er flunkert und fantasiert mit Selbstironie, Lebensfreude und trockenem Witz, wenn er über Songs oder seine Musiker erzählt. Ein Talent, das ihn zum ebenbürtigen Mitspieler großer Erzähler werden lässt. Sollte er einmal keine Musik mehr machen wollen oder können, wird man nicht lange auf das erste Buch zu warten brauchen. Lediglich beim „Requiem für meine (verstorbene) Mutter“ bleibt er ernst wie die getragene Melodie des klassisch inspirierten Stücks, in dem Smoczynski mit einem eindringlichen Solo eine Stimmung voller Hingabe und zärtlicher Passion entwirft. Ein leidenschaftlicher Abend auf und vor der Bühne, endlich wieder vor mehr Publikum.

Text und Fotos: Michael Scheiner

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