„Das ist die Art Musik, die Gott hören würde!“ Ein Eintrag unter einer Aufnahme von „Naima“, die John Coltrane mit seinem Quartett 1965 bei einem belgischen Festival eingespielt hat, erinnert an die fast mythische Verehrung, die der amerikanische Musiker manchmal bis heute genießt. Der zwei Jahre später verstorbene Saxophonist hatte diese Komposition seiner ersten Frau Juanita „Naima“ Coltrane gewidmet. Mit dieser hingebungsvoll interpretierten Ballade eröffnete ein Quartett um Uwe Steinmetz das Konzert „Coltrane 100 – A Love Supreme“ beim Jazzclub im Leeren Beutel Regensburg – und traf das Publikum gleich mitten ins Herz.
Ungewöhnliches Format
Die gut besuchte Veranstaltung zum 100. Geburtstags eines der bedeutendsten Musiker des 20. Jahrhunderts hatte ein ungewöhnliches Format. Statt einfach bekannte Stücken zu spielen, hatte Steinmetz die Journalisten Roland Spiegel vom BR und den Autor dieses Beitrags eingeladen. In Gesprächsrunden zur Person und zu Wechselwirkungen von Jazz, Spiritualität und Demokratie gingen sie der Wirkung des großen Musikers auf Jazz und Popkultur nach. Es gibt um den inneren und äußeren Nachklang, den dieser große Musiker bis heute hat.
Für Spiegel, der beim Bayerischen Rundfunk tausende von Jazzsendungen moderiert hat, ist „Coltrane der bedeutendste Instrumentalist des Jazz“. Seinen immensen Einfluß bereits zu Lebzeiten illustrierte er an einem Interview mit dem Pianisten Joachim Kühn. Der erzählte von einem Aufenthalt mit seinem Bruder Rolf 1967 in New York. Ihnen lag „wahnsinnig viel daran, den hochgeschätzten Saxofonisten zu treffen“. Seine Frau Alice bat die europäischen Besucher eine Woche später wiederzukommen, Coltrane ehe es nicht gut.
Bevor es dann zu einer Begegnung kam, verstarb der Musiker. Daraufhin schrieben die Kühn Brothers das Stück „The saddest day“. Der italienische Trompeter Enrico Rava erlebte bei einem Anruf seines Freundes Aldo Romano, wie dieser vor lauter Schluchzen nicht sprechen konnte und Benny Golson gestand in einem weiteren Interview: „Ich ging in mein Zimmer und weinte!“ Ausführlich gingen Spiegel und Steinmetz auf den besonderen Klang Coltranes auf seinem Instrument, die „sheets of sound“ ein, die sein Spiel wesentlich prägten.
Jazz und Demokratie
Im zweiten musikalischen Block holte Steinmetz Uli Teichmann an der Klarinette als special guest auf die Bühne. Mit Christian Diener (bass), Schlagzeug-Wizard Gerwin Eisenhauer und dem Bayreuther Pianisten Victor Alcantara interpretierten sie gemeinsam „India“, wo sich Coltrane bereits mit indischer Musik befasste. Als einziger im Saal hatte der 83-jährige Teichmann Coltrane in München live erlebt, wie sich bei der nächsten Gesprächsrunde zu „Jazz und Demokratie“ herausstellte. Allerdings, gab Teichmann zu bedenken, habe er von Coltrane nur wenige Takte gehört. Der für sein kraftvolles Spiel bekannte Elvin Jones habe „40 Minuten ein Schlagzeugsolo getrommelt“.
Am Zitat „Jazz ist Demokratie“ des für Regensburg prägenden Pianisten und Musikpädagogen Richard Wiedamann beleuchtete der Autor selbst einige politische Aspekte. Die Wechselwirkung mit demokratischen Bezügen wie Freiheit, Gleichberechtigung, Individualität und Überwindung nationaler, religiöser und sonstiger Grenzen, wie der Hautfarbe, ist auch heute noch enorm hoch.
Spiritualität
Auf die Spiritualität in Coltranes Spiel, mit dem er etwas Positives in die Welt setzen wollte, gingen Steinmetz und der Pianist, Professor und Arrangeur Alcantara in einem Dialog ein. Alcantara sieht darin „den Versuch Coltranes die Membran zum Geistigen zu durchstoßen“. Das berühmte und vermutlich millionenfach verkaufte Album „A Love Supreme“ bezeichnete Steinmetz als „als ein Geschenk für uns“. Den Weg zu einem solchen Meisterwerk, „um damit Gott zu danken, dass man leben darf“, könne man nicht abkürzen. „Auch nicht mit KI“, unterstrich er mit Blick auf schwierige Lebensphasen des mit 40 Jahren am 17. Juli 1967 verstorbenen Jazzgiganten. Selbst sah sich dieser garnicht als einer der Jazz spielt. „Wenn ich spiele“, erklärte er in einem Interview, „spiele ich John Coltrane“, ergänzte Spiegel.
Für eines seiner bekanntesten Stücke, den Musical-Song „My Favorite Things“ holte Steinmetz, der mit Emphase und klarem Ton Alt- und Sopransaxofon spielte, noch einmal Teichmann auf die Bühne. Umspielt von zarten, kaum hörbaren Besenstrichen Eisenhauers auf Becken und Fellen stellte er mit einer eindrucksvollen, vielschichtigen Improvisation sein kulturübergreifendes Verständnis von Jazz heraus.