Müde Helden
Der britische Schriftsteller Nick Hornby berichtet in seinem Buch „31 Songs“, wie er im Jahr 1975 die damals schwer angesagte Rockband Led Zeppelin in einem Konzert im Londoner Earls Court hörte. Während einer der zahlreichen Instrumentalsoli sei er mal eben rausgegangen, die Earls Court Road hinunter, habe ein Pint Bier getrunken und eine Partie Poolbillard gespielt – doch als er zurückkam, sei das Solo noch immer nicht zu Ende gewesen. Ganz so schlimm war es bei der Jan Garbarek Group in der Münchner Isarphilharmonie nicht. Aber fast.
Oder genauer: anders. Denn während die von Nick Hornby geschmähten, in Wahrheit für ihre Zeit und ihr Genre ungewöhnlich innovativen Soli der Musiker von Led Zeppelin oft den (von Hornby also bei einem Pint Bier verpassten) Höhepunkt ihrer Shows markierten, haben die der Jan Garbarek Group nur eines mit den britischen Luftschiffern der Siebzigerjahre gemein: Sie sind (nicht manchmal, sondern leider immer) zu lang. Was schade ist, denn sie könn(t)en das ja auch anders (besser).
We always solo and we never solo
Möglich, dass die Jan Garbarek Group an diesem Montag, den 26.10.2026, in der Münchner Isarphilharmonie einfach einen schlechten Tag hatte. Möglich auch, dass das Konzert unter keinem guten Stern stand: Der Sound im Saal war noch mieser, als es bei Jazzkonzerten in diesem Raum ohnehin meist der Fall ist. Nur Jan Garbareks unvergleichlicher Ton auf dem Sopransaxofon erhob sich wie immer in strahlender Schönheit über das Ganze.
Gut möglich aber auch, dass das Problem tiefer liegt, ein konzeptuelles ist: Wenn in einem rund zweistündigen Konzert gefühlt vier Fünftel der Zeit einzelne Musiker Soli spielen, müssen die Soli schon außergewöhnlich gut sein. Das waren sie nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn man von einem guten Solo das erwartet, was man überhaupt von guter Musik erwartet: eine irgendwie geartete, im besten Fall klug durchdachte Dramaturgie zum Beispiel. Einen Anfang und ein Ende, Dynamik, Gestaltung. Idealerweise: eine Überraschung. Nicht aber: Effekthascherei. Yuri Daniels Basssolo etwa bestand vorwiegend aus geloopter Selbstbespiegelung, am Ende in ein bisschen Geslappe mündend, weil das ja immer gut ankommt, dann aber unvermittelt abbrechend. Von dynamischer Gestaltung keine Spur. (Wie man mit dergleichen Geräten nicht effektheischend, sondern musikdienlich hantieren kann, könnte sich Yuri Daniel zum Beispiel gut, ja sehr gut bei seinem Labelkollegen Björn Meyer abgucken.)
Rainer Brüninghaus’ Solo am Flügel weckte wehmütige Erinnerungen an sein im Jahr 1981 erschienenes Soloalbum „Freigeweht“, das bis heute zu den schönsten Veröffentlichungen des ECM-Labels gehört. Und Trilok Gurtu? Weil der Abend unter dem Label „Jan Garbarek Group feat. Trilok Gurtu“ stand, durfte der indische Percussionzauberer nicht bloß ein Solo spielen. Sondern eigentlich dauernd solieren (was nicht nur Nick Hornby keine Freude gemacht hätte). Immerhin hatte sein letztes ausgedehnteres Solo dann aber doch zumindest einen Hauch von Dramaturgie und einige schöne, Naturgeräusche nachahmende, ein aufziehendes Gewitter imaginierende Effekte. Zudem gab es zwischen ihm und Jan Garbarek für einen kurzen Moment sogar etwas, das dem Konzert ansonsten leider gänzlich fehlte: musikalische Kommunikation miteinander auf Augenhöhe: im Sinne von Joe Zawinuls „We always solo and we never solo“.
So aber wechselte das Konzert zwischen kurzen gemeinsam gespielten Stücken, die Garbareks ei-gentliche Kunst zelebrierten – mit vergleichsweise wenigen, aber eben unverwechselbar stets nach ihm selbst klingenden Tönen. Es gelang ihm, hymnische Melodien zu kreieren und eine Atmosphäre zu schaffen, bei der man sich selbst unweigerlich am Fjord stehen sieht, den Nordlichtern hinterherblickend – und jenen länglichen Intermezzi, in denen sich die übrigen Musiker hinter dem Flügel oder hinter einer Bassbox auf einen Stuhl setzten, um dem Publikum halb verborgen darauf zu warten, dass der gerade Solierende sein Solo beendet.
Im Norden nichts Neues?
Wer also wissen will, wie die Jan Garbarek Group heute klingt – und das ist das zweite grundlegende Problem –, der kann sich auch gut das Album „Dresden“ anhören, das 2007 aufgenommen und 2009 auf ECM veröffentlicht wurde. Das Line-up ist bis auf Manu Katché, der heute von Trilok Gurtu ersetzt wird, das gleiche – und das Repertoire ist es mehr oder weniger auch. Nichts Neues also, aus dem hohen Norden?
Nun könnte man die Frage stellen, ob es gerecht ist, einem Musiker, der im nächsten Jahr seinen 80. Geburtstag feiert und der im Übrigen in seiner besten Zeit – an der Seite von Musikern wie Keith Jarrett, mit dem Hilliard Ensemble, aber auch mit Einspielungen unter seinem eigenen Namen – Musikgeschichte geschrieben und auf seinem Instrument stilbildend gewirkt hat, vorzuwerfen, dass er nun seit mindestens 20 Jahren mehr oder weniger das Gleiche macht. Dass er also ein Meister geworden ist, statt interessant zu bleiben, wie das Thomas Mann einst in einem Essay über Adelbert von Chamisso formulierte: „Es ist die alte, gute Geschichte. Werther erschoss sich, aber Goethe blieb am Leben. Schlemihl stiefelt ohne Schatten, ein ,nur seinem Selbst lebender‘ Naturforscher, grotesk und stolz über Berg und Tal. Aber Chamisso, nachdem er aus seinem Leiden ein Buch gemacht, beeilt sich, dem problematischen Puppenstand zu entwachsen, wird sesshaft, Familienvater, Akademiker, wird als Meister verehrt. Nur ewige Bohemiens finden das langweilig. Man kann nicht immer interessant bleiben. Man geht an seiner Interessantheit zugrunde oder man wird ein Meister.“
Jan Garbarek war als Musiker einmal überaus interessant, heute ist er ein Meister und wird als Legende verehrt: Zur Chronistenpflicht gehört nämlich auch die Erwähnung, dass er am Ende in der gut gefüllten Münchner Isarphilharmonie vom Publikum gefeiert wurde. Schade ist es trotzdem, dass er nicht zumindest versucht, interessant(er) zu bleiben. Denn dass das auch anders und besser geht, hat zuletzt beispielsweise Joachim Kühn gezeigt: Drei Jahre älter als Jan Garbarek, veröffentlichte er in diesem Jahr bei ACT ein Album, in dem er sich mit „Young Lions“ umgibt: Musikern, die nicht einmal halb so alt sind wie er. Und: Das ist eines der besten Alben seiner ganzen Karriere geworden…
Beitragsbild: Jan Garbarek Group in der Isarphilharmonie, Foto: Robert Fischer

Beitragsbild: Trilok Gurtu, Foto: Robert Fischer